Häusliche Gewalt weltweit zunehmend geächtet

Washington, DC – Die weltweite Einstellung zu häuslicher Gewalt hat sich in der letzten Dekade durchgreifend geändert. Das berichtet Rachael Pierotti vom Institute für Social Research Populatation Studies Center der University of Michigan in der Zeitschrift American Sociological Review (doi: 10.1177/0003122413480363).
In 23 von 26 Ländern wehren sich Frauen zunehmend gegen häusliche Gewalt. In den Ländern, für die die Wissenschaftler Daten für Männer gewinnen konnten, zeigte sich die gleiche Tendenz. Insbesondere solche Frauen, die in der Stadt leben, eine höhere Schulbildung haben und Medien nutzen, akzeptieren keine Gewalt in der Partnerschaft. „Der nahezu einheitliche Trend und die Geschwindigkeit der Entwicklung legen nahe, dass die weltweite Verbreitung von Ideen im Rahmen der Globalisierung („global cultural diffusion“) eine wichtige Rolle gespielt hat“, meinen die Wissenschaftler.
Pierotti analysierte Daten aus den Demographic and Health Surveys der United States Agency for International Development von Hunderttausenden Menschen in 26 Niedrigeinkommensländern und Mitteleinkommensländern. Die Hälfte der untersuchten Länder liegt in Afrika südlich der Sahara. Die Untersuchungsfragen variierten von Land zu Land etwas, aber die häufigste Frageform war folgende: „Manchmal ist ein Ehemann verärgert oder aufgebracht über Dinge, die seine Frau tut. Ist das Schlagen einer Frau durch ihren Mann gerechtfertigt,
wenn sie ausgeht, ohne ihm Bescheid zu sagen?
wenn sie die Kinder vernachlässigt?
wenn sie mit ihm streitet?
wenn sie ihn sexuell zurückweist?
wenn sie das Essen anbrennen lässt?“
In 23 von 26 Ländern sprachen sich verheiratete und unverheiratete Frauen gegen häusliche Gewalt im Jahr 2008 mit einer höheren Wahrscheinlichkeit aus als noch 2003. In allen Altersgruppen änderte sich die Haltung bezüglich häuslicher Gewalt in diesem Zeitraum signifikant. Frauen, die in der Stadt leben und eine bessere Schulbildung haben, lehnten Gewalt in der Partnerschaft häufiger ab als Bewohnerinnen ländlicher Gegenden mit schlechterer Ausbildung.
In vielen Ländern spielte auch der Zugang zu Zeitungen, Radio und Fernsehen eine positive Rolle. Insgesamt fand Pierotti, dass die Befragten am ehesten Gewalt gerechtfertigt fanden, wenn eine Frau die Kinder vernachlässigte, und am wenigsten gerechtfertigt, wenn Frauen das Essen anbrennen ließen.
Daten zur männlichen Einstellung konnten die Forscher in 15 Ländern erheben. In elf davon lehnten Männer Gewalt deutlicher ab als Frauen, so in Benin, Äthiopien, Ghana, Indonesien, Madagaskar, Malawi, Nigeria, Ruanda, Tansania, Uganda und Sambia.
In Nigeria zeigte sich die deutlichste Entwicklung: 65 Prozent der Männer und 52 Prozent der Frauen lehnten 2008 Gewalt in der Partnerschaft ab im Vergleich zu 48 Prozent und 33 Prozent in 2003. In zwei der 26 untersuchten Länder ging die Entwicklung allerdings in die gegenteilige Richtung: In Madagaskar und Indonesien fanden sich 2008 mehr weibliche und männliche Befürworter von häuslicher Gewalt als 2003.
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