Medizin

Klimawandel erhöht Gesundheitsrisiken in Europas Städten deutlich

  • Donnerstag, 10. September 2026
/Lucija, stock.adobe.com
/Lucija, stock.adobe.com
Dieses Dialog-Fenster öffnen

Barcelona – Hitze, Infektionskrankheiten, Pollen und Waldbrände: Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels nehmen in europäischen Städten deutlich zu. Trotz großer Ambitionen kommt die Anpassung vieler Kommunen nicht schnell genug voran.

Das zeigt die erste europaweite Untersuchung zu Klimawandel und Gesundheit auf der Ebene von mehr als 850 einzelnen Städten (Lancet Public Health 2026; DOI: 10.1016/S2468-2667(26)00100-3). Besonders stark betroffen sind Städte in Süd- und Osteuropa. Aber auch für weniger heiße Regionen wie Deutschland zeigt der Bericht zunehmende – teils neue – Gesundheitsrisiken auf.

Europa erwärme sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt, und in den Städten konzentrieren sich die gesundheitlichen Risiken dieser Veränderung, so die Forschenden. Besonders betroffen seien Kinder, ältere Menschen, im Freien arbeitende Beschäftigte und einkommensschwache Bevölkerungsgruppen.

Die geschätzte hitzebedingte Sterblichkeit ist dem Bericht zufolge zwischen 2015 und 2024 gegenüber dem Zeitraum 1991 bis 2000 in 98,7 % der untersuchten Städte gestiegen. Im europäischen Durchschnitt kamen zuletzt 82 hitzebedingte Todesfälle je 1 Million Einwohner hinzu (95-%-Konfidenzintervall: [63; 100]).

Die regionalen Unterschiede sind allerdings groß. Für Westeuropa errechnete die Forschungsgruppe im Mittel 64 zusätzliche Todesfälle je 1 Million Einwohner [48; 80], in Südeuropa waren es 132 [109; 156].

Die meisten der mehr als 850 Stadtverwaltungen steuern bereits gegen, insgesamt identifizierten die Forschenden 1.519 geplante oder bereits umgesetzte Anpassungsmaßnahmen. Und es gab messbare Verbesserungen.

In 88,2 % der Städte war die Begrünung und die Verringerung der Wärmeaufnahme durch reflektierende Oberflächen mit einer Abnahme der sommerlichen Intensität der sogenannten „städtischen Wärmeinsel“ um im Mittel 0,7 Grad Celsius verbunden. Der Begriff beschreibt, wie viel wärmer eine Stadt im Vergleich zu ihrer Umgebung ist.

Infektionsrisiken und Pollenbelastung nehmen zu

Neben der Hitze gewinnen Pollenflug, wärmeliebende Krankheitserreger und der Verlust von Stadtgrün an Bedeutung. So nahm die Belastung durch Birkenpollen in Westeuropa im Untersuchungszeitraum deutlich zu. Für Berlin wird ein Anstieg der Intensität des Pollenflugs von 66 % gegenüber dem Referenzzeitraum 1991–2000 berichtet.

Zudem begann die Birkenpollensaison in fast allen europäischen Städten 1–2 Wochen früher. Auch begünstigten die höheren Temperaturen die Ausbreitung von Vibrionen im Meerwasser. Für Deutschland ergab die Studie im Zeitraum 2015–2024 gegenüber 1982–2010 einen Anstieg der Tage mit erhöhtem Ansteckungsrisiko um etwa 60 %.

Betroffen sind vor allem Küstenregionen an Nord- und Ostsee. Die klimatische Eignung für eine mögliche Ansteckung mit Dengue-Fieber nahm besonders in osteuropäischen Städten zu, im Zeitraum 2015–2024 gegenüber 1982–2010 um 369,3 %, gefolgt von Westeuropa mit 159,3 % (europäisches Mittel rund 110,5 %). Ähnliche Trends zeichneten sich den Forschenden zufolge für Chikungunya- und Zika-Viren ab.

Anpassung kommt vielerorts zu langsam voran

Bäume können bekanntlich Hitze reduzieren, die Luftqualität verbessern und das psychische Wohlbefinden fördern. Gleichzeitig ist die Baumbedeckung in westeuropäischen Städten zwischen 2000 und 2020 um knapp 1,5 % zurückgegangen. Europaweit erreichen lediglich 14 % der untersuchten Städte den von den Vereinten Nationen empfohlenen Schwellenwert von 30 % Baumkronenbedeckung, in Westeuropa sogar weniger als 6 %.

Inzwischen haben mehr als 80 % der untersuchten Städte eine Klimarisiko- und Vulnerabilitätsanalyse durchgeführt. Doch die Umsetzung hinkt hinterher. Als wichtigste Barriere wird von den Kommunen die fehlende Finanzierung genannt. Kaiserslautern fiel bei der Analyse durch vergleichsweise hohe beschattete Radinfrastruktur auf.

„Städte haben eine einzigartige Möglichkeit, ihren Bewohnerinnen und Bewohnern eine gesündere, nachhaltigere und widerstandsfähigere Zukunft zu ermöglichen“, kommentierte eine der führenden Autorinnen der Publikation, Cathryn Tonne aus Barcelona. „Wir müssen diese Ambitionen nutzen und sicherstellen, dass die Städte über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung in ganz Europa zu schützen.“

Die Hitzewellen und Waldbrände dieses Jahres seien keine isolierten Katastrophen, stellte Erstautor José Chen-Xu, ebenfalls aus Barcelona, darüber hinaus klar. Sie seien Symptome eines sich erwärmenden Klimas, das die Wahrscheinlichkeit häufigerer und gefährlicherer Extremereignisse erhöht.

„In ganz Europa können die Menschen diese Veränderungen in ihrem täglichen Leben spüren. Wir verfügen über die Daten, um aufzuzeigen, wo die Risiken am größten sind und warum dringendes Handeln erforderlich ist, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.“

mog

Diskutieren Sie mit:

Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen

Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.

Jetzt bei Google bevorzugen

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung