Prävention mehr als Treiber wirtschaftlicher Entwicklungen ansehen

Paris – Maßnahmen zur Vorbeugung chronischer Erkrankungen könnten langfristig Gesundheitskosten senken, die Produktivität steigern und die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften stärken.
Diese Auffassung vertritt eine Arbeitsgruppe um Francesca Colombo in der Fachzeitschrift Plos Medicine (2026, DOI: 10.1371/journal.pmed.1005074). Colombo ist Leiterin der Abteilung Gesundheit bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD Health) in Paris.
Die Arbeitsgruppe verweist in dem Beitrag auf den engen Zusammenhang zwischen Gesundheit und wirtschaftlichem Wohlstand. Eine gesunde Bevölkerung erhöhe das Humankapital, da gesündere Menschen häufiger erwerbstätig seien und produktiver arbeiteten. Chronische Erkrankungen gingen dagegen mit schlechteren Arbeitsmarktchancen einher.
Menschen mit mindestens einer chronischen Erkrankung sind laut OECD-Daten um 16 Prozent seltener beschäftigt als gesunde Personen, bei zwei oder mehr Erkrankungen steigt dieser Unterschied auf 30 Prozent. Zudem könnten frühe psychische Erkrankungen Bildungsabschlüsse und spätere berufliche Perspektiven beeinträchtigen.
Nach Einschätzung der Gruppe erzielen präventive Maßnahmen bei chronischen Erkrankungen häufig größere gesundheitliche und ökonomische Effekte als Verbesserungen bestehender Therapien. Genannt werden unter anderem Tabakkontrolle, Strategien gegen Adipositas und Impfprogramme.
Dennoch bleibe Prävention im Gesundheitssystem unterfinanziert: In OECD-Ländern flössen im Durchschnitt lediglich rund drei Prozent der Gesundheitsausgaben in Prävention. Ursache dafür sind laut dem Beitrag strukturelle Hürden.
Präventionsmaßnahmen würden oft strengeren Anforderungen unterworfen als therapeutische Interventionen. Während Behandlungen oft bereits dann akzeptiert würden, wenn sie als kosteneffektiv gelten, müsse Prävention häufig direkte Einsparungen nachweisen.
Zudem richteten sich viele Maßnahmen an gesunde Menschen, die keinen unmittelbaren Handlungsdruck verspürten. Hinzu komme, dass Erfolge häufig erst Jahre oder Jahrzehnte später sichtbar würden. Auch die Aufteilung der Zuständigkeiten auf verschiedene Ressorts und Behörden erschwere Entscheidungen und Finanzierung.
Die Arbeitsgruppe schlägt eine dreiteilige Strategie vor, um Prävention stärker zu verankern. Erstens sollten gesundheitliche Maßnahmen stärker unter dem Gesichtspunkt ihrer positiven Effekte auf andere Bereiche wie Umwelt, Wirtschaft oder Bildung bewertet werden. Zweitens plädiert sie dafür, dass Prävention nicht allein Aufgabe des Gesundheitswesens sein sollte, sondern ressortübergreifend organisiert werden müsse.
Zuständigkeiten für Prävention lägen häufig bei unterschiedlichen Akteuren – etwa Gesundheits-, Bildungs- oder Umweltministerien sowie Kommunen. Dadurch entstünden Koordinationsprobleme und Prävention verliere im politischen Alltag an Priorität. Drittens plädieren sie für zusätzliche Finanzierungswege, etwa private Investitionen, Abgaben auf ungesunde Produkte oder erfolgsabhängige Finanzierungsmodelle.
Prävention dürfe nicht als Luxus verstanden werden, sondern als langfristige Investition in wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Stabilität, so das Fazit der OECD-Arbeitsgruppe.
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