Medizin

Impfakzeptanz: Monitoring zeigt Vertrauens- und Wissenslücken

  • Montag, 2. März 2026
/Prostock-studio, stock.adobe.com
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Berlin – Die Menschen in Deutschland vertrauen beim Thema Impfungen der Ärzteschaft deutlich mehr als staatlichen Institutionen. Das berichtet eine Arbeitsgruppe des Robert-Koch-Instituts (RKI) in der Auswertung des Forschungsprojekts „Impress“. Es erfasst systematisch, warum Menschen in Deutschland Impfungen annehmen oder ablehnen und welche psychologischen Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Methodisch beruht die Untersuchung auf einer jährlichen Onlinebefragung im Rahmen des RKI-Panels „Gesundheit in Deutschland“. Die erste Erhebung fand im Oktober 2025 statt und umfasst Angaben von 5.450 Erwachsenen ab 18 Jahren aus der Allgemeinbevölkerung.

Erfasst wurden Impfverhalten, Impfbereitschaft sowie soziale und psychologische Einflussfaktoren, darunter die Komponenten des „7C-Modells“: Vertrauen, Risikowahrnehmung, persönliche Hürden, Abwägung, kollektive Verantwortung, Compliance und Verschwörungsglaube.

Hintergrund des Impfbereitschaft-Monitorings ist, dass ein relevanter Anteil der Bevölkerung ungeimpft ist und damit schwere Erkrankungen bis hin zum Tod riskiert. Das Projekt „Impress“ soll diese Lücke schließen, indem es die Gründe des Impfverhaltens erfasst und Ansatzpunkte für eine bessere Impfprävention identifiziert.

Vertrauen, Risikowahrnehmung und Verantwortung

Die Auswertung zeigt, dass Vertrauen, Risikowahrnehmung und kollektive Verantwortung zentrale Einflussgrößen für die Impfbereitschaft sind. Beim Vertrauen in Impfungen geben sechs von zehn Befragten an, ein hohes Vertrauen in das behördliche Zulassungsverfahren zu haben. Die Hälfte der Teilnehmenden ist der Ansicht, dass Nebenwirkungen nach Impfungen selten auftreten und nicht schwerwiegend sind.

Allerdings vertrauen nur vier von zehn Personen der wissenschaftlichen Fundierung politischer Entscheidungen im Zusammenhang mit Impfungen. Die Forschungsgruppe stellt fest, dass der Ärzteschaft ein höheres Vertrauen entgegengebracht wird, während das Vertrauen in Institutionen insgesamt geringer ausgeprägt ist.

Die Untersuchung zeigt weiterhin, dass ein Großteil der Bevölkerung die Risiken von Infektionskrankheiten anerkennt – weniger als eine von zehn Personen gibt an, Impfungen nicht zu benötigen.

Für sieben von zehn Befragten stellt der Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf einen wichtigen Grund für eine Impfung dar. Sechs von zehn lassen sich impfen, um ihr eigenes Ansteckungsrisiko zu verringern. Rund acht von zehn Personen bewerten Impfungen als sinnvolle Maßnahme zur Vorbeugung von Krankheiten.

Allerdings spielen persönliche Hürden eine Rolle: Mehr als sieben von zehn Befragten kümmern sich darum, Impfungen rechtzeitig wahrzunehmen. Etwa eine von zehn Personen berichtet jedoch, gelegentlich Impfungen zu verpassen, weil sie als lästig empfunden werden. Drei von zehn Befragten geben an, Impfungen über andere Verpflichtungen zu stellen.

Im Bereich der Abwägung berichten sechs von zehn Personen, dass sie Nutzen und mögliche Risiken einer Impfung sorgfältig gegeneinander abwägen. Etwa sieben von zehn würden sich impfen lassen, wenn sie in der Impfung keine persönlichen Nachteile erkennen.

Sanktionen werden vielfach abgelehnt

Die Hälfte der Befragten sind der Meinung, dass die Gesundheitsbehörden alle verfügbaren Mittel einsetzen sollten, um hohe Impfquoten zu erreichen. Aber nur zwei von zehn Personen finden es vertretbar, Menschen von Veranstaltungen auszuschließen, wenn sie nicht geimpft sind.

Die deutlichste Ablehnung zeigt sich bei der Frage nach Sanktionen: Nur jeder zehnte Teilnehmende hält es für legitim, Personen zu bestrafen, die den Impfempfehlungen nicht folgen.

