Internisten: Ärzte sollen Patienten auch vor dem Klimawandel schützen

Bonn – Seit nun bereits mehr als einem Jahr überschattet die Coronapandemie alle anderen Gesundheitskrisen, die dringend der politischen und öffentlichen Aufmerksamkeit bedürfen. Das gilt auch für „eine der größten Bedrohungen für unsere Gesundheit, den menschengemachten Klimawandel“, wie Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, heute bei einer Pressekonferenz anlässlich des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) betonte.
„Die große Krise kommt erst noch“, betonte auch der Kabarettist und Arzt Eckart von Hirschhausen. Er forderte dazu auf, den Fokus von der individuellen Gesundheit auf Public Health auszuweiten. „Es ist unsere Aufgabe in den Gesundheitsberufen, Leben zu schützen und auf Gesundheitsgefahren hinzuweisen.“
Die Bekämpfung des Klimawandels gehört den anwesenden Referenten zufolge klar zur ärztlichen Verantwortung: Die Rolle von Ärztinnen und Ärzten definiere sich von alters her über das Miteinander mit den Patientinnen und Patienten, sagte DGIM-Vorsitzender Und Kongresspräsident Sebastian Schellong. Doch wenn die äußeren Umstände und Lebensverhältnisse die Ursachen für Krankheiten seien, sei es auch Teil des ärztlichen Auftrags, sich damit auseinanderzusetzen.
„Aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels auf Gesundheit (und Krankheit) sollte sich die Ärzteschaft als Berufsverband in diesem Bereich verstärkt und proaktiv positionieren“, sagte auch die Medizinethikerin Verina Wild von der Universität Augsburg.
Die Zunahme der Hitzetodesfälle, die Erkrankungen durch Luftverschmutzung, mehr Pollenallergien und das Auftreten von vektorübertragenen Krankheiten, die ehemals nur in den Tropen verbreitet waren, zeigen: „Mit dem Klima retten wir auch uns selber“, wie RKI-Präsident-Wieler betonte. Selbst die Coronapandemie sei, so der Experte für Zoonosen, ein von Menschen verursachtes und vorangetriebenes Problem.
Das Eindringen in exotische Umwelten, Reduzieren der Biodiversität, Verdichten von Ballungsräumen, Verschmutzen der Luft und Globalisieren des Handels von Waren sowie die Mobilität von Menschen, all dies erhöhe die Wahrscheinlichkeit der Ausbreitung infektiöser Atemwegserkrankungen, die vom Tier auf den Menschen überspringen.
Eine wichtige Präventionsmaßnahme
Doch welche Verantwortung tragen Ärztinnen und Ärzte nun genau angesichts des Klimawandels? Maßnahmen gegen den Klimawandel sind laut Medizinethikerin Wild ebenso als Präventionsmaßnahmen zu sehen wie die Blutdruckeinstellung, Lebensstilinterventionen gegen Diabetes oder die Empfehlung zum Zähneputzen. Und „an Prävention sind Ärzte schließlich schon lange beteiligt“.
Ins Auge fällt natürlich, sich über klimabedingte Erkrankungen zu informieren, um Patientinnen und Patienten professionell behandeln zu können. Daneben sollten Ärztinnen, so Wild, in der Ausübung medizinischer Tätigkeiten auf CO2-Einsparungen hinwirken.
„Ärztinnen und Ärzte verstehen die zunehmenden Veränderungen der klimatischen Bedingungen als Krankheitsursachen und können daher mit Expertenwissen darüber aufklären“, sagte Schellong. Das Eintreten für eine „Lebensstiländerung“ sei bei vielen Erkrankungen ohnedies Teil der ärztlichen Beratung, und die angeratenen Veränderungen zum Beispiel im Bereich Ernährung und Bewegung seien durch die Verringerung des CO2-Ausstoßes auch klimarelevant. Ein dritter Aspekt von Verantwortung betrifft die Gestaltung des ärztlichen Arbeitsumfeldes in Praxis und Krankenhaus.
Fortschritte in der Medizinerausbildung
Da der Zusammenhang zwischen Medizin und Klimawandel noch ein relativ neuer Bereich ist, ist außerdem mehr Aktivität in Aus-, Fort- und Weiterbildung und mehr politische Aktivität erforderlich, um Auswirkungen auf Gesundheit bzw. Krankheit ins Bewusstsein zu rücken.
Vieles sei hier schon auf dem Weg, berichtete Sylvia Hartmann, Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit KLUG: „An acht medizinischen Fakultäten ist das Thema Klimawandel mittlerweile ins Curriculum aufgenommen worden, in den nächsten Jahren werden es letztlich alle sein.“
Der schwierigere Schritt sei allerdings, vom Wissen ins Handeln zu kommen. An dieser Stelle forderte die junge Medizinerin praktische Übungen in Gesprächsführung und der Vermittlung der massiven Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit.
Neutral zu bleiben – wie es für Ärzte schon immer wichtig war – sei in dieser Angelegenheit keine Option, darüber waren sich die anwesenden Experten einig: „Wenn anerkannt ist, dass auch Prävention und Gesundheitsförderung zum ärztlichen Aufgabenbereich gehören, dann kann und muss die proaktive Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel und seinen Auswirkungen nicht als Verletzung des Neutralitätsgebots gesehen werden“, sagte Wild.
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