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Kommission: Pandemiepläne gehen oft an Lebensrealitäten vorbei

  • Montag, 21. September 2026
/visivasnc, stock.adobe.com
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New York – Die bisherige Form der Pandemieplanung in vielen Ländern greift aus Sicht einer internationalen Expertengruppe viel zu kurz. Zwischen formaler Bereitschaft und tatsächlichem Schutz auch für benachteiligte Gruppen klaffte etwa in der COVID-19-Pandemie eine Lücke, hält die sogenannte NUS–Lancet PRIME Commission in einem Report fest, der heute am Rande der UN-Generalversammlung in New York vorgestellt werden sollte (Lancet Commission 2026; DOI: 10.1016/S0140-6736(26)01146-3).

Sie dringt auf praktikablere Lösungen zur Vorsorge für derartige Krisen. Der Vorschlag: gesamtgesellschaftliche Ansätze, mit denen auch Chancengleichheit für alle Menschen geschaffen werden soll. Einbezogen werden müssten Bevölkerungsgruppen ebenso wie Gesundheits- und Sozialsysteme, die Bereiche Finanzen, Recht, Bildung und Arbeit, Ernährungssysteme und Umweltpolitik sowie die regionale und globale Zusammenarbeit.

Bisherige Pandemiepläne kritisiert die Gruppe letztlich als wenig alltagstauglich: Man habe sich zu sehr auf formale Abläufe auf dem Papier konzentriert, wie Checklisten und technische Kapazitäten. Es werde aber nicht geprüft, ob diese ausreichen, um alle Schutzbedürftigen zu erreichen.

Die Kommission unterscheidet zwischen den Begriffen „pandemic preparedness“ (Vorbereiten von Plänen, Fähigkeiten, Infrastruktur) und „pandemic readiness“ (umfassende, gesamtgesellschaftliche Fähigkeit, Pandemien zu verhindern, sich darauf vorzubereiten, darauf zu reagieren, sich davon zu erholen). Sie plädiert dafür, das Konzept der „readiness“ zu verfolgen.

Fallstudien in 20 Ländern zeigen systemische Schwächen

Der Report der Kommission stützt sich unter anderem auf Erkenntnisse aus 20 Ländern, in denen sich Mitglieder etwa mit Gruppen austauschten, die traditionell bei der Krisenvorsorge oft übersehen würden: darunter indigene Gemeinschaften, Menschen mit Behinderungen, informell Beschäftigte und Bewohner von ländlichen, abgelegenen und unterversorgten Gebieten. In Europa waren etwa junge Erwachsene in Slowenien Teil der Untersuchung. Insgesamt wurden mehr als 800 Personen interviewt.

Die Fachleute stießen dabei immer wieder auf Diskrepanzen zwischen in Aussicht gestellten Leistungen wie zum Beispiel Impfungen und den tatsächlich zugänglichen Optionen in Systemen unter Stress. Man habe festgestellt, dass die Menschen selbst nicht ‚vulnerabel‘ seien, vielmehr schüfen die Systeme diese Vulnerabilität, sagte Helena Legido-Quigley, Co-Vorsitzende der NUS-Lancet PRIME Commission laut einer Mitteilung. Als Beispiel nannte sie: Wer die Landessprache nicht beherrsche, könne Gesundheitsempfehlungen nicht verstehen.

Aus den Fallstudien in den 20 Ländern identifizierte die Gruppe fünf systemische Schwächen, die den Menschen den Umgang mit der Pandemie erschwerten: Existenzunsicherheit, beengte Wohnverhältnisse, administrative Hürden beim Zugang zu Unterstützung; Misstrauen gegenüber Institutionen und mangelnde Verfügbarkeit von Informationen sowie Schwachstellen im System, die das Risiko auf Haushalte und Gemeinden verlagerten.

„Es liegt in der Verantwortung einer Regierung, alle ihre Bürger und Einwohner zu schützen“, betonte die Co-Vorsitzende Helen Clark, die frühere Premierministerin von Neuseeland. Eine neue pandemische Bedrohung könne jederzeit auftauchen.

Die Kommission spricht verschiedene Handlungsaufforderungen aus, die nicht nur im Umgang mit Pandemien helfen sollen, sondern auch mit anderen Arten von Krisen. Sie rät zum Beispiel dazu, Bürgerbeteiligung zu institutionalisieren, die Schwachstellen in den Systemen anzugehen, gegen Desinformation vorzugehen und auch die Nachbereitung der Krise nicht zu vernachlässigen.

Starke Gesundheits- und Sozialsysteme als Teil der Vorsorge

Eine starke Primärversorgung, Gesundheitsversorgung für alle und soziale Sicherungssysteme als Voraussetzung für das Befolgen von Maßnahmen sind zentrale Punkte, die die Kommission hervorhebt. Regierungen müssten zudem kontinuierlich daran arbeiten, Vertrauen aufzubauen und zu erhalten. Wichtig sei darüber hinaus internationale Zusammenarbeit, auch was den Zugang zu Impfungen betrifft.

Epidemiologische Modellierungen der Kommission zu möglichen künftigen Pandemieszenarien unterstreichen, dass mit einem gerechteren Zugang zu Impfstoffen, etwa in Abhängigkeit von der Bevölkerungsgröße statt nach Kaufkraft der Länder, viele Menschenleben zusätzlich gerettet werden könnten. Für den Fall einer zweijährigen Influenzapandemie wurde modelliert, dass so 2,7 Millionen zusätzliche Leben gerettet werden würden.

Impfstoffe gerechter verteilen

Wie eine gerechtere Verteilung von Impfstoffen zwischen den Ländern aussehen könnte, ist auch immer noch Gegenstand der andauernden Verhandlungen über ein Kernstück des Pandemievertrags der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das PABS-System (Pathogen Access and Benefit Sharing). Die Kommission betont, dass ihre Arbeit nicht als Alternative zu anderen Instrumenten der Pandemievorsorge betrachtet werden solle, sondern vielmehr als gerechter Ansatz, der deren erfolgreiche Umsetzung in der Praxis sicherstellen soll.

Hierzulande hatte es in der COVID-19-Pandemie wiederholt Kritik an einer unzureichenden Umsetzung des Pandemieplans gegeben. Dieser Plan, der noch aus dem Jahr 2017 stammt, wird nach den Erfahrungen mit SARS-CoV-2 immer noch überarbeitet.

Im Bericht der Kommission wird Deutschland als eines von mehreren Ländern erwähnt, in denen fragmentierte föderale Systeme zu verzögerten Entscheidungen, Reibungen innerhalb der Regierung und inkonsistenter Umsetzung geführt hätten – im Gegensatz zu Ländern wie Luxemburg, Neuseeland und Japan, die mit zentralisierten Systemen etwa schnelle nationale Maßnahmen und kohärente Kommunikation umgesetzt hätten.

Bei der 81. UN-Generalversammlung legt die WHO einen Fokus auf das Thema Pandemievorbeugung, -vorsorge und -bewältigung, in New York steht dazu am Freitag ein High-Level-Meeting an. „Fünf Jahre nach COVID-19 zeigen die jüngsten Ausbrüche von Ebola, Mpox, Cholera und Hantaviren erneut, wie wichtig nachhaltige Investitionen in die Vorsorge und die globale Gesundheitssicherheit sind“, teilte die UN-Sonderorganisation mit.

ggr

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