„Großschadenslage“ nach Anschlag auf Stromnetz in Berlin

Berlin – Zehntausende Menschen mitten im Winter ohne Strom, Heizung und warmes Essen, Dunkelheit und ein Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften: Der Anschlag auf die Berliner Stromversorgung vom vergangenen Samstag hat für die Hauptstadt dramatische Folgen, die noch tagelang zu spüren sein werden.
Einen Tag nach der Attacke auf wichtige Kabel nahe einem Kraftwerk im Berliner Südwesten steht für Politik und Behörden fest, dass es sich um einen politisch motivierten Anschlag handelt und Linksextremisten dahinterstehen.
Ein aufgetauchtes Bekennerschreiben einer „Vulkangruppe“ sei authentisch, teilte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) mit. Zuvor hatte der Staatsschutz der Polizei das Schreiben geprüft, das auch auf mehreren einschlägigen Webportalen veröffentlicht wurde. Gleichzeitig rief Berlin eine sogenannte Großschadenslage aus, um so leichter etwa Hilfe der Bundeswehr in Anspruch nehmen zu können.
„Es ist inakzeptabel, dass erneut offenkundig Linksextreme unser Stromnetz angreifen und damit Menschenleben gefährden“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zu dem Schreiben. „Wir werden massiv und ganz engagiert ermitteln, wer diese Täter sind, die verdienen eine wirklich gerechte Strafe.“ Erst im September 2025 hatte ein ähnlicher Anschlag einen großen Blackout im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick zur Folge.
Das lange Konvolut der mutmaßlichen Täter im aktuellen Fall trägt die Überschrift „Den Herrschenden den Saft abdrehen“. „In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört“, hieß es dort. Das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde sei „erfolgreich sabotiert“ worden. „Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft“, behauptet die Gruppe in dem Schreiben.
In Sichtweite des Kraftwerks hatte am frühen Samstagmorgen ein Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal mehr als ein Dutzend wichtige Leitungen beschädigt, darunter mehrere Hochspannungsleitungen. Nach Angaben der für Energie zuständigen Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) wurden Brandsätze direkt unter den Kabeln platziert, die mit großer Hitze die Leitungen zerstörten.
Die Schäden am Stromnetz sind nach Angaben des Betreibers Stromnetz Berlin so schwerwiegend und die Reparatur so kompliziert, dass die Notlage außergewöhnlich lange dauern wird. Erst am Donnerstagnachmittag könnten voraussichtlich alle Stromkunden wieder versorgt werden, hieß es. Bei frostigen Temperaturen und reichlich Neuschnee stellt das viele Menschen vor erhebliche Probleme.
Zehntausende Haushalte ohne Strom
Von dem Stromausfall waren zunächst 45.000 Haushalte und mehr als 2.200 Unternehmen, darunter auch Gesundheitseinrichtungen, betroffen. Getroffen hat es die Stadtteile Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde.
Mehrere große Krankenhäuser in den Stadtteilen wurden nach einem Tag wieder an das Stromnetz angeschlossen und mussten dank Notstromaggregaten nicht evakuiert werden. Inzwischen sind rund 14.000 Haushalte und 500 Gewerbekunden wieder am Netz, wie Stromnetz Berlin mitteilte.
Vom Stromausfall sind auch zahlreiche Pflegeeinrichtungen und pflegebedürftige Menschen in ihren Wohnungen betroffen. Der Berliner Senat sei in enger Abstimmung unter anderem mit der Feuerwehr, um diese Menschen notfalls in Pflegeeinrichtungen in anderen Stadtteilen zu verlegen, die freie Kapazitäten gemeldet hätten, so Berlins Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD).
Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Feuerwehr richteten etwa in einem Freizeitzentrum oder im Rathaus Zehlendorf Notunterkünfte ein, in denen Menschen die Nacht verbringen, sich aufwärmen, etwas essen und trinken können. In der ersten Nacht wurden diese nach Angaben des Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf nur von wenigen genutzt, darunter von einer 97 Jahre alten Rentnerin.
Auch Kirchengemeinden öffneten ihre Räume. Viele ältere oder gebrechliche Menschen können solche Angebote indes schon deshalb nicht nutzen, weil die Aufzüge in ihren Hochhäusern nicht funktionieren und sie in Wohnungen in zunehmender Kälte sitzen.
Wichtig ist für viele Leute, ihre Handys aufzuladen. Das können sie in den Notunterkünften, aber auch anderen dezentralen Anlaufpunkten, die etwa Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk eilig aufbauten. Dort kann man auch Notrufe absetzen. Internetempfang haben die meisten in den betroffenen Stadtteilen nicht. Ebenfalls als Folge des Stromausfalls gab es erhebliche Störungen bei einigen S-Bahn-Linien. Etliche Supermärkte blieben am Samstag geschlossen.
Im Gebiet ohne Strom bleiben von heute bis zunächst einschließlich übermorgen rund 20 Schulen geschlossen, wie die Bildungsverwaltung mitteilte. Bei dringendem Bedarf werde in Schulen mit Strom eine Notbetreuung für Schüler eingerichtet, hieß es.
Nach dem großflächigen Stromausfall in Teilen der Hauptstadt will Berlins Regierender Bürgermeister Wegner die Sicherheit des Stromnetzes verbessern. Bereits jetzt verliefen 99 Prozent der Leitungen unter der Erde, sagte Wegner im ZDF-„Morgenmagazin“. Das restliche eine Prozent müsse noch besser vor terroristischen Angriffen geschützt werden – wie auch die gesamte kritische Infrastruktur.
Die Berliner Linke fordert vom schwarz-roten Senat Konsequenzen. Zehntausende Menschen seien derzeit mitten im Winter weiterhin ohne Strom und Heizung – es sei entscheidend, dass die Politik für solche Szenarien strategisch vorbereitet sei, sagte die Linke-Spitzenkandidatin für die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026, Elif Eralp.
Der jüngste Jahresbericht des Landesrechnungshofes zeige deutlich, dass das in Berlin derzeit nicht der Fall sei. Das Land sei organisatorisch und personell nicht ausreichend auf den Krisenfall vorbereitet, bemängelt die Behörde.
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