Multiple Sklerose: Fachgesellschaft befürwortet Kühlkleidung

Hannover – Immer mehr wissenschaftliche Studien bestätigen therapeutische Effekte, wenn Menschen mit Multipler Sklerose (MS) bei erhöhter Wärmeempfindlichkeit Kühlkleidung nutzen. Daher sprach sich der Ärztliche Beirat der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft (DMSG) bereits 2006 und jetzt erneut in einer Stellungnahme für den Einsatz körperkühlenden Produkte aus.
Der DMSG-Bundesverband plädiere weiterhin dafür, Kühlkleidung in das Hilfsmittelverzeichnis aufzunehmen, bestätigte eine Sprecherin. Die Verordnungsfähigkeit solle zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung gehen.
Bei MS kann es bei 69 bis 80 Prozent zu kurzfristigen Symptomverstärkungen auf Basis erhöhter Wärmeempfindlichkeit, dem Uhthoff-Phänomen, kommen. Wirksame medikamentöse Therapien stehen nicht zur Verfügung. Die Behandlung zielt daher vor allem auf die Senkung der Köpertemperatur und die Vermeidung von Hitze ab.
Studien zeigen seit mehr als 20 Jahren positive Effekte
In mehreren klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass die Abkühlung des Körpers durch verschiedene Kühlaggregate, Kühlanzüge oder Kühlwesten Gangstörungen, Muskelkraft, Fatigue-Symptomatik und Lebensqualität verbessern kann.
In einem systematischen Review von 2019 kamen die Forschenden zu dem Schluss, dass eine rechtzeitige Kühlung („pre-cooling”) ohne Nebenwirkungen einer Symptomverschlechterung vorbeugen kann (2019; DOI: 10.1016/j.msard.2018.11.013).
In einer verblindeten Cross-Over-Studie konnten MS-Patienten mit der realen Kühlweste signifikant länger und weiter gehen als mit der „Sham“-Weste (2020; DOI: 10.1007/s00421-020-04478-3). In einem vergleichbaren Studiendesign konnte die Kühlkleidung Gehgeschwindigkeit, Beinkraft und feinmotorische Fähigkeiten verbessern (2007; DOI: 10.1177/1352458506070648).
In einer anderen etwas größeren kontrollierten Studie mit 150 Patienten mit MS-bedingter Fatigue verhalf die Kühlweste zu einer geringeren Fatigue sowie einer stärkeren Unabhängigkeit bei den Aktivitäten des täglichen Lebens (2017; DOI: 10.1111/jocn.13788).
Bereits 2003 hatte die NASA/MS Cooling Study Group festgestellt, dass Kühlkleidung sowohl bei stärkerer als auch geringerer Kühlung die Gangparameter verbesserte, die Sehfähigkeit erhöhete sowie zu einer subjektiv besseren Befindlichkeit führte. Positive Effekte mit verschiedenen Arten von Kühlkleidung für MS-Erkrankte wurden auch in zahlreichen weiteren Studien seit 2000 festgestellt.
Daher sind Bekleidungsstücke wie Kühlwesten, Stirnbänder, Nackentücher, Kühlhauben oder Kühlstrümpfe eine Therapieoption bei MS-bedingter erhöhter Wärmeempfindlichkeit, schlussfolgert der Ärztliche Beirat der DMSG. Sie könnten die Symptome der betroffenen MS-Patienten verbessern und auch prophylaktisch zum Einsatz kommen. Kühlungsmaßnahmen seien zudem leicht durchführbar, nebenwirkungsfrei und relativ kostengünstig.
Schon lange ist bekannt, dass eine lokale Kühlung in Eiswasser zumindest kurzfristig (30 bis 60 Minuten) auch persistierende MS-Symptome (zum Beispiel Gliedmaßenataxie) verbessern kann. Diese Therapie ist daher seit langem Bestandteil der Ergotherapie.
Das Uhthoff-Phänomen wird oft mit einem MS-Schub verwechselt
Durch eine Temperaturerhöhung ausgelöste Symptomverschlechterungen treten oftmals unvermittelt auf, so dass Betroffene einen neuen MS-Schub vermuten. Im Gegensatz zu einem Schub bilden sich diese Verschlechterungen jedoch nach Abkühlung des Körpers rasch wieder zurück.
Bei erhöhter Körpertemperatur durch Fieber, erhöhte Umgebungstemperatur oder körperliche Anstrengung nehmen – meist schon vorbestehende – neurologische Symptome zu und verstärken bestehende Beeinträchtigungen.
Dies zeigt sich meist durch eine Visusminderung, Doppelbilder, Muskelschwäche (Lähmungen), Gleichgewichtsstörungen, Sensibilitätsstörungen sowie Einschränkungen der Blasen- und/oder Darmfunktionen. Auch ein in Zusammenhang mit der MS bestehendes Fatigue-Syndrom kann sich verschlechtern.
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