Politik

Niedersächsische Minister: Pandemievorsorge nicht vernachlässigen

  • Freitag, 5. Juni 2026
Andreas Philippi (SPD), Gesundheitsminister von Niedersachsen
Andreas Philippi (SPD), Gesundheitsminister von Niedersachsen /picture-alliance, Julian Stratenschulte

Hannover – Geplante Einsparungen im deutschen Gesundheitswesen könnten sich negativ auf die Pandemievorsorge auswirken. Diese dürfe nicht vernachlässigt werden, machten heute die beiden niedersächsischen Minister für Gesundheit beziehungsweise für Wissenschaft in Hannover deutlich.

„Die nächste Krise wird wieder auf uns zukommen“, sagte der Gesundheitsminister des Landes, Andreas Philippi (SPD), im Zuge des Abschlusssymposiums des COVID-19-Forschungsnetzwerks Niedersachsen (COFONI). Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) beispielsweise dürfe nicht auf den Stand von 2019 zurückfallen.

„Aus niedersächsischer Sicht muss man sehr deutlich sagen: Wir sehen es auch als gewisse Sicherheitsgefährdung an, was auf Bundesebene gerade an Sparmaßnahmen auf den Weg gebracht wurde“, sagte Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD). „Das ist ein Problem und würde uns wahrscheinlich in Zukunft nicht mehr in die Lage versetzen, mit solchen Situationen so umzugehen, wie wir das konnten.“ Die finanziell resiliente Aufstellung des Gesundheitssystems sei wichtig.

Bis zur nächsten Krise würden wohl – anders als zwischen der Spanischen Grippe und SARS-CoV-2 – weniger als 100 Jahre vergehen, so die Erwartung Philippis. Die kommende Krise werde andere Eigenschaften haben als COVID-19. Die Vorbereitung müsse insbesondere auf besonders betroffene Gruppen wie zum Beispiel Menschen mit Vorerkrankungen, Familien mit Kindern, Beschäftigte in belasteten Arbeitskontexten ausgerichtet werden.

Neben einer Stärkung des ÖGD seien verlässliche Forschungsdaten wichtig. In der kommenden Woche gebe es einige Anträge zum Thema ÖGD bei der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) in Hannover, kündigte Philippi als deren aktueller Vorsitzender an.

Der in der Coronapandemie geschlossene Pakt für den ÖGD, durch den dessen Personalausstattung und Digitalisierung mit vier Milliarden Euro von Bund und EU gestärkt wurden, läuft Ende dieses Jahres aus. An der fehlenden Nachfolgelösung gab es bereits viel Kritik, etwa hinsichtlich wieder wegfallender Stellen.

„Wir sind in Niedersachsen extrem daran interessiert, dass der öffentliche Gesundheitsdienst sich noch weiter ausbaut“, betonte Philippi. Man wolle, dass der ÖGD „auch im Sinne von neuen Präventionsmaßnahmen zu einer richtigen dritten Säule des Gesundheitssystems wird“.

Man sei dazu in Haushaltsverhandlungen, die noch etwas Zeit bräuchten. „Und dann können wir, glaube ich, auch für Niedersachsen ganz positiv in die Zukunft blicken.“ Der Gesundheitsminister betonte, er hoffe nach wie vor, dass sich der Bund möglicherweise beteiligen werde, hob aber auch hervor: „Wir kennen momentan die Finanzsituation.“

COFONI bezog auch soziale Forschungsfragen ein

COFONI war mit rund 19 Millionen Euro vom Land gefördert worden, koordiniert wurde es von der Universitätsmedizin Göttingen. Demnach gab es acht Forschungsschwerpunkte, 38 Kooperationsprojekte und 25 Partnerinstitutionen.

Gestartet sei man im Oktober 2020 als biomedizinisches Netzwerk in der Hoffnung auf die Ableitung klinischer Strategien, sagte COFONI-Sprecher Jürgen Wienands. Mit einer zweiten Fördertranche seien Aspekte wie Long COVID und soziale Aspekte einbezogen worden.

Als wissenschaftliches Fundament auch für die künftige Pandemievorsorge hob die stellvertretende Netzwerksprecherin, Maren von Köckritz-Blickwede, die COFONI-Technologieplattform hervor. Verschiedene Technologien seien gestärkt worden: Bio- und Datenbanken, Tiermodelle und Testsysteme unter Hochsicherheitsbedingungen. Das Netzwerk habe auch Ausbildung und Nachwuchsförderung geleistet.

Weitere Impulse zu postinfektiösen Erkrankungen erhofft

Trotz des formalen Projektendes sei eine Form der Zusammenarbeit entstanden, die bleiben werde, sagte Minister Mohrs. Die Forschenden hätten beispielsweise auch das Potenzial, zur nun angelaufenen Dekade zu postinfektiösen Erkrankungen auf Bundesebene beizutragen.

Philippi würdigte den interdisziplinären Forschungsansatz, bei dem medizinische sowie soziale und gesellschaftliche Forschung verbunden worden seien. Man habe versucht, die Elemente des Virus in der Ganzheit zu adressieren, sagte Wienands. „Von den vielen unbekannten Eigenschaften des Virus, von den kleinen Molekülen bis hin zu den pathogenen Mechanismen, die es in die Gesellschaft hineingetragen hat.“ Long COVID beispielsweise sei am Anfang nicht absehbar gewesen.

„Das Risiko zu erkranken, auch die Chance zu gesunden, sind sozial ungleich verteilt“, betonte Berthold Vogel, Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und Co-Vorsitzender des COFONI-Long/Post-COVID-Komitees. „Es kommt sehr stark darauf an, wo man arbeitet, wie man lebt, wo man wohnt, welche Möglichkeiten, welche Zugänge man zu bestimmten gesellschaftlichen Ressourcen hat.“

Eine häufige Kritik an der deutschen Reaktion auf die Pandemie ist, dass Politik und Medien einseitig auf Fachleute aus Virologie und Epidemiologie gehört hätten, während etwa mögliche soziale Folgen zu wenig berücksichtigt worden seien.

Die Gesellschaftswissenschaften hätten zu Pandemiebeginn 2020 vielleicht tatsächlich etwas mehr am Rande gestanden, so Vogel. „Und vielleicht auch aus guten Gründen, weil es zunächst mal weniger um die allgemeine Diskussion der gesellschaftlichen Folgen ging, sondern wirklich um die Frage: Wie schützen wir die Bevölkerung vor diesem Virus?“

Es sei aber wichtig gewesen, diesen Aspekt in der zweiten Förderphase noch zu stärken. Zu den bearbeiteten Themen gehörten Vogel zufolge etwa die Folgen für Kinder und Jugendliche und die Arbeitswelt.

ggr

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