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„Hinter den typischen Überforderungsgefühlen können durchaus die Wechseljahre stecken“

  • Freitag, 4. September 2026
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Berlin – Rund neun Millionen Frauen sind in den Wechseljahren und berufstätig. Auch wenn nicht alle von Beschwerden betroffen sind, können Symptome wie Hitzewallungen, Konzentrationsstörungen und Hypermenorrhoe einschränken und Auswirkungen auf den Arbeitsalltag der Frauen haben.

Darüber sprach das Deutsche Ärzteblatt anlässlich des Welt-Menopause-am-Arbeitsplatz-Tages am 7. September mit der Betriebsärztin Claudia Barthelmes, die gemeinsam mit der Europäischen Menopause- und Andropause-Gesellschaft (EMAS) ein Programm zum Aktionstag erstellt hat.

Claudia Barthelmes /privat
Claudia Barthelmes /privat

5 Fragen an Claudia Barthelmes, Fachärztin für Arbeitsmedizin bei der Landeshauptstadt München mit dem Schwerpunkt Wechseljahre am Arbeitsplatz

Was sind die häufigsten Wechseljahresbeschwerden, die Frauen am Arbeitsplatz belasten und wie wirken sie sich auf den Berufsalltag aus?
Ein sehr häufiges und oft auch erstes Wechseljahressymptom, das Auswirkungen auf den beruflichen Alltag von Frauen haben kann, sind Schlafstörungen. Sie können als eines der ersten Symptome bereits im Alter von etwa 40 Jahren auftreten und werden dann oft nicht mit dem Beginn der Wechseljahre in Verbindung gebracht.

Wichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen, dass die Wechseljahre nicht erst mit dem Ausbleiben der Periode einsetzen, sondern die ersten Beschwerden eben schon mit 40 Jahren, meistens ab 45 Jahren, einsetzen können. Da gibt es häufig eine Wissenslücke, weshalb Symptome, die in diesem Alter auftreten, oftmals falsch eingeordnet und etwa auf Stress oder eine Schilddrüsenfunktionsstörung zurückgeführt werden.

Schlafstörungen können gegebenenfalls auch mitursächlich sein für Konzentrationsprobleme, Gedächtnisstörungen, sogenannten „Brain Fog“, Gereiztheit und körperliche sowie geistige Erschöpfung. Diese können aber auch durch die Hormonschwankungen selbst ausgelöst werden.

In der MenoSupport-Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin, die die Auswirkungen der Wechseljahre auf den Arbeitsplatz beleuchtet, gaben 66 Prozent der befragten Frauen Schlafstörungen als Symptom an, das sie am Arbeitsplatz belastet.

Zu Beginn äußern sich die Schlafprobleme oft als Einschlafstörungen und können zu Durchschlafstörungen werden. Typisch ist das Aufwachen zwischen ein und drei Uhr nachts mit anschließendem Wachliegen. Viele Frauen schlafen erst kurz bevor der Wecker klingelt wieder ein. Weitere Symptome können Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Verstimmungen, Kopfschmerzen, Migräne und Hitzewallungen sein.

Wie die auftretenden Symptome die Frauen am Arbeitsplatz belasten, hängt auch immer von der Berufsgruppe ab. Frauen in repräsentativen Rollen, wie zum Beispiel Lehrerinnen, sind von Hitzewallungen, Reizbarkeit und Konzentrationsproblemen noch einmal ganz anders betroffen als Frauen, die am Schreibtisch arbeiten und vielleicht Lösungen finden, wie sie mit den Symptomen umgehen können.

Einige Frauen leiden auch unter Gelenk- und Muskelbeschwerden, diese werden in körperlich anstrengenden Berufen als besonders belastend angegeben. Zu wenig bekannt ist noch der Zusammenhang mit der Frozen Shoulder. Auch eine Hypermenorrhoe kann Frauen am Arbeitsplatz beeinträchtigen. Besonders herausfordernd kann dies sein, wenn draußen oder im Außendienst gearbeitet wird und in der Nähe keine Toiletten zur Verfügung stehen, aber auch bei Präsenzarbeitsplätzen.

Krankschreibungen, Stundenreduzierung, Jobwechsel oder der Eintritt in den Frühruhestand können bei größeren Beschwerden die Folge sein. Der volkswirtschaftliche Schaden wird auf 9,4 Milliarden Euro geschätzt – an dieser Stelle möchte ich betonen, dass es sich hierbei um eine reine Schätzung handelt, bei der echte Arbeitsunfähigkeitszeiten, Stundenreduktionen, Krankheitskosten et cetera nicht eingerechnet wurden.

