Krankenstand: Pharmaindustrie klagt über Kosten, Ärztevertreter skeptisch

Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand beklagt und damit eine Debatte über Arbeitsmoral, Kosten und mögliche Schlussfolgerungen ausgelöst.
Beschäftigte hierzulande kämen im Schnitt auf 14,5 Krankentage im Jahr, kritisierte der Kanzler und stellte die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung (AU) infrage. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die Regelung zu überprüfen. Die mitregierende SPD lehnt ein Ende der Möglichkeit zu Krankschreibungen per Telefon ab.
Die Pharmaindustrie legte heute dazu eigene Zahlen und Schlussfolgerungen vor. Der Hartmannbund sieht ganz andere Baustellen im System.
Aus Sicht des Verbands forschender Pharmaunternehmen (vfa) kosten die häufigen Ausfälle von Beschäftigten wegen Krankheit die deutsche Wirtschaft Milliarden. „Seit vier Jahren ist der Krankenstand auf einem weit überdurchschnittlichen Niveau mit erheblichen wirtschaftlichen Konsequenzen“, heißt es in einer Untersuchung des Pharmaverbands. Arbeitnehmer in Deutschland seien häufiger krank als in anderen Ländern.
Im vergangenen Jahr habe der Krankenstand mit 5,7 Prozent rund zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der Jahre 2003 bis 2019 gelegen, schreibt vfa-Chefvolkswirt Claus Michelsen. Selbst bei vorsichtiger Schätzung belaufe sich der Verlust in der Wertschöpfung durch den hohen Krankenstand auf ein Drittel Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – schlimmstenfalls wären es fast ein Prozent pro Jahr.
„In der Summe der vergangenen vier Jahre entspricht dies einem Ausfall von bis zu 160 Milliarden Euro.“ Die finanziellen Lasten für die Krankenversicherungen seien dabei noch nicht berücksichtigt. „In Zeiten eines sinkenden Erwerbstätigenpotenzials kann dauerhaft nicht auf umgerechnet 300.000 Erwerbstätige wegen Krankheit verzichtet werden.“
Der Verband plädiert für mehr Vorsorge und Prävention – etwa mit breiten Grippeimpfungen. „In einem Umfeld ohnehin schwacher Wachstumsraten fallen krankheitsbedingte Ausfälle in der Produktion besonders ins Gewicht und belasten die konjunkturelle Erholung“, schreibt Chefvolkswirt Michelsen.
Der Studie zufolge gab es einen Sprung beim Krankenstand von 2021 auf 2022, der maßgeblich auf Atemwegserkrankungen wie Grippe, RSV und COVID-Infektionen zurückgehe. Seitdem habe sich der Krankenstand zwar etwas verringert, bleibt aber erhöht.
Für tatsächlich höhere Krankenstände spreche, dass es seit 2022 anhaltend mehr Arztbesuche gebe, so der vfa. Außerdem seien in den vergangenen vier Jahren weltweit stärkere Grippewellen aufgetreten und 2023 in Deutschland eine unüblich schwere RSV-Welle. Die oft kritisierte telefonische Krankschreibung habe dagegen wohl keinen spürbaren Effekt, da sie schon seit 2020 existiere, also vor dem Sprung beim Krankenstand 2022.
Der Vorstand des Hartmannbundes hat sich auf seiner jüngsten Sitzung gegen eine Abschaffung der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausgesprochen. „Die telefonische AU ist nicht das zentrale Problem des deutschen Gesundheitswesens – und auch nicht des Arbeitsmarktes“, betonte der Vorstand.
Gerade in Zeiten starker Infektionswellen stelle die telefonische AU eine wichtige Unterstützung für Arztpraxen dar. Sie helfe, Wartezimmer zu entlasten und unnötige Ansteckungsrisiken zu vermeiden. Zudem sei geregelt, dass Praxen eine telefonische Krankschreibung nur bei Patienten ausstellen dürften, die ihnen bereits persönlich bekannt seien.
Der Hartmannbund warnt daher vor einer einseitigen Fokussierung der Debatte auf dieses Instrument. Die eigentlichen Ursachen für Fehlzeiten lägen nicht in den Arztpraxen. „Fragen der Motivation, der Arbeitsbereitschaft und des Umgangs mit Fehlzeiten müssen in den Unternehmen zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten geklärt werden“, heißt es aus dem Vorstand.
Der Hartmannbund fordert Politik und Öffentlichkeit auf, die Diskussion um die telefonische AU sachlich zu führen und sich stärker auf die strukturellen Herausforderungen im Gesundheits- und Arbeitsmarkt zu konzentrieren.
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