Niedrige Impfquoten bei Influenza: Erinnerungssysteme wichtig

Berlin – Die Grippeimpfung ist in der COVID-19-Pandemie besonders wichtig. Doch gerade bei der saisonalen Influenza sind die Impfquoten seit Jahren niedrig. An der Frage, ob Ärzte Teil des Problems sind, hat sich ein Streit entzündet.
Als Grund für niedrige Impfquoten bei Influenza nannte der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, gestern nicht nur die in den sozialen Medien „verbreiten Halbwahrheiten“. Das liege teilweise „auch an Kollegen, die trotz der wissenschaftlichen Evidenz von Impfungen abraten“, sagte er gestern bei einem vom Tagesspiegel veranstalteten virtuellen Impfgipfel.
Heftiger Widerspruch zu den Äußerungen kam heute per Mitteilung vom Vorstandsvorsitzenden des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), Dominik von Stillfried. „Aktuelle vom Zi ausgewertete Daten zeigen, dass fast 52.000 Haus- und Facharztpraxen in Deutschland aktiv impfen“, erklärte er. Die ‚schwarzen Schafe‘, die Montgomery adressiert habe, müssten insbesondere unter Hausärzten „fast mit der Lupe gesucht werden“.
Um die Impfdisziplin zu erhöhen – bei den Ärzten und bei den Bürgern – kann sich Montgomery, der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer, bei nachgewiesener Sicherheit und Wirksamkeit durchaus auch einige Pflichtimpfungen vorstellen. Damit könnte es gelingen „einige Geiseln der Menschheit auszurotten“.
Für den Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, ist eine Impfpflicht „immer nur die zweitbeste Lösung“. Die Bevölkerung müsse von der hohen Sicherheit der Impfungen überzeugt werden, sagte er. Und dies ist dem Virologen zufolge die Aufgabe der Ärzte.
Ärzte sollen ihre Patienten erinnern
Bei Menschen, die Impfungen unentschlossen gegenüberstehen oder sich unsicher fühlen, kann ein konstruktives Arztgespräch zu einer positiven Impfentscheidung führen.
Allerdings zeigte eine Umfrage unter Hausärzten in Deutschland, dass ein Viertel von ihnen älteren Patienten nicht zu mindestens einer der von der STIKO empfohlenen Impfungen für diese Altersgruppe – zum Beispiel gegen Influenza – geraten hat.
Als Erklärung für das Versäumnis gaben die befragten Ärzte am häufigsten an, es schlicht vergessen zu haben. Als einen der wichtigsten Schritte zur Steigerung der Impfquoten in Deutschland gilt deshalb die Etablierung von Erinnerungssystemen – für Ärzte und Patienten. Die Digitalisierung kann dabei eine große Rolle spielen.
Nachholbedarf gebe es aber auch bei der Ausbildung der Ärzte, betonte Montgomery, zu dessen Studienzeiten es noch in jedem Medizinstudium einen Impfkurs gegeben habe. „Jeder Arzt sollte impfen können“, betonte er. Und auch Mertens kritisierte, dass das „Wissen um die Impfung kein verpflichtender Lehrinhalt im Medizinstudium mehr sei.
Denn dies würde auch Sicherheit für die Diskussion mit impfskeptischen Patienten vermitteln. Angesichts dessen, dass es nur ein Bruchteil der Nichtgeimpften – man geht von fünf Prozent aus – echte Impfgegner sind, während der Rest nur impfmüde oder nachlässig ist, plädierten die Experten außerdem für die Etablierung niederschwelliger Impfangebote.
In vielen Ländern ist es beispielsweise möglich, sich auch in Apotheken impfen zu lassen. „Gerade für Bevölkerungsgruppen, die nicht häufig Arztkontakt haben, wäre dies eine gute Möglichkeit“, sagte Mathias Arnold, Vizepräsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Schließlich hätten Apotheken jedes Jahr rund eine Milliarde Kundenkontakte. Erste Projekte gebe es dazu bereits.
Die Ärzteschaft steht diesem Vorschlag allerdings noch skeptisch gegenüber: Eine Impfberatung in den Apotheken kann sich zum Beispiel Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) durchaus vorstellen, aber die Impfung müsse in Ärztehand bleiben. Alles andere sei angesichts seltener, aber dennoch vorkommender unerwünschter Impfreaktionen nicht zu verantworten.
Aufsuchende Angebote könnten das Impfen einfacher machen
Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), ging noch einen Schritt weiter: Um der Bevölkerung das Impfen zu erleichtern, plädierte sie für aufsuchende Angebote, sei es in Betrieben, Schulen oder anderen Einrichtungen.
Verantwortlich hierfür könnte künftig ein mit mehr Ressourcen ausgestatteter Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) sein. Ein besser aufgestellter ÖGD könnte dem Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel (CDU) zufolge zum Beispiel in die Pflegeheime kommen, um dort zu impfen.
Für die aktuelle Grippeimpfsaison appellierte Rüddel allerdings auch an die Ärzte: Die Verimpfung der 26 Millionen zur Verfügung stehenden Influenzaimpfdosen seien eine Chance, auch auf andere ausstehende Impfungen hinzuweisen.
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