Politik

Pandemieaufarbeitung: Fachleute sehen Schwachstellen bei Krisenkommunikation

  • Dienstag, 3. November 2026
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Berlin – Bei der Krisenkommunikation während der Coronapandemie in Deutschland haben Fachleute mehrere Schwachstellen ausgemacht. Das betrifft beispielsweise die Kommunikation der Bundesregierung zu Themen der Prävention und die Rollenverteilung zwischen Wissenschaft und Politik, wie gestern in einer Anhörung der Enquetekommission zur Aufarbeitung der SARS-CoV-2-Pandemie im Bundestag deutlich wurde. Diese drehte sich auch um die Rolle der Medien.

Insbesondere die eigentlich für die Gesundheitskommunikation zuständige Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, inzwischen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, BIÖG) sei damals „leider aus verschiedenen Gründen vollständig ausgefallen“, sagte Raimund Geene, Professor an der Berlin School for Public Health. Dadurch habe ein entscheidender Hebel gefehlt.

Zudem habe sich die Nationale Präventionskonferenz „vollkommen handlungsunfähig gezeigt“, obwohl dort Expertise zu Präventionsstrategien versammelt sei, so Geene. Dies habe zur Folge gehabt, dass Probleme in den Lebenswelten der Menschen nicht kommuniziert werden konnten. Infektionen und auch eine Polarisierung im gesellschaftlichen Diskurs seien dadurch begünstigt worden.

Kritik am Motto „Follow the Science“

Als eine der wichtigen Lehren aus der Pandemie nannte Tilmann Betsch, Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt: „Listen to Science“ statt „Follow the Science“ – also statt der Wissenschaft zu folgen auf sie zu hören. Er riet für die Zukunft zu einer klaren Abgrenzung der Aufgaben von Politik und Wissenschaft.

Zu Zeiten der Pandemie sei dies nicht immer so gewesen, die Grenzen seien häufiger verwischt. Betsch unterstrich dabei, dass dies nicht böse Absicht, sondern vielmehr Folge des unstrukturierten Beratungsprozesses gewesen sei.

„Politiker delegierten Verantwortung an die Wissenschaft, Wissenschaftler wiederum überschritten stellenweise ihre Rolle, indem sie Maßnahmenempfehlungen mit normativen Positionen verbanden“, sagte Betsch. Als Beispiel hierfür nannte er einige Stellungnahmen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Aus wissenschaftlichen Befunden folgten allerdings nicht zwangsläufig gesellschaftliche Entscheidungen, gab Betsch zu bedenken. Diese Abwägung sei – abhängig von den Zielen – von der Politik zu treffen.

Strukturell schlechte politische Entscheidungen könnten allerdings auch nicht durch gute Kommunikation gerettet werden, gab Betsch dem Gremium für die Zukunft mit. Ein Beispiel für Entscheidungen, die bei den Bürgern damals auf Unverständnis stießen, seien die phasenweise sehr unterschiedlichen Coronaregeln je nach Bundesland gewesen.

Medien seien nicht zu regierungsfreundlich gewesen

Zur damaligen Situation von Medien erläuterte Marcus Maurer, Professor für Kommunikationswissenschaft am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dass sie in aktuellen Lagen wie einer Pandemie stärker als sonst von Informationen aus Wissenschaft und Politik abhingen. Allerdings treffe es – anders als manchmal behauptet – überhaupt nicht zu, dass die Berichterstattung in Deutschland regierungsfreundlich gewesen sei.

„Ganz im Gegenteil: Alle verantwortlichen Personen und Gremien […] wurden sehr hart kritisiert“, so Maurer. Die Kritik habe im Verlauf der Pandemie auch weiter zugenommen. Maurer berief sich auf eine Untersuchung zu dem Thema, an der er beteiligt war. Zwar hätten die Medien überwiegend dem „Team Vorsicht“ angehört und harte Maßnahmen eher befürwortet, aber nicht alle gleichermaßen und zu allen Zeiten.

Eine völlig andere Auffassung schilderte hingegen der Medienforscher Michael Meyen, der die Unabhängigkeit von Wissenschaft und Medien infrage stellte. Leitmedien hätten die Politik unterstützt, Angst geschürt und Proteste delegitimiert – und auch seine eigene Reputation zerstört, so Meyen, der früher an der LMU München tätig war. Dabei habe man sich auf Wissenschaftler und Ärzte gestützt, die bereit gewesen seien, repressive Maßnahmen mitzutragen.

Die Behauptung Meyens, es gebe Drähte der Politik in die Funkhäuser und Medienkonzerne, wies die NDR-Wissenschaftsjournalistin Korinna Hennig zurück. „Ich habe davon nie irgendetwas bemerkt.“ Als wesentliche Herausforderungen in der damaligen Zeit beschrieb sie den volatilen Status von Wissen und die Flut an Preprint-Veröffentlichungen, mit deren korrekter Einordnung die Laienöffentlichkeit naturgemäß überfordert gewesen sei.

Wissenschaftsjournalistische Standards oft nicht bekannt

Hennig informierte damals mit dem Virologen Christian Drosten im Podcast „Das Coronavirus-Update“ über die Entwicklungen. Sie hielt fest, dass ihr Gewerk anderen handwerklichen Standards folge als der politische Journalismus. Man bilde nicht die ganze Bandbreite der möglichen Meinungen ab, sondern folge vielmehr dem Forschungskonsens und beharre auf einschlägiger Fachexpertise. „Nicht jeder Virologe ist auch Coronavirusexperte“, betonte sie.

Die eigene Arbeit, das Zustandekommen wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Auswahl von Experten, aber auch den Grad an Unsicherheit gelte es transparent zu kommunizieren, so Hennig über Lehren aus der Pandemie. Auch Publizist Maurer unterstrich, dass es nicht um größtmögliche Meinungsvielfalt gehe, er riet Medien allerdings dazu, stärker noch Expertise aus anderen Disziplinen als beispielsweise der Medizin heranzuziehen. Auch eine bessere Einordnung etwa von Totenzahlen hält er für geboten.

Mehrere der Sachverständigen in der Anhörung glauben allerdings nicht daran, dass gesellschaftliche Gruppen, die sich mit feststehenden Überzeugungen bereits in Blasen zurückgezogen haben, zurückgewonnen werden können. Es gehe nun vielmehr darum, zu verhindern, dass diese Gruppen noch größer werden. Aus der Runde kamen dazu Vorschläge an die Politik wie: die Schulbildung verbessern, gerade zu wissenschaftlichen Methoden, wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe und Lösungsorientierung statt Schlechtreden anderer.

Angesichts der Menge an Desinformation, mit der die Menschen in den sozialen Netzwerken konfrontiert würden, sei ein Korrektiv nötig, etwa durch den Wissenschaftsjournalismus, sagte Betsch. Hennig schilderte aber, dass das Feld nach der Pandemie wieder durch Sparmaßnahmen bedroht sei. Die Resilienz des Wissenschaftsjournalismus sei wichtig, um die nächste Krise zu bewältigen.

ggr

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