HIV: „Geheilte“ Boston-Patienten erleiden Rückfall

Miami – Die zwei HIV-positiven Patienten einer Bostoner Klinik, die nach einer hämatopoetischen Stammzelltherapie über mehrere Wochen virusfrei blieben, haben beide ein Rezidiv erlitten. Dies gaben die behandelnden Ärzte auf einem International Workshop on HIV Persistence in Miami bekannt. Damit haben sich die Hoffnungen zerschlagen, dass eine Graft-versus-Host-Reaktion eine HIV-Infektion kurieren könnte.
Mit Spannung haben HIV-Experten in den letzten Monaten auf weitere Berichte zu zwei Patienten gewartet, die sich wie der „Berlin-Patient“, der 2007 als erster Mensch von einer HIV-Infektion geheilt wurde, einer allogenen Stammzelltherapie unterzogen hatten. Für diese Therapie werden in einer sogenannten Konditionierung zunächst die Abwehrzellen im gesamten Körper zerstört, darunter auch die CD4-Zellen, in denen sich HI-Viren vermehren. Danach erhielten beide Patienten allogene hämatopoetische Stammzellen, die ein neues Immunsystem aufbauen, einschließlich (zunächst) nicht-infizierter CD4-Zellen.
Da im Prinzip nur eine einzige infizierte Zelle des alten Immunsystems die Konditionierung überleben muss, um die Viren an CD4-Zellen des neuen Immunsystems weiterzugeben, musste mit einem Rückfall gerechnet werden. Bei dem „Berlin-Patient“ blieb sie aus, da die transplantierten Stammzellen aufgrund der Mutation CCR5delta32 eine „angeborene“ Resistenz gegen eine HIV-Infektion hatten. CCR5 ist ein Co-Rezeptor von Abwehrzellen, den die HI-Viren benötigen um an den CD4-Zellen anzudocken.
Das Team um Timothy Henrich und Daniel Kuritzkes vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, wo die beiden Patienten behandelt wurden, hatte jedoch gehofft, dass eine Graft-versus-Host-Reaktion die Weitergabe der Viren verhindern würde. Bei diesem Kampf zerstört das neue Immunsystem die Reste des alten Immunsystems und damit vielleicht auch die letzten HIV-infizierten Zellen, die die Konditionierung überlebt haben.
Im Frühjahr diesen Jahres wagten die beiden Patienten, die ihre Stammzelltherapie bereits 2008 und 2010 erhalten hatten, einen Auslassversuch. In den ersten Wochen nach dem Absetzen der antiretroviralen Medikamente blieben sie ohne Virusnachweis im Blut. Auf der Tagung der International Aids-Society in Kuala Lumpur sprachen Henrich und Kuritzkes vorsichtig von einer möglichen Heilung der HIV-Infektion, zu voreilig, wie sich bald herausstellte. Im August waren die Viren bei einem Patienten wieder nachweisbar. Bei dem anderen kehrten sie im November zurück. Beide werden heute wieder antiretroviral behandelt und befinden sich nach einer Stellungnahme der Ärzte bei guter Gesundheit.
Mit dem Rezidiv der HIV-Infektion bei den Patienten ist damit eine Therapieoption gescheitert, die im klinischen Alltag niemals zur Routine geworden wäre. Hämatologische Stammzelltherapien sind eine für die Patienten nicht ungefährliche Behandlung, die deshalb nur bei lebensbedrohlichen Erkrankungen als Ultima Ratio eingesetzt werden. Die HIV-Infektion gehört nicht mehr dazu, seit es Medikamente gibt, mit denen sich die Virusvermehrung chronisch unterdrücken lässt.
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