Wir müssen uns klar machen, dass von elf Millionen Frauen, die in den Wechseljahren sind, ungefähr sieben bis neun Millionen Frauen erwerbstätig sind, je nachdem, ob die untere Altersgrenze bei 45 oder 40 Jahren gezogen wird. Die Hälfte der Bevölkerung wird irgendwann an diesem Punkt stehen. Auch wenn nicht alle Frauen in den Wechseljahren für den Arbeitsplatz relevante Beschwerden haben, ist es wichtig, in den Unternehmen entsprechende Voraussetzungen zu schaffen und die Herausforderungen rechtzeitig zu erkennen.

Werden Frauen mit Wechseljahresbeschwerden im Beruf benachteiligt oder besteht die Gefahr, dass dies vor allem passiert, wenn die Beschwerden in den Vordergrund gestellt werden?
Von Wechseljahresbeschwerden betroffene Frauen sind natürlich primär sichtbar. Um sie muss man sich kümmern, genau hinschauen, Probleme identifizieren und Lösungen finden. Wenn der Blick jedoch nur auf die Beschwerden gerichtet wird, kann es schnell passieren, dass alle Frauen in den Wechseljahren als leistungseingeschränkt abgestempelt und ihnen im Beruf möglicherweise Beförderungen und Fortbildungen vorenthalten werden.

Wir leben in einer Kultur, die Alter ohnehin mit einem gewissen Defizitdenken verknüpft – das gilt übrigens nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Man darf nicht in eine Schräglage geraten durch dieses Defizitdenken.

Denn wir müssen bedenken, dass nicht alle Frauen in den Wechseljahren Beschwerden haben, sondern ganz im Gegenteil in diesem Alter eventuell beruflich noch einmal durchstarten und Karriere machen wollen. Oft berichten sie, nun voll leistungsfähig zu sein, auch, weil die Kinder aus dem Haus sind.

Frauen sind gerade in diesem Alter sehr erfahrene Mitarbeiterinnen mit einem hohen Wissens- und Erfahrungsschatz, sie kennen die betrieblichen Strukturen, haben eine hohe Sozialkompetenz und Professionalität, sind hervorragende Mentorinnen und durch den absinkenden Östrogenspiegel oftmals sogar zielstrebiger und fokussierter. Da wäre es sehr schade, wenn man ihnen nur aufgrund des Alters von vornherein unterstellt, dass sie weniger leistungsfähig wären.

Was können Arbeitgeber tun, um Frauen mit Beschwerden zu entlasten?
Der größte Wunsch betroffener Frauen ist das Verständnis von Vorgesetzten und des Arbeitsumfeldes. Dazu gehört es auch, die Zusammenhänge zwischen den Wechseljahresbeschwerden und möglichen Auswirkungen auf die Arbeitstätigkeit zu verstehen, damit der richtige Lösungsansatz gefunden werden kann. Aber auch umgekehrt beeinflussen die Arbeitsumstände die Schwere der Beschwerden. Das sollte Arbeitgebern bekannter sein.

Meine Erfahrung als Betriebsärztin zeigt, dass Führungskräfte betroffene Frauen nicht unbedingt direkt auf die Wechseljahre ansprechen sollten, auch wenn es wohlmeinend ist. Oftmals wird dies als distanzlos erlebt. Vielmehr hilft es, die Beschäftigte nach sinnvollen Unterstützungsmöglichkeiten und Verbesserungsvorschlägen im Arbeitskontext zu fragen. Dazu können beispielsweise flexible Arbeitszeiten oder Kurzpausen mit Rückzugsmöglichkeit zählen, sodass nach einer schlechten Nacht später mit der Arbeit begonnen oder bei Bedarf eine Pause eingelegt werden kann.

Darüber hinaus gehören Möglichkeiten für Homeoffice-Tätigkeiten, eine temporäre Befreiung von der Nachtschicht oder das Anpassen der Arbeitsaufgaben sowie Orte, an denen ungestört gearbeitet werden kann, dazu. Auch Gesundheitstage, Beratungsangebote über die Betriebsärzte oder eigens dafür angefragte Gynäkologinnen sowie Infomaterial, zum Beispiel über das Intranet, können betroffenen Frauen helfen.

