Präzisionsmedizin: Bundesärztekammer legt Stellungnahme vor

Berlin – Neue Methoden und Biomarker eröffnen der Präzisionsmedizin neue Möglichkeiten. Doch wo genau liegen die Chancen dieser personalisierten Medizin? Wo verbergen sich Risiken?
Diese Fragen beantwortet jetzt die Bundesärztekammer (BÄK) in der von ihrem Wissenschaftlichen Beirat erarbeiteten Stellungnahme „Präzisionsmedizin – Bewertung unter medizinisch-wissenschaftlichen und ökonomischen Gesichtspunkten“, die mit der Ausgabe 22/23 des Deutschen Ärzteblattes bekannt gemacht wurde.
Mit der Präzisionsmedizin ist die Hoffnung auf neue Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten verbunden. Dem gegenüber stehen die Sorge vor einer mangelnden Evidenzbasierung aufgrund geringer Fallzahlen und die Kritik an den hohen Therapiekosten.
„Wir müssen uns immer wieder neu die Frage stellen, wie die Versorgungsqualität mithilfe des medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts weiterentwickelt werden kann, ohne das Gesundheitssystem finanziell zu überfordern“, sagte BÄK-Präsident Klaus Reinhardt. Die Stellungnahme sei ein wichtiger Beitrag zu dieser Debatte, die jedoch nicht allein in Fachkreisen geführt werden sollte.
Verfasst wurde die Stellungnahme im Auftrag des Vorstands der BÄK von einem Arbeitskreis des Wissenschaftlichen Beirats unter der gemeinsamen Federführung von des Pathologen Manfred Dietel und des Pharmakologen Heyo Kroemer.
Sie verdeutlicht anhand erfolgreicher Behandlungsbeispiele in der Onkologie, Infektiologie, Pneumologie und Neuropädiatrie die aktuellen Entwicklungen und zeigt zukünftige Potenziale auf. Zudem geht sie auf die Befürchtung ein, dass aufgrund der teilweise geringen Fallzahlen wissenschaftliche Evidenzstandards unterlaufen werden könnten.
Generell gehen die Experten im Arbeitskreis des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK davon aus, dass in den nächsten Jahren ein großer Teil der Krebspatienten schon bei Erstdiagnose mit molekularbiologisch stratifizierten Verfahren („molecularly-informed precis-ion medicine“) behandelt werden.
Zusätzlich zum Einsatz molekular-basierter individueller Strategien in Diagnostik und Therapie werden ihrer Ansicht nach auch individualisierte Nachsorgekonzepte für Patienten mit hohem Rezidivrisiko entstehen, mit deren Hilfe mögliche Spätfolgen frühzeitig erfasst und prophylaktisch behandelt werden sollen.
„Vor dem Einsatz in der klinischen Routine ist jedoch der Nachweis des Nutzen- und Schadenspotenzials von Verfahren und Arzneimitteln der Präzisionsmedizin durch belastbare klinische Studien, idealerweise prospektiv randomisierte Studien, erforderlich“, betonte Peter Scriba, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK.
Für das Expertengremium ist insgesamt unbestritten, dass die Präzisionsmedizin immense intellektuelle, organisatorische und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich bringen wird. Die Sorge vor zu hohen Behandlungskosten teilt es indes nicht.
„Zumindest aktuell scheinen die mit der Präzisionsmedizin verbundenen Kosten die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems nicht infrage zu stellen“, schreiben die Experten in der Stellungnahme. Trotzdem sei es notwendig, Einsparmöglichkeiten zu nutzen. Denkbar seien beispielsweise am Anwendungsnutzen orientierte Arzneimittelpreise.
Zudem verweisen sie auf die unterschiedliche zeitliche Dynamik von Kosten und Einsparungen: „Während Behandlungskosten in der Regel direkt anfallen, treten Einsparungen durch vermiedene Erkrankungsfolgen oder vermiedene Behandlungen häufig erst nach Jahren ein.“
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