Globale Krankheitslast: Lebenserwartung steigt, aber mehr Todesfälle bei Jugendlichen

Seattle/Berlin – Die weltweite Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen, zugleich nehmen gesundheitliche Ungleichheiten und die Sterblichkeit unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in mehreren Regionen zu.
Die aktuelle, dreiteilige Global-Burden-of-Disease-Studie (GBD), veröffentlicht in The Lancet und auf dem World Health Summit in Berlin vorgestellt, liefert die umfassendste Bestandsaufnahme zu Krankheiten, Todesursachen und Risikofaktoren weltweit.
Die Veröffentlichungen zur globalen Krankheitslast wurden von einem Team um Christopher Murray, Direktor des Institut für Gesundheitsmetriken und Bewertung (IHME) an der University of Washington School of Medicine, und dem GBD Collaborator Network verfasst, das 16.500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler umfasst.
Diese sammelten und analysierten Daten und erstellten Schätzungen für 375 Krankheiten und Verletzungen sowie 88 Risikofaktoren nach Alter und Geschlecht in 204 Ländern und Gebieten sowie 660 subnationalen Standorten von 1990 bis 2023. Insgesamt wurden über 310.000 Datenquellen genutzt, rund 30 % davon neu für diese Iteration.
Demografische Analyse: Problematische Trends
Die altersstandardisierte Sterblichkeitsrate ist seit 1950 global um 67 % gesunken. Die Lebenserwartung erreichte 2023 76,3 Jahre für Frauen und 71,5 Jahre für Männer und kehrte damit auf das Niveau vor der COVID-19-Pandemie zurück. Dabei gibt es indes große geografische Unterschiede: So reicht die Lebenserwartung von 83 Jahren in Regionen mit hohem Einkommen bis zu 62 Jahren in Afrika südlich der Sahara.
Darüber hinaus zeigt die demografische Analyse (The Lancet 2025; DOI: 10.1016/ S0140-6736(25)01330-3) besorgniserregende regionale Entwicklungen: Die Zahl der Todesfälle stieg in der Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen in Nordamerika zwischen 2011 und 2023 am stärksten — vor allem durch Suizide, Drogenüberdosierungen und hohen Alkoholkonsum. Auch bei den 5- bis 19-Jährigen stiegen die Todesfälle in Osteuropa, Nordamerika mit hohem Einkommen und der Karibik an.
Bei den unter 5-Jährigen verzeichnete Ostasien von 2011 bis 2023 hingegen den größten Rückgang der Sterblichkeitsrate, was auf eine bessere Ernährung, Impfstoffe und stärkere Gesundheitssysteme zurückzuführen ist. Über den gesamten Studienzeitraum ging die Sterblichkeit der Säuglinge so stark zurück wie in keiner anderen Altersgruppe.
Verbesserungen der Modellierungen für die GBD-Studie 2023 zeigen auch, dass einige Zahlen höher waren als zuvor geschätzt, so etwa bei den Sterblichkeitsraten von Kindern im Alter von 5 bis 14 Jahren in Subsahara-Afrika von 1950 bis 2021. Dieser Anstieg wird auf infektiöse Erkrankungen, Müttersterblichkeit und unbeabsichtigte Verletzungen zurückgeführt.
Die neuen Berechnungen ergeben zudem, dass die Sterblichkeit bei jungen erwachsenen Frauen im Alter von 15 bis 29 Jahren in Afrika südlich der Sahara um 61 % höher war als zuvor geschätzt, hauptsächlich aufgrund von Müttersterblichkeit, Verkehrsunfällen und Meningitis.
„Das rasante Wachstum der alternden Weltbevölkerung und die sich wandelnden Risikofaktoren haben eine neue Ära globaler Gesundheitsherausforderungen eingeläutet“, wird Murray in einer Mitteilung zitiert. „Die in der Studie zur globalen Krankheitslast vorgelegten Erkenntnisse sind ein Weckruf und fordern Verantwortliche in Regierungen und im Gesundheitswesen auf, schnell und strategisch auf die beunruhigenden Trends zu reagieren, die die Bedürfnisse der öffentlichen Gesundheit neu gestalten.“
Todesursachen: Verschiebung hin zu NCDs
Die zweite Teilanalyse (The Lancet, 2025; DOI: 10.1016/S0140-6736(25)01917-8) dokumentiert eine klare Verlagerung der Haupttodesursachen: Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) wie ischämische Herzkrankheiten, Schlaganfälle und Diabetes machen mittlerweile fast zwei Drittel der globalen Sterblichkeit und Morbidität aus. Auch in einkommensschwachen Regionen kam es hier zu einem starken Anstieg, was der Studie zufolge einer weitere Belastung für Ländern mit ohnehin schon begrenzten Ressourcen ist.