Weitere Optionen sind vor allem bei Hitzewallungen atmungsaktive Arbeitskleidung, Ventilatoren, Möglichkeiten, Fenster zu öffnen und die Raumtemperatur flexibel einzustellen.

Wichtig ist außerdem, Führungskräfte mit dem notwendigen Wissen zu erreichen, weil sie das Arbeitsumfeld gestalten. Wenn sie verstehen, was in den Wechseljahren passiert, können sie Leistungseinbußen und Arbeitsunfähigkeit verhindern. Dieses Wissen können sie in Vorträgen, Fortbildungen und über Informationsmaterialien erwerben.

Wenn Führungskräften Beschwerden bei ihren Mitarbeiterinnen auffallen, können sie diese auch gut an den Betriebsarzt oder die Betriebsärztin verweisen, vor allem, wenn die Mitarbeiterin nicht mit ihrer Führungskraft darüber reden möchte. Betriebsärztinnen und Betriebsärzte unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht und können mit den betroffenen Frauen tätigkeitsspezifische Lösungsmöglichkeiten finden und grundlegende Verbesserungen im Unternehmen vorschlagen. Die Verbesserungen sollten dann möglichst allen Mitarbeitenden zur Verfügung stehen, damit betroffene Frauen nicht stigmatisiert und die anderen nicht ausgegrenzt werden.

Worauf sollten Ärztinnen und Ärzte bei ihren Patientinnen achten und was können sie tun?
Wichtig ist es eigentlich für Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen, ein grundlegendes Wissen zu Wechseljahresbeschwerden zu haben. Damit bei ungeklärten Ursachen auch an die Wechseljahre gedacht wird, beispielsweise bei Gelenkbeschwerden, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen, aber auch Symptomen, die einem Burnout ähneln.

Denn hinter den typischen Überforderungsgefühlen können durchaus die Wechseljahre stecken – starke Hormonschwankungen wirken sich auf die neuronalen Transmitter aus und können dazu führen, dass sich ähnliche Symptome wie bei einem Burnout zeigen. Dies kann man gut mit einer Hormontherapie in den Griff bekommen, während der Abbau von Stress in diesem Fall nicht unbedingt helfen wird und die ursächlichen Probleme nicht behebt.

Diese Frauen könnten dadurch von ihren Beschwerden befreit und Stundenreduktionen, Jobwechsel oder ein Frühruhestand verhindert werden. Ärztinnen und Ärzte sollten bei Frauen ab spätestens 45 Jahren auch aktiv nachfragen, ob sie entsprechende Beschwerden haben. Darüber hinaus können sie ihren Patientinnen Flyer und Informationsmaterialien zu den Wechseljahren mitgeben, zum Beispiel von der Deutschen Menopause Gesellschaft (DMG) oder vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW).

Reicht es aus, bei den Arbeitgebern und Unternehmen anzusetzen oder müsste sich auch auf politischer Ebene etwas tun?
In England wird versucht, einiges über die politische Ebene zu regeln. Dies gilt aber oftmals erst für Unternehmen ab 250 Mitarbeitern aufwärts. In Deutschland gibt es viele Klein- und Kleinstunternehmen und die großen Firmen beginnen es zum Teil von sich aus zu regeln, um ihre Mitarbeiterinnen arbeitsfähig zu halten. Deshalb vertrete ich eher den Ansatz, Verbesserungen über die Betriebsmedizin zu erreichen. Denn jedes Unternehmen müsste einen Betriebsarzt oder einen betriebsärztlichen Ansprechpartner haben.

Wir sollten deshalb daran arbeiten, dass Betriebsärztinnen und -ärzte gut Bescheid wissen und bei entsprechenden Beschwerden auch an die Wechseljahre denken. Sie können präventiv handeln, Frauen bei den betriebsärztlichen Vorsorgen nach Symptomen fragen und Arbeitsplatzanpassungen frühzeitig initiieren, beziehungsweise an andere Fachgebiete zur Behandlung weiterverweisen.

Mein Ziel ist, dass das Thema Wechseljahre bis Ende des Jahres in allen Kursen der Facharztweiterbildung Arbeitsmedizin vertreten ist. In fast allen Akademien ist mir dies bereits gelungen, eine fehlt noch. Und ich möchte die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen mit ins Boot holen, denn die können betroffene Frauen zur Unterstützung auf ihre Betriebsärzte und Informationsflyer hinweisen. Damit wäre schon viel erreicht.

nfs/aks

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