Keuchhustenwelle in Deutschland

Berlin – Hinter hartnäckigem Husten kann eine hochansteckende Infektion stecken. Doch erst seit 2013 ist Keuchhusten in ganz Deutschland meldepflichtig. So viele Fälle wie jetzt wurden noch nie registriert. Das Robert-Koch-Institut (RKI) registrierte für das vergangene Jahr 22.119 Fälle. Das sind mit Abstand die meisten seit dem Beginn der bundesweiten Meldepflicht im Jahr 2013. Damals waren es rund 12.600 Patienten pro Jahr, 2015 rund 14.000.
„Wir sehen hier wahrscheinlich beides: eine Krankheitswelle, aber auch eine zunehmend bessere Erfassung“, sagte Wiebke Hellenbrand, Infektionsforscherin am RKI. Impflücken begünstigten Ansteckungen. Besonders gefährlich ist Keuchhusten (Pertussis) für Säuglinge. 2016 starben in Deutschland drei Babys an der Infektion – das sind untypisch viele.
Seit Jahresbeginn wurden bereits 1.554 neue Keuchhusten-Patienten an das RKI gemeldet. Hellenbrand kann nur vermuten, dass die Welle auch mit einem typischen Zyklus der Erreger zu tun hat. In Ostdeutschland werden Pertussis-Infektionen bereits seit 2002 erfasst. Höhepunkte waren die Jahre 2007 und 2012 – die Zeit könnte also wieder reif sein.
Der Schrecken, den Keuchhusten vor der Schutzimpfung seit den 1930er- Jahren hatte, ist fast vergessen. Damals seien in Deutschland 10.000 Säuglinge pro Jahr an der hochansteckenden Infektion gestorben, so Hellenbrand. Die Bakterien verbreiten sich durch Husten, Niesen oder Sprechen über winzige Tröpfchen aus dem Nasen-Rachen-Raum.
Bei der Einschulung waren nach den jüngsten RKI-Daten für 2014 fast 97 Prozent der Kinder in Ostdeutschland und 95 Prozent in Westdeutschland gegen Keuchhusten geschützt. Ganz anders bei den Erwachsenen – da ist es je nach Lebensalter nur jeder fünfte bis zehnte. Bei jungen Eltern hat ein Drittel einen Impfschutz, bei Schwangeren ein Fünftel. Dabei gelten Familien mit kleinen Kindern als Hauptrisikogruppe.
„Keuchhusten ist bei der Bevölkerung und auch bei Hausärzten noch nicht vollständig im Bewusstsein“, sagte Hellenbrand. Dazu kommt, dass die Impfung ihre Tücken hat. Sie muss immer wieder aufgefrischt werden. „Aber wir haben nichts besseres.“
Allein bei Kleinkindern sind es vier Teilimpfungen gegen Keuchhusten. Dazu kommen zwei Auffrischungen, einmal im Kindes-, einmal im Jugendalter. Für Erwachsene wird ein Pertussis-Schutz zusammen mit der Auffrischung für Tetanus und Diphtherie empfohlen – aber vielfach einfach vergessen. „Wahrscheinlich reicht der empfohlene Abstand von zehn Jahren auch nicht aus“, sagte Hellenbrand. Erlischt der Impfschutz, können sich Menschen auch nach überwundener Infektion erneut anstecken.
Ist eine junge Mutter nicht geimpft, hat ihr Baby bis zur ersten Immunisierungsmöglichkeit im Alter von zwei Monaten keinen Schutz. Es gebe deshalb Überlegungen, Schwangeren die Impfung generell zu empfehlen, sagte die Expertin. Zumindest kommt die Keuchhusten-Forschung mit der Meldepflicht nun weiter voran. „Wir hatten noch nie so viele Daten.“
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sieht den Grund für die Misere in den bestehenden Impflücken und kritisiert die „Erwachsenenmediziner“. „Wir Kinder- und Jugendärzte impfen möglichst auch immer die Angehörigen mit gegen Keuchhusten“, sagte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach. Die Zahlen des RKI zeigten, dass Keuchhusten „offenbar bei Erwachsenen und auch bei Allgemeinärzten und Gynäkologen noch nicht vollständig im Bewusstsein“ angekommen sei.
Das müsse sich dringend ändern, denn Keuchhusten sei „alles andere als harmlos“. Gerade im ersten Lebensjahr, wenn der Impfschutz noch nicht vollständig sei, könne Keuchhusten eine ernste gesundheitliche Bedrohung für Kinder sein. Fischbach forderte, Allgemeinärzte und Gynäkologen müssten mehr als bisher darauf achten, dass sie Impflücken schließen.
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