Johna: „Wir nehmen die Situation sehr, sehr ernst“

Berlin – Der Marburger Bund (MB) hat den von der Bundesregierung für den November angeordneten Teillockdown befürwortet. „Bund und Länder haben den Ernst der Lage erkannt“, sagte die 1. Vorsitzende des MB, Susanne Johna, heute im Vorfeld der Hauptversammlung des Verbandes am kommenden Samstag.
Es sei entscheidend gewesen, jetzt zu handeln, um wieder Kontrolle über die Coronapandemie zu bekommen. Der Appell an die Eigenverantwortung habe nicht ausgereicht. „So wichtig dieser auch ist, so wichtig ist es jetzt, die Zahl der Kontakte einzuschränken“, sagte Johna.
Sie wies darauf hin, dass sechs bis acht Prozent der aktuell infizierten Menschen in etwa zwei Wochen in die Krankenhäuser aufgenommen werden müssten, ein Teil davon auf die Intensivstationen.
„Etwa die Hälfte der Patienten auf den Intensivstationen muss künstlich beatmet werden – mit einem hohen Risiko zu versterben“, sagte Johna. „Deshalb ist es falsch, in einer solchen Lage über eine sogenannte Verbotspolitik zu polemisieren.“
„Wir werden an unsere Kapazitätsgrenzen kommen“
Oft werde angenommen, dass Patienten, die wenig Symptome haben, gar nicht krank seien. „Das ist aber nicht der Fall“, betonte Johna, die als Oberärztin für Krankenhaushygiene im St. Josefs-Hospital in Rüdesheim arbeitet.
Der ganze Körper könne durch SARS-CoV-2 betroffen sein. Und auch bei jüngeren Patienten könne es zu schweren Verläufen kommen. „Deshalb nehmen wir die Situation sehr, sehr ernst“, sagte die MB-Vorsitzende. „Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Todesfälle weiter steigen wird. Und wir werden in den Krankenhäusern auch an unsere Kapazitätsgrenzen kommen.“
In Zusammenhang kritisierte Johna das Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dass diese zusammen mit den Virologen Hendrik Streeck sowie Jonas Schmidt-Chanasit vergangene Woche vorgestellt hatte. "Ich hätte mir deshalb gewünscht, dass die Kolleginnen und Kollegen, die an dem KBV-Papier mitgewirkt haben, im Rückgang der Fallzahlen auch ärztlich eine dringende Aufgabe sehen", monierte die MB-Vorsitzende.
Wie schnell die Situation außer Kontrolle geraten könne, sehe man derzeit in einigen Nachbarländern. „Dort sind die Kapazitätsgrenzen bereits erreicht und viele Mitarbeiter der Krankenhäuser sind selbst an COVID-19 erkrankt“, erklärte Johna. „In Belgien ist etwa ein Drittel der Pflegekräfte infiziert.“ Manche Pflegekräfte hätten dort sowohl COVID-19- als auch Nicht-COVID-Patienten betreut. „Das halten wir für vollkommen indiskutabel“, betonte die MB-Vorsitzende.
Erlösausfälle kompensieren
Derzeit sind noch 6.894 Intensivbetten im DIVI-Intensivregister als frei gemeldet. Johna wies allerdings darauf hin, dass es Diskrepanzen zwischen Zahlen aus dem DIVI-Register und der in manchen Bundesländern genutzten Notfallplattform IVENA gebe.
„Wir erleben, wie schwierig es in manchen Regionen ist, für Patienten mit schweren Erkrankungen, die vermutlich intensivpflichtig sind, ein Krankenhaus zu finden, das sie aufnimmt“, sagte Johna.
„Und das liegt nicht an den Betten oder den Beatmungsgeräten, sondern am fehlenden Personal. Wir appellieren deshalb an alle Ärzte, die die Intensivbetten an das DIVI-Register melden, wirklich nur die Betten zu melden, die am selben Tag in kürzester Zeit belegt werden können.“
Johna betonte, dass es richtig sei, noch so lange planbare Operationen durchzuführen, wie es angesichts der COVID-19-Fallzahlen möglich sei. „Dafür brauchen wir in den Bundesländern Stufenpläne, mit denen man auf die regional unterschiedliche Belastung reagieren kann“, forderte sie.
„Überall dort, wo die Belastung durch COVID-19 steigt, muss man planbare Operationen zurückstellen, um Personal aus den OPs und der Anästhesie für die Intensivstationen zu gewinnen.“ Eine entsprechende Allgemeinverfügung sei vor kurzem in Hessen erlassen worden.
Zudem forderte Johna die Einsetzung „von Teilen des Rettungsschirms für die Krankenhäuser aus der ersten Pandemiewelle, zum Beispiel von Freihaltepauschalen“. Die Krankenhäuser bräuchten jetzt Signale aus der Politik, dass ihnen Erlösausfälle kompensiert werden, wenn sie planbare Operationen absagen.
Entsprechende Regelungen müssten mindestens bis zur Mitte des kommenden Jahres gelten. Zudem müsse das Personal von unnötigen Belastungen im Bereich der Dokumentation entlastet werden. „Wir brauchen die Hände am Patienten und nicht am Schreibtisch“, forderte Johna.
Ärzte und Pflegekräfte schonen
Der 2. Vorsitzende des MB, Andreas Botzlar, sprach sich dafür aus, die Mitarbeiter der Krankenhäuser nicht zu überlasten. Dabei kritisierte er, dass Niedersachsen in einer Allgemeinverfügung die Höchstarbeitszeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen auf 60 Stunden pro Woche heraufgesetzt hat.
„Die Ausdehnung der Arbeitszeit ist kontraproduktiv“, betonte er. „Man sollte jetzt eher darüber nachdenken, wie man das Personal öfter wechseln kann, um dessen Verschleiß kleinzuhalten.“ Gerade langfristig werde das Hochsetzen der Arbeitszeit nicht helfen.
„Der Personalmangel im Krankenhaus ist nicht von jetzt auf gleich zu beseitigen“, sagte Botzlar. „Umso schonender müssen wir mit den vorhandenen Arbeitskräften umgehen. Das Aussetzen von Pflegepersonaluntergrenzen und das Hochsetzen der Arbeitszeit wird eher das Gegenteil davon erreichen, langfristig gut durch die Krise zu kommen.“
Johna sprach sich dagegen aus, dass Ärzte und Pflegekräfte zur Arbeit kommen, wenn sie mit SARS-CoV-2 infiziert sind. „Je höher der Belastungsdruck bei der Arbeit ist, desto mehr steigt das Risiko, sich anzustecken“, sagte sie.
„Denn das Einhalten der Hygienemaßnahmen kostet viel Zeit und es ist enorm anstrengend, mit der Schutzausrüstung körperlich am Patienten zu arbeiten.“ Umso wichtiger sei es, dass man den Patienten konzentriert behandeln könne. „Und das funktioniert nicht, wenn man die Arbeitszeit hochsetzt und auch nicht, wenn man infiziertes Personal weiterarbeiten lässt“, so Johna.
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