Ärzteschaft

Niedrige Impfquoten bei Influenza: Erinnerungssysteme wichtig

  • Freitag, 9. Oktober 2020
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Berlin – Die Grippeimpfung ist in der COVID-19-Pandemie besonders wichtig. Doch ge­rade bei der saisonalen Influenza sind die Impfquoten seit Jahren niedrig. An der Frage, ob Ärzte Teil des Problems sind, hat sich ein Streit entzündet.

Als Grund für niedrige Impfquoten bei Influenza nannte der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, gestern nicht nur die in den sozialen Me­dien „verbreiten Halbwahrheiten“. Das liege teilweise „auch an Kollegen, die trotz der wissen­schaftlichen Evidenz von Impfungen abraten“, sagte er gestern bei einem vom Tages­spiegel veranstalteten virtuellen Impfgipfel.

Heftiger Widerspruch zu den Äußerungen kam heute per Mitteilung vom Vorstandsvor­sitzenden des Zentralins­tituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), Dominik von Still­fried. „Aktuelle vom Zi ausgewertete Daten zeigen, dass fast 52.000 Haus- und Facharzt­praxen in Deutschland aktiv impfen“, erklärte er. Die ‚schwarzen Schafe‘, die Montgomery adressiert habe, müssten insbesondere unter Hausärzten „fast mit der Lupe gesucht wer­den“.

Um die Impfdisziplin zu erhöhen – bei den Ärzten und bei den Bürgern – kann sich Mont­gomery, der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer, bei nachgewiesener Sicherheit und Wirks­amkeit durchaus auch einige Pflichtimpfungen vorstellen. Damit könnte es gelingen „ei­nige Geiseln der Menschheit auszurotten“.

Für den Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, ist eine Impfpflicht „immer nur die zweitbeste Lösung“. Die Bevölkerung müsse von der hohen Sicherheit der Impfungen überzeugt werden, sagte er. Und dies ist dem Virologen zufolge die Aufgabe der Ärzte.

Ärzte sollen ihre Patienten erinnern

Bei Menschen, die Impfungen unentschlossen gegenüberstehen oder sich unsicher füh­len, kann ein konstruktives Arztgespräch zu einer positiven Impfentscheidung führen.

Allerdings zeigte eine Umfrage unter Hausärzten in Deutschland, dass ein Viertel von ihnen älteren Patienten nicht zu mindestens einer der von der STIKO empfohlenen Im­pfungen für diese Altersgruppe – zum Beispiel gegen Influenza – geraten hat.

Als Er­klärung für das Versäumnis gaben die befragten Ärzte am häufigsten an, es schlicht ver­gessen zu haben. Als einen der wichtigsten Schritte zur Steigerung der Impfquoten in Deutschland gilt deshalb die Etablierung von Erinnerungssystemen – für Ärzte und Pa­tienten. Die Digitalisierung kann dabei eine große Rolle spielen.

Nachholbedarf gebe es aber auch bei der Ausbildung der Ärzte, betonte Montgomery, zu dessen Studienzeiten es noch in jedem Medizinstudium einen Impfkurs gegeben habe. „Jeder Arzt sollte impfen können“, betonte er. Und auch Mertens kritisierte, dass das „Wissen um die Impfung kein verpflichtender Lehrinhalt im Medizinstudium mehr sei.

Denn dies würde auch Sicherheit für die Diskussion mit impfskeptischen Patienten ver­mitteln. Angesichts dessen, dass es nur ein Bruchteil der Nichtgeimpften – man geht von fünf Prozent aus – echte Impfgegner sind, während der Rest nur impfmüde oder nach­lässig ist, plädierten die Experten außerdem für die Etablierung niederschwelliger Impf­angebote.

In vielen Ländern ist es beispielsweise möglich, sich auch in Apotheken impfen zu lassen. „Gerade für Bevölkerungsgruppen, die nicht häufig Arztkontakt haben, wäre dies eine gute Möglichkeit“, sagte Mathias Arnold, Vizepräsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Schließlich hätten Apotheken jedes Jahr rund eine Milli­arde Kundenkontakte. Erste Projekte gebe es dazu bereits.

Die Ärzteschaft steht diesem Vorschlag allerdings noch skeptisch gegenüber: Eine Impf­be­ratung in den Apotheken kann sich zum Beispiel Thomas Fischbach, Präsident des Be­rufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) durchaus vorstellen, aber die Impfung müsse in Ärztehand bleiben. Alles andere sei angesichts seltener, aber dennoch vorkom­mender unerwünschter Impfreaktionen nicht zu verantworten.

Aufsuchende Angebote könnten das Impfen einfacher machen

Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), ging noch einen Schritt weiter: Um der Bevölkerung das Impfen zu erleichtern, plädierte sie für auf­suchende Angebote, sei es in Betrieben, Schulen oder anderen Einrichtungen.

Verantwortlich hierfür könnte künftig ein mit mehr Ressourcen ausgestatteter Öffentli­cher Gesundheitsdienst (ÖGD) sein. Ein besser aufgestellter ÖGD könnte dem Bundes­tags­abgeordneten Erwin Rüddel (CDU) zufolge zum Beispiel in die Pflegeheime kommen, um dort zu impfen.

Für die aktuelle Grippeimpfsaison appellierte Rüddel allerdings auch an die Ärzte: Die Verimpfung der 26 Millionen zur Verfügung stehenden Influenzaimpfdosen seien eine Chance, auch auf andere ausstehende Impfungen hinzuweisen.

nec/may

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