Präventionsapp soll zu bewusster Nutzung von Digitalmedien verhelfen

Berlin – Tausende Schüler und Eltern in Deutschland sollen in den kommenden Monaten und Jahren mit einer nicht kommerziellen Präventionsapp einen bewussteren Umgang mit digitalen Medien erlernen. Das auf 21 Tage angelegte Programm namens „freii“ ist heute mit dem Sucht- und Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), in Berlin vorgestellt worden.
Die App soll vor allem über Fachkräfte an Schulen für 11- bis 15 Jährige ausgerollt werden, steht aber grundsätzlich der ganzen Bevölkerung kostenfrei und anonym zur Verfügung – zum Download für das Smartphone oder als Browseranwendung. Im Kern vermittelt sie Risiko- und Schutzfaktoren einer Internetnutzungsstörung.
Streeck warnt vor immer besseren Algorithmen
Streeck hob bei der App-Vorstellung hervor, dass soziale Medien an sich nicht gut oder böse seien. Sie böten beispielsweise viele Möglichkeiten zur Horizonterweiterung. Gleichzeitig gebe es Probleme: bei den Inhalten – wie Verherrlichung von Gewalt und Drogen, Extremismus und ungesunde Körperbilder – und mit den süchtig machenden Algorithmen, die dahinter stünden.
„Wir nennen das Addictive Design oder Dark Patterns“, so Streeck. Diese Algorithmen seien manipulierend und würden durch Künstliche Intelligenz (KI) immer besser. „Ein kleiner Klick, ein kurzes Verweilen auf einem Bereich – und auf einmal merkt sich die App, dass einem etwas gefällt. Man wird immer weiter reingezogen. Das führt dann zu einer sehr langen Mediennutzung."
Jedes vierte Kind in Deutschland habe einer Studie zufolge bereits ein riskantes Medienverhalten, betonte der CDU-Politiker. „Man kann es nicht an der Länge der Zeit der Nutzung festmachen, sondern daran, was im echten Leben vernachlässigt wird und nicht mehr gemacht wird.“ Zu den möglichen negativen Folgen zählten etwa Konzentrationsstörungen, psychische Probleme und Schlafstörungen.
Die Bundesregierung habe sich vorgenommen, etwas dagegen zu tun. „Das ist nicht leicht in diesen Fragestellungen, einen guten Weg zu finden“, sagte Streeck. Man wolle die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen stärken, müsse aber auch die Linien klarer setzen, wo es vielleicht Beschränkungen brauche.
Er verwies auf eine vom Bundesfamilienministerium eingesetzte Expertenkommission, die gerade Ratschläge erarbeite. In den nächsten Monaten werde die Bundesregierung Vorschläge machen, „wie man vielleicht über Altersbegrenzung, vielleicht in einem abgestuften Verfahren“ schrittweise den Zugang in die Social-Media-Welt ermögliche.
Was genau die App enthält
Für die Nutzergruppen – Erwachsene einerseits, Jugendliche andererseits – hält die App unterschiedlich aufbereitete Inhalte bereit. Benötigt werden dafür laut den Machern nur wenige Minuten pro Tag. Die Jugendlichen werden zum Beispiel von etwa gleichaltrigen Guides auf Augenhöhe durch die Inhalte geleitet. Sie sollen von ihnen etwa dazu animiert werden, Freizeitaktivitäten abseits des Smartphones zu gestalten.
An die Eltern richtet sich in Erklärvideos etwa der Kabarettist und Mediziner Eckart von Hirschhausen, beispielsweise zu Fragen, wie Familienregeln für den Umgang mit dem Smartphone etabliert werden können. Zwar gebe es schon sehr viele kommerzielle Gesundheitsapps im Mental-Health-Bereich, doch die Nutzenden stiegen dabei oft schnell aus, sagte von Hirschhausen bei der App-Vorstellung.
Freii nutzt unter anderem kurze Videos, aber auch Quizelemente. Nutzende sammeln dabei Punkte und können so zum Erfolg ihrer Klasse beitragen. Nach Ende des Programms sollen Nutzende besser in der Lage zu sein, riskante Mediennutzung bei Personen im eigenen Umfeld zu erkennen.
Die App ist vom Suchtpräventionszentrum Villa Schöpflin auch mit Jugendlichen, Eltern und Fachleuten entwickelt worden. Gefördert wird das Projekt von der Schöpflin Stiftung sowie die Beisheim Stiftung. In sozialen Medien wie Youtube sind ergänzende Inhalte zu finden. Updates sind vorgesehen, damit zum Beispiel auch auf aktuelle gefährliche Social-Media-Trends eingegangen werden kann.
Eine vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Effektstudie ergab im Vorjahr, dass die Kernziele der App erreicht werden, erklärten die Macher der App. So fühlten sich den Angaben zufolge von rund 4.000 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen 44 Prozent motiviert, ihr Freizeitverhalten zu ändern.
Wesentlich mehr Teilnehmende hätten danach Begriffe wie Internetnutzungsstörung, Dark Patterns und FOMO (fear of missing out) gekannt. Zudem sei das Verständnis für Regeln zur Internetnutzung gestiegen. Die Abschlussquote habe bei 47 Prozent gelegen.
Angestrebt wird, dass mit dem Programm bis Ende 2028 eine Million Schülerinnen und Schüler erreicht werden.
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