Nachdem COVID-19 noch 2021 die häufigste Todesursache war, fiel die Infektionskrankheit 2023 auf Rang 20 zurück; an der Spitze stehen nun wieder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle.
Seit 1990 sanken zwar Sterblichkeitsraten bei vielen infektiösen Erkrankungen (darunter Durchfallerkrankungen, Tuberkulose, Masern) – zugleich stiegen Todesraten durch Diabetes, chronische Nierenerkrankungen, Alzheimer und HIV/AIDS in vielen Regionen. Das mittlere Sterbealter stieg global von 46,4 Jahren (1990) auf 62,9 Jahre (2023) mit deutlichen regionalen Unterschieden.
Zudem sank die Wahrscheinlichkeit, vor dem 70. Lebensjahr zu sterben, von 2000 bis 2023 in allen GBD-Superregionen und -Regionen, wobei Drogenkonsumstörungen eine der Hauptursachen für einen vorzeitigen Tod waren.
Risikofaktoren: Fast die Hälfte der Krankheitslast vermeidbar
Die dritte Studie (The Lancet, 2025; DOI: 10.1016/ S0140-6736(25)01637-X) widmet sich den Risikofaktoren: Fast 50 % der globalen Mortalität und Morbidität im Jahr 2023 wurden auf 88 veränderbare Risiken zurückgeführt. Angeführt werden hoher systolischer Blutdruck, Feinstaubbelastung, Rauchen, hoher Nüchternplasmaglukosespiegel und hoher BMI.
Zwischen 2010 und 2023 stiegen die DALY-Raten („disability-adjusted life years“) für hohen BMI um knapp 11 %, für Drogenkonsum um fast 9 % und für hohen Blutzucker um 6 %. Die DALY quantifizieren verlorene Lebensjahren in voller Gesundheit.
Die Studie arbeitet auch heraus, dass klimasensible Risiken wie Luftverschmutzung und Hitze weiterhin einen größeren Einfluss auf die globale Gesundheit haben. Die DALY-Raten für das zweitgrößte Risiko, die Feinstaubbelastung, waren auf der Ebene der Superregionen in Südasien, Subsahara-Afrika sowie Nordafrika und dem Nahen Osten am höchsten.
Hier verschärfen hohe Temperaturen die Verwundbarkeit und das insbesondere in der Sahelzone, indem sie die Auswirkungen von Dürre, Ernährungsunsicherheit und Vertreibung verschlimmern.
Neue Modellierungen zeigen außerdem, dass eine Bleiexposition weiterhin mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verknüpft ist, obwohl die Entfernung von Blei aus Kraftstoffen die Exposition deutlich gesenkt hat.
Zudem nahmen psychische Störungen erheblich zu: Angststörungen stiegen um 63 %, depressive Störungen um 26 %. Die Studie weist zudem auf sexuelle Gewalt und partnerbezogene Gewalt als vermeidbare Ursachen für psychische Erkrankungen und andere gesundheitliche Folgen hin.
Politik und Gesundheitssysteme in der Pflicht
Die Autorinnen und Autoren der GBD-Studie fordern, Gesundheitsprioritäten neu auszurichten: Neben der weiteren Reduktion der Kindersterblichkeit müssten Strategien für Jugendliche und junge Erwachsene entwickelt werden und das insbesondere in Gebieten mit höheren Sterblichkeitsraten als bisher bekannt.
„Jahrzehntelange Arbeit, um die Lücke in einkommensschwachen Regionen mit anhaltender gesundheitlicher Ungleichheit zu schließen, droht sich aufgrund der jüngsten Kürzungen der internationalen Hilfe aufzulösen“, sagte Emmanuela Gakidou, leitende Autorin und Professorin am IHME. „Diese Länder sind auf die globale Gesundheitsfinanzierung für lebensrettende Grundversorgung, Medikamente und Impfstoffe angewiesen. Ohne sie wird sich die Schere mit Sicherheit vergrößern.“
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