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Krebsgesellschaft kritisiert ungleiche Chancen beim Zugang zur Krebsfrüherkennung

  • Mittwoch, 19. August 2026
/fizkes, stock.adobe.com
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Berlin – Nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen auf Zugang zu Screenings auf Krebserkrankungen. Personen mit Unterstützungsbedarf und kognitiver Beeinträchtigung würden auf zahlreiche Hürden bei der Teilnahme an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen stoßen und somit seltener an Krebsscreenings teilnehmen als Menschen ohne Beeinträchtigung, kritisiert die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG). 

Dadurch würden Krebsdiagnosen oftmals erst in einem fortgeschrittenen Stadium gestellt werden und die Heilungschancen somit geringer ausfallen. Auch die Krebssterblichkeit sei bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung höher.

Dabei verweist die onkologische Fachgesellschaft auf eine neue Übersichtsarbeit, die ein Team von Wissenschaftlern der DKG im Rahmen des EU-geförderten Projekts EUCanScreen gemeinsam mit Forschenden aus Belgien und Norwegen veröffentlicht hat (Int J Equity Health 2026; DOI: 10.1186/s12939-026-02965-1).

Die Untersuchung, für die weltweit 78 Studien zu Screeningraten, Zugangshürden, förderlichen Faktoren und Interventionen zur Verbesserung der Teilnahme ausgewertet worden, zeigt für die DKG, dass die bestehenden Strukturen derzeit auch in Deutschland nicht ausreichend auf die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ausgerichtet sind. Die neue Generalsekretärin der Deutschen Krebsgesellschaft, Konstanze Blatt, sieht daher deutlichen Handlungsbedarf bei den Versorgungsstrukturen.

„Partizipation und die richtige Ansprache sind grundlegende Bausteine, um die Teilnahmeraten an Screenings bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zu erhöhen“, sagte sie dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir haben dabei sehr gute Erfahrungen in einem Projekt der Landeskrebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen und weiteren Partnern gemacht. Gemeinsam mit allen Beteiligten – Menschen mit Beeinträchtigungen und professionellen Expertinnen und Experten – wurden Infomaterialien zum Screening entwickelt, die sehr gut angenommen werden.“

Blatt sieht zudem Potenzial in einer stärkeren Spezialisierung. Deutschlandweit gebe es medizinische Behandlungszentren für Erwachsene mit Behinderungen (MZEB), die über besondere Expertise in der Versorgung dieser Gruppe verfügten und beispielsweise Sprechstunden zur Darmkrebsfrüherkennung anbieten würden. Diese vorhandenen Schnittstellen müssten gezielter genutzt werden, so Blatt.

Auch die aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt verschiedene Faktoren, die einer Teilnahme an Krebsscreenings entgegenstehen können. So benötigten Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zielgruppengerechte Informationen über die Untersuchungen. Dazu könnten beispielsweise begleitendes Bildmaterial und Informationen in Einfacher Sprache beitragen.

Ferner bestehen nach Ansicht der Forschenden auch bei der Mitteilung von Untersuchungsergebnissen Barrieren: Häufig würden Ergebnisse an Hausärztinnen und Hausärzte oder Betreuungspersonen kommuniziert, während die betroffenen Menschen selbst nur indirekt informiert würden. Dies könne eine gemeinsame Entscheidungsfindung über weitere diagnostische oder therapeutische Schritte erschweren, so ein Fazit der Übersichtsarbeit.

Weiterhin beschreibt die Untersuchung Hindernisse in der praktischen Versorgung: Arztpraxen seien oftmals nicht barrierefrei, Fachpersonal teilweise unzureichend auf die spezifischen Bedürfnisse der Zielgruppe vorbereitet. Gleichzeitig müssten Untersuchungen im eng getakteten Praxis- und Klinikalltag häufig innerhalb kurzer Zeit durchgeführt werden.

Für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung könnten zusätzliche Maßnahmen erforderlich sein, um eine Untersuchung überhaupt zu ermöglichen oder Ängste abzubauen, so das Autorenteam. Dazu gehörten etwa ein vorheriger Besuch der Untersuchungsräume, längere und ruhigere Termine zu Beginn oder am Ende des Tages oder in bestimmten Fällen eine Sedierung. Solche individuellen Anforderungen ließen sich unter den bestehenden organisatorischen Bedingungen nur schwer umsetzen. Zudem sei für den damit verbundenen zeitlichen Mehraufwand keine entsprechende Vergütung vorgesehen.

Zusammenfassend zeigt die Übersichtsarbeit, dass die Teilnahmeraten an Screeninguntersuchungen für Brust-, Gebärmutterhals-, Darm-, und Magenkrebs bei Menschen mit Beeinträchtigung durchweg geringer sind – und das länderübergreifend.

„Viele Länder erfassen keine Screeningdaten von Menschen mit Beeinträchtigung – das Thema hat in der Forschungslandschaft noch nicht den Stellenwert, den es haben sollte“, betonte Carmen Koko, Mitarbeiterin in der Abteilung Versorgungsforschung der Deutschen Krebsgesellschaft und Erstautorin der Studie. Die Auswertung von Daten aus 14 Ländern ermögliche jetzt jedoch einen umfassenderen Blick auf die Situation.

Besonders gute Studiendaten gebe es beispielsweise in Dänemark. „Dort lag die Teilnahmerate bei Frauen mit kognitiver Beeinträchtigung beim Brustkrebsscreening bei nur 25 Prozent, gegenüber 62 Prozent bei Frauen ohne kognitive Beeinträchtigung“, so Koko.

Erste Daten aus Deutschland zeigten, dass es hierzulande ähnlich aussieht: Die Screeningteilnahme für Gebärmutterhals-, Brust-, Darm-, Prostata- und Hautkrebs von Menschen mit Down-Syndrom hätte in einer retrospektiven Querschnittsstudie mit Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung nur bei rund 17 Prozent gelegen, verglichen mit 26 Prozent bei Menschen ohne kognitive Beeinträchtigung, so die DKG.

Neben notwendigen Veränderungen in der Versorgung sieht die DKG auch nach Veröffentlichung dieser Ergebnisse noch weiteren Forschungsbedarf. Für eine inklusive und personalisierte Krebsfrüherkennung fehlen nach ihrer Ansicht bislang noch wichtige Daten.

Wissenslücken bestünden unter anderem mit Blick auf einzelne Beeinträchtigungen und mögliche spezifische Krebsrisiken. Auch für die Risiko-Nutzen-Abwägung der Krebsfrüherkennung bei bestimmten Syndromen werde mehr Evidenz benötigt. Eine bessere Datengrundlage könnte langfristig dazu beitragen, Empfehlungen für inklusive Screeningmaßnahmen in Leitlinien zu verankern und das Wissen an ärztliches Fachpersonal weiterzugeben, so die DKG.

ER

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