Neuer Impfbeirat von Kennedy Jr. tagte erstmals

Atlanta – Der umstrittene neue Impfbeirat von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat in den Vereinigten Staaten erstmals getagt. Die Sorgen von Fachleuten vor einem radikalen Kurswechsel in der dortigen Impfpolitik bleiben bestehen, obwohl das von Kennedy neu besetzte Gremium zunächst keine spektakulären Empfehlungen abgab.
Die American Academy of Pediatrics (AAP), die bisher in den Sitzungen mitgewirkt hat, sieht keinen glaubwürdigen Prozess mehr und will weder den eigenen Namen noch die Expertise in das politisierte System einbringen, wie Präsidentin Sue Kressly in einer gestern veröffentlichten Stellungnahme sagte. Man werde weiterhin einen eigenen Impfkalender herausgeben.
Das Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP) beriet über Empfehlungen, die noch vom Direktor der Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) geprüft werden müssen. Das Treffen sollte ursprünglich vorgestern und gestern stattfinden, wurde nach Medienberichten aber gekürzt – mehrere der geplanten Themen wurden nicht behandelt.
Die AAP und andere Kritiker werfen Kennedy vor, das Gremium mit Impfskeptikern besetzt zu haben. Dem Vorwurf widersprach die Gruppe in einer gestern von den CDC verbreiten Erklärung. Darin hieß es, das Komitee befürworte nachdrücklich den Einsatz von Impfstoffen und anderen Gegenmaßnahmen, die auf evidenzbasierter Medizin beruhen. „Wir sind ohne vorgefasste Meinung zu diesem Treffen gekommen und werden so urteilen, als ob wir unsere eigenen Familien behandeln würden.“
Das Fachportal Stat berichtete jedoch, dass das Gremium einen zutiefst skeptischen Eindruck gemacht habe: Stundenlang hätten die Mitglieder Fragen zu Daten über Grippe-, RSV- und COVID-Impfungen gestellt. Gleichzeitig hätten sie Unkenntnis über einige Grundlagen der US-Impfpolitik zum Ausdruck gebracht.
Die Abstimmungen betrafen unter anderem den Einsatz eines neuen RSV-Antikörperpräparats (Zustimmung mit fünf zu zwei Stimmen). Die bisherige Empfehlung zur jährlichen Grippeschutzimpfung, die in den USA für alle Menschen ohne Kontraindikationen ab einem Alter von sechs Monaten gilt, wurde mit sechs zu null Stimmen bestätigt.
Das Gremium sprach sich zudem mit fünf zu einer Stimme dafür aus, dass Einzeldosen von Influenzaimpfstoffen genutzt werden sollen, die nicht die organische Quecksilberverbindung Thiomersal enthalten. Diese hat Kennedy in der Vergangenheit mit Autismus in Verbindung gebracht und gilt seit Jahren als ein häufiges Argument von Impfgegnern, was US-Gesundheitsbehörden jedoch als unbegründet ansahen, wie US-Medien berichteten.
Der Biostatistiker Martin Kulldorff, der die erste Sitzung eröffnete, kündigte zudem eine neue Arbeitsgruppe an, die Impfungen bei Neugeborenen und älteren Kindern auf den Prüfstand stellen soll. Unter anderem soll Kulldorf zufolge der Zeitpunkt für die gängige Kombi-Impfung von Masern, Mumps und Röteln untersucht werden.
Das Fachportal Stat zog nach der Sitzung das Fazit, dass eine neue Ära in der US-amerikanischen Impfstoffpolitik angebrochen sei. Einzelpersonen mit seit langem schwelenden Vorbehalten gegenüber Konventionen im Public-Health-Bereich und in einigen Fällen mit Verbindungen zur verschwörungsgläubigen Impfgegnerbewegung seien ermächtigt worden, Gesundheitsempfehlungen für eine ganze Nation zu geben.
Kennedy hatte vor gut zwei Wochen alle 17 Mitglieder der Impfkommission entlassen und ihnen Interessenkonflikte durch finanzielle Verbindungen zu Pharmaunternehmen vorgeworfen.
Der Schritt sei unerlässlich, um das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherzustellen, erklärte Kennedy, der in der Vergangenheit mit Falschinformationen über Impfstoffe aufgefallen war. In der Fachwelt rief das Vorgehen scharfe Kritik hervor.
In den USA nimmt die Impfskepsis schon seit einiger Zeit zu. Derzeit breiten sich die hochansteckenden Masern in den Vereinigten Staaten wieder aus. Seit Jahresbeginn wurden mehr als 1.200 Fälle gezählt, bei drei bestätigten Todesfällen.
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