Politik

Pflegefachpersonen stärker in politische Entscheidungen einbeziehen

  • Freitag, 30. Januar 2026
/picture alliance, Oliver Dietze
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Berlin – Pflegefachpersonen sollten stärker in politische Entscheidungen einbezogen werden. Dafür plädierte heute Christian Luft, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), in seinem Grußwort zur Eröffnung des 31. Deutschen Pflege-Recht-Tages in Berlin.

„Man muss die Sachen so regeln, dass sie in der Praxis auch funktionieren. Deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass man nicht immer nur in seiner Bubble etwas macht, sondern tatsächlich mit denjenigen redet, die vor Ort Pflege leben – und zwar tagtäglich“, sagte Luft. In der Theorie hörten sich die Dinge zwar gut an, aber sie müssten „auch in der Praxis fliegen“. Im Austausch bekomme man einen anderen Blick auf die Themen.

Natürlich stehe man in der Pflege derzeit vor gewaltigen Herausforderungen, so der Staatssekretär. Die Zahl der Pflegebedürftigen nehme kontinuierlich zu, es fehlten Fachkräfte, die Ausgaben für Pflegeleistungen und Eigenanteile stiegen.

Luft zeigte sich sicher, dass eine grundlegende Reform nicht ausreiche, um alle Probleme aus dem Weg zu räumen. Vielmehr müsse man „kontinuierlich für Verbesserungen sorgen.“

Damit die pflegerische Versorgung in naher Zukunft gelinge, müsse man nun einige grundsätzliche Fragen beantworten. Dazu zählt er vor allem, wie Einnahmen und Ausgaben wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie pflegende Angehörige besser unterstützt und wie mit Eigenanteilen in der stationären Pflege umgegangen werden muss.

Vor diesem Hintergrund müsse man konkrete Entwürfe erarbeiten, um damit die Grundlage für eine nachhaltige Struktur- und Finanzierungsreform in der Pflege zu schaffen. Doch man habe auch schon einiges angestoßen, wie das Gesetz für Pflegeassistenzfachberufe oder das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (BEEP).

Um mehr Pflegekräfte zu gewinnen, ist es Luft zufolge außerdem wichtig, die Attraktivität der Pflegeberufe auf allen Qualifikationsebenen zu erhöhen. Der Beruf werde interessanter, je mehr Möglichkeiten man habe, um seine Kompetenzen auch auszuleben. „Auf der anderen Seite wachsen damit auch unsere Chancen auf eine verlässliche, stabile Versorgung.“

Kritik von Pflegefachpersonen

Jenny Wortha, Koordinatorin des Pflegemanagements im Konzernbereich Pflege der Asklepios Kliniken, kritisierte die vielen Regulierungen im Pflegebereich. „Wir erleben derzeit eine paradoxe Situation“, sagte sie. „Noch nie war die Pflege so detailliert geregelt, noch nie so eng vermessen und zugleich war die Kluft zwischen Regulierung und Versorgungsrealität noch nie so groß wie heute“, sagte sie.

Die Gesetze und Dokumentationspflichten nähmen stetig zu und die Pflege stehe unter enormem Druck. Tagtäglich könne man als Pflegefachperson erleben, wie der Anspruch an eine gute und menschliche Versorgung wachse, so Wortha. „Viele von uns kennen dieses Gefühl“, sprach sie das Kongresspublikum an. „Wir wissen fachlich ganz genau, was unsere Patientinnen und Patienten brauchen – doch das System lässt uns danach nicht handeln“, kritisierte sie.

Wortha betonte, es gebe immer neue Regelungen, Nachweise und Kontrollen für mehr Qualität. In der Praxis führe dies jedoch oft dazu, dass Zeit, Energie und fachliche Aufmerksamkeit dort fehlten, wo sie am meisten gebraucht würden – bei den Patientinnen und Patienten.

„Diese wachsende Diskrepanz zwischen Regulierung und gelebter Versorgungsrealität ist nicht nur frustrierend, sondern sie ist mittlerweile auch gefährlich“, mahnte sie. In der Überregulierung des Systems werde ein hoch qualitativer Beruf auf das Abarbeiten von Vorgaben reduziert und es drohe der Verlust einer verlässlichen und qualitativ hochwertigen Pflege.

All dies sei jedoch auch nur das Ergebnis vieler politischer Entscheidungen und damit veränderbar, so Wortha. Die Rahmenbedingungen müssten so gestaltet werden, dass die professionelle Pflege auch wirken könne.

Dafür brauche es eine strategische Neuausrichtung in der Pflege und auch einen Fokus auf moderne Versorgungskonzepte wie Advanced Nursing Practice, Telenursing oder auch Pflegeroboter, etwa zur Unterstützung der Kommunikation im Pflegebereich, betonte sie.

Advanced Nursing Practice beschreibt ein erweitertes Konzept der Pflege, das durch den Erwerb eines Masterabschlusses ermöglicht wird. Dieser befähigt auch dazu, wissenschaftlich tätig zu werden und Leitungsfunktionen einzunehmen. Beim Telenursing werden Pflegeleistungen aus der Distanz, beispielsweise per Video, erbracht.

Tilmann Müller-Wolff, Akademieleiter RKH Gesundheit in Ludwigsburg und Professor für Advanced Nursing Practice an der University of North Florida (USA), kritisierte den Stillstand und das zähe Vorankommen bei den Pflegethemen in Deutschland. Viele Chancen würden damit derzeit vertan.

Besonders wichtig war ihm die rechtliche Verankerung neuer pflegerischer Rollen in allen Versorgungssystemen. „Wir brauchen klare Kompetenzprofile, mit denen wir auch anderen Berufsgruppen gegenüber in der interprofessionellen Zusammenarbeit selbstverständlich unseren Versorgungsanteil beitragen können“, sagte er. Finanzierungsmodelle müssten dem folgen. „Der politische Gestaltungswille ist da. Wir bauen auf Sie und nehmen Sie beim Wort“, richtete er sich abschließend an BMG-Staatssekretär Luft.

nfs

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