In einer Unterauswertung von Personen, die eine Impfempfehlung für Influenza beziehungsweise gegen COVID-19 haben, zeigt die Studie: Etwa sechs von zehn der befragten Personen gaben an, die Grippeimpfung in der Saison 2024/2025 erhalten zu haben. Zu Beginn der Saison 2025/2026 gaben knapp zwei von zehn Personen an, bereits gegen Grippe geimpft zu sein. Etwa fünf von zehn der ungeimpften Personen hatten aber laut der Befragung im Herbst 2025 noch vor, sich in dieser Saison impfen zu lassen.

Für die Coronaimpfung ergab die Befragung: Etwa eine von zehn der befragten Personen mit Impfempfehlung gab an, die COVID-19-Impfung in der Saison 2024/2025 erhalten zu haben. Zu Beginn der Saison 2025/2026 waren sogar weniger als eine von zehn Personen bereits gegen COVID-19 geimpft. Aber etwa zwei von zehn der ungeimpften Personen mit Coronaimpfempfehlung hatten noch vor, sich in dieser Saison impfen zu lassen.

In der Gruppe der Personen mit Empfehlung für eine Influenzaimpfung zeigte sich: Geimpfte Personen haben ein höheres Vertrauen, eine höhere Risikowahrnehmung, geringere persönliche Hürden, eine geringere Abwägung von Kosten und Nutzen, ein höheres kollektives Verantwortungsgefühl, eine höhere Compliance und einen geringeren Glauben an Verschwörungen.

„Die Unterschiede in der Impfakzeptanz zwischen geimpften und ungeimpften Personen sind für jeden Aspekt des 7C-Modells statistisch bedeutsam“, berichtet die RKI-Arbeitsgruppe.

Das Forschungsteam hat auch die impfbezogene Gesundheitskompetenz untersucht. Danach ist diese bei fünf von zehn Personen „eher niedrig“, bei vier von zehn „eher höher“ und nur bei einer von zehn Personen „hoch“.

Zum Beispiel sind etwa fünf von zehn Personen unsicher, ob Impfungen Autismus auslösen, rund vier von zehn Personen zeigen Unsicherheit hinsichtlich des Zeitpunkt und der Anzahl von Kinderimpfungen. Zudem ist der Zusammenhang zwischen Impfungen und Allergien für fünf von zehn Personen unklar und stellt damit den Bereich mit der größten Unsicherheit dar.

Im Mittel stuft das Forschungsteam die impfbezogene Gesundheitskompetenz der Bevölkerung als „eher niedrig“ ein. Sie entspreche damit der allgemeinen Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung, die ebenfalls „eher niedrig“ sei.

Zusammenfassend stellt das RKI-Team fest: Die Menschen in Deutschland überschätzen das Auftreten von Impf-Nebenwirkungen. Das verringert das Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen. Zudem sind in der Bevölkerung gängige Impfmythen bei gleichzeitiger geringer impfbezogener Gesundheitskompetenz verbreitet.

Dagegen empfehlen die Forschenden eine bessere Verzahnung von Institutionen und Zusammenarbeit beim Thema Impfstoffsicherheit und Falschinformationen. Wichtig sei, konkrete Impfmythen zu entkräften und mittels leicht auffindbarer Informationen die Gesundheitskompetenz zu stärken.

Wichtig sei, den Wert der Impfempfehlungen gegen Influenza und COVID-19 besser zu vermitteln, weil beide Impfungen nicht gut angenommen würden. Allerdings finden sich in der Bevölkerung auch Rahmenbedingungen, die eine Impfentscheidung begünstigten.

Dazu gehört eine hohe Risikowahrnehmung für Infektionskrankheiten. Außerdem schätzt eine Mehrheit der Bevölkerung persönliche Hürden als eher gering ein. Viele Personen berichten zudem über ein kollektives Verantwortungsgefühl und lassen sich impfen, um andere zu schützen.

„Es wäre wünschenswert, wenn öffentliche Impfinformationen noch stärker zielgruppenspezifisch aufbereitet wären“, kommentierte die externe Expertin Constanze Rossmann die Studie. Sie ist Leiterin des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitglied der Ständigen Impfkommission.

Das bezieht sich Rossmann zufolge nicht nur darauf, im Hinblick auf Kommunikationskanäle und grafische Gestaltung unterschiedliche Zielgruppen im Blick zu haben, sondern auch die unterschiedlichen sozialen und psychologischen Faktoren zielgruppenspezifisch zu betrachten und in entsprechende Kommunikationsmaßnahmen einzubeziehen.

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