Kindgerechte Medizinprodukte und Arzneimittel sind Mangelware

Berlin – Ärzte, Patienten und Forscher des Kompetenznetzes Angeborene Herzfehler warnen dringend vor einem zunehmenden Mangel an kindgerechten Medizinprodukten und Arzneimitteln. In einem Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderten sie, die adäquate Versorgung der kleinen Patienten durch eine gezielte Forschungsförderung und die Herstellung entsprechender Medizinprodukte und Medikamente zu gewährleisten. Der Brief richtet sich auch an die Hersteller von Herzschrittmachern, Defibrillatoren, Herzkathetern und Arzneimitteln, die aus wirtschaftlichen Erwägungen zum Beispiel die Produktion von kindgerechten Schrittmachern einstellten.
„Heute haben wir den letzten Schrittmacher, den wir auf Lager hatten, der kleinen Nelly mit einem angeborenen AV-Block und einer sehr langsamen Herzfrequenz implantiert“, schreiben die Autoren des Briefes. Der Hersteller habe die Produktion des Gerätes eingestellt. „Die Lage bei den kardiovaskulären Implantaten für Kinder ist grundsätzlich prekär“, erläutern die Autoren. Das zwinge Ärzte dazu, bei den kleinen Patienten Schrittmacher zu implantieren, die für Erwachsene entwickelt wurden.
„Mit ihren heterogenen angeborenen Herz-und Kreislauf-Erkrankungen bildet die junge Patientengruppe auf den ersten Blick zweifelsohne keine marktwirtschaftlich attraktive Größe“, heißt es in dem Brief. Für die Produkte im Erwachsenenbereich seien bedeutend höhere Erlöse zu erzielen. „Das darf jedoch nicht dazu führen, dass die kindgerechte Entwicklung von Medizinprodukten und Medikamenten unterbleibt“, mahnen die Autoren.
Kinder seien dringend auf Medizinprodukte, Implantate und Medikamente angewiesen, die sich ihrer körperlichen Entwicklung anpassten. „Wir appellieren daher an alle Hersteller, kindgerechte Produkte bereitzustellen und eine entsprechende Forschung zu unterstützen“, heißt es in dem Brief.
Bei ihrem Appell berufen sich die Unterzeichner auch auf das Grundgesetz. „Laut Artikel zwei unserer Verfassung hat jeder das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“, argumentiert Sven Dittrich, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK).
Laut dem Kompetenznetz und der DGPK kommt in Deutschland jedes 100. Kind mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt. Fortschritte in Diagnostik und Therapie hätten seit den 1970er-Jahren dazu geführt, dass heute über 90 Prozent der betroffenen Patienten das Erwachsenenalter erreichten. Doch das Leben mit der chronischen Erkrankung erfordere eine kontinuierliche medizinische Betreuung.
„In der Arzneimittelforschung wurden im Bereich Kindermedikamente mit einer EU-Richtlinie Anreize und Sanktionen für die forschende Industrie eingeführt“, sagte Kai Rüenbrink, Sprecher des Aktionsbündnisses Angeborene Herzfehler. Für den Bereich der künstlichen Herzklappen, Stents, Katheter und anderer medizintechnischer Geräte sei eine solche Maßnahme ebenfalls dringend notwendig.
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