Medizin

Primär Progrediente MS: Neue Studie bestätigt moderate Wirksamkeit von Ocrelizumab

  • Freitag, 29. Mai 2026
/stock.adobe.com, Artur
/stock.adobe.com, Artur

London – Der CD20-Antikörper Ocrelizumab kann bei primär progredienter Multipler Sklerose (PPMS) die Progression der Behinderung moderat hinauszögern – insbesondere beim Erhalten der Handfunktion zeigten sich Vorteile. Anders als in der Zulassungsstudie waren in der Phase-IIIb-Studie ORATORIO-HAND auch einige ältere Betroffene eingeschlossen (Lancet 2026; DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00617-3).

Die therapeutischen Möglichkeiten bei der primär progredienten MS sind begrenzt: Ocrelizumab ist das bislang einzige zugelassene Medikament speziell für diese Indikation. Die Zulassungsstudie ORATORIO hatte bereits gezeigt, dass der B-Zell-depletierende monoklonale Antikörper bei PPMS das Risiko für Behinderungsprogression senkt (NEJM 2017 DOI: 10.1056/NEJMoa1606468).

Allerdings hatte sich der Therapieeffekt vor allem bei jüngeren Patientinnen und Patienten und bei entzündlich aktiver Erkrankung in der Magnetresonanztomographie (MRT) gezeigt. Ältere (> 55 Jahre) sowie stärker behinderte Personen waren von ORATORIO ausgeschlossen gewesen. Allerdings sind das die Personen, die eher von der primär progredienten Form betroffen sind.

Aktuell unterzieht die US-Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung von Ocrelizumab bei PPMS einer Überprüfung. Hintergrund sind unter anderem diese Kritikpunkte an der ursprünglichen Zulassungsstudie. Das Deutsche Ärzteblatt hat berichtet.

Die funktionelle Beeinträchtigung war bereits moderat bis schwer

An der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten ORATORIO-HAND-Studie nahmen 1.013 Personen mit PPMS teil. Eingeschlossen wurden Betroffene im Alter von 18-65 Jahren mit moderater bis schwerer neurologischer Behinderung.

Die Werte auf der Expanded Disability Status Scale (EDSS) lagen zwischen 3,0 und 8,0. Rund 27% waren älter als 55 Jahre, etwa 15% hatten bereits einen EDSS-Wert über 6,5 und waren damit zum Teil auf einen Rollstuhl angewiesen. Das mittlere Alter lag in der Medikamentengruppe bei 48 Jahren und in der Placebogruppe bei 47 Jahren. Damit war das mittlere Alter 3,3 Jahre beziehungsweise 2,6 Jahre höher als in der Zulassungsstudie.

Die Teilnehmenden erhielten randomisiert entweder Ocrelizumab 600 mg intravenös oder Placebo alle 24 Wochen über maximal 144 Wochen. Primärer Endpunkt war die Zeit bis zu einer bestätigten Behinderungsprogression über mindestens 12 Wochen. Dafür wurde ein kombinierter Endpunkt verwendet, der sowohl klassische EDSS-Verschlechterungen als auch Veränderungen im 9-Hole Peg Test (9HPT) erfasste.

Der EDSS bewertet den Grad neurologischer Behinderung bei MS, berücksichtigt jedoch vor allem die Gehfähigkeit. Gerade bei fortgeschrittener PPMS bildet er Einschränkungen der Handfunktion nur