Politik bremst die Akademisierung der Gesundheitsberufe

Berlin/Düsseldorf – Die Akademisierung der Gesundheitsberufe wird zum Streitthema: Die Gesundheitsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens (Bündnis 90/Grüne) und die Hochschule Fresenius als Trägerin von Studiengängen kritisieren die Bundesregierung scharf – diese wolle die volle Anerkennung der Hochschulausbildung in Hebammenkunde, Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie um zehn Jahre verschieben und gefährde damit die notwendige Weiterentwicklung wichtiger Gesundheitsberufe, so der Vorwurf.
Am 17. August hatte das Bundeskabinett einem von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vorgelegten „Bericht über die Ergebnisse der Modellvorhaben zur Einführung einer Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten“ zugestimmt. Dieser Bericht empfiehlt die Verschiebung.
„Mit mehr als fünf Millionen Beschäftigten ist die Gesundheitswirtschaft ein bedeutender Beschäftigungszweig. Jeder achte Erwerbstätige arbeitet im Gesundheitsbereich und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung – sei es im unmittelbaren Umgang mit den Patienten, in der Forschung oder bei der Herstellung von Arzneimitteln und Medizinprodukten“, lobte Gröhe zunächst.
Seit 2009 ermöglichten das Ergotherapeutengesetz, das Hebammengesetz, das Gesetz über den Beruf des Logopäden sowie das Masseur- und Physiotherapeutengesetz, die Berufe über ein Studium zu erlernen. Die Erprobung dieser akademischen Erstausbildung wurde wissenschaftlich begleitet. Gröhes Bericht für das Bundeskabinett fasst jetzt die Evaluierungen aus acht Bundesländern mit 25 Modellstudiengängen zusammen.
Übereinstimmend kommen alle Auswertungen zu dem Ergebnis, dass es dauerhaft wünschenswert und machbar ist, primärqualifizierende Studiengänge für die vier beteiligten Berufsgruppen einzurichten. Aber der Bericht empfiehlt, diesen Prozess weitere zehn Jahre zu untersuchen und dabei auch ins Auge zu fassen, welche finanziellen Auswirkungen eine akademische Ausbildung von Hebammen, Physiotherapeuten und Co. haben könnte.
„Erfolgreiche Modellstudiengänge dürfen nicht weitere zehn Jahre auf volle Anerkennung und rechtliche Sicherheit warten müssen“, erklärte Steffens. Sie betonte, die Modellstudiengänge seien erfolgreich erprobt, beliebt und trügen dazu bei, dass in wichtigen Gesundheitsberufen gut qualifizierter Nachwuchs ausgebildet werde. Steffens forderte, „was für die Studiengänge der Pflegeberufe möglich ist, muss auch für die Therapieberufe und die Hebammenkunde umgesetzt werden!“
Die Hochschule Fresenius als Anbieter von Studiengängen in den Gesundheitsberufen zeigte sich nach eigenen Worten „enttäuscht und entsetzt“. „Die Modellphase soll um weitere zehn Jahre verlängert werden. Das ist wie: ein gutes Zeugnis erhalten und trotzdem sitzenbleiben“, hieß es aus der Hochschule. „Wenn das tatsächlich umgesetzt wird, würde das den Hochschulen, den Lehrenden und den Studierenden erheblichen Schaden zufügen“, warnte Birgit Schulte-Frei, Dekanin des Fachbereichs Gesundheit und Soziales an der Hochschule.
Deutschland würde sich mit einer solchen Entscheidung international ins Abseits stellen, denn überall in Europa würden Therapeuten an Hochschulen ausgebildet. „Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die zunehmende Komplexität im Gesundheitssystem und der sich verändernde Versorgungsbedarf Kompetenzen erfordern, welche nur in einem Hochschulstudium vermittelt werden können“, sagte Schulte-Frei.
Der Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit mit seiner Verschiebeempfehlung und das positive Votum des Kabinetts dazu bedeuten noch nicht, dass dies so umgesetzt werden muss, denn: Der Bundestag entscheidet. Im September werden die Abgeordneten erstmals darüber beraten. Bis Sommer 2017 müssen sie zu einem Ergebnis kommen.
Erste Stimmen aus dem Bundestag gibt es bereits zum Thema: So lehnt der CDU/CSU- Abgeordnete und Physiotherapeut Roy Kühne die Verlängerungsmaßnahme ab. Er fordert eine Expertenkommission unter Einbeziehung des Deutschen Bundestages, der Verbände und des Bundesministeriums für Gesundheit. „Europaweit ist eine fortschreitende Akademisierung der Gesundheitsfachberufe beobachtbar, Deutschland läuft Gefahr, zum Schlusslicht in Europa zu werden“ warnte er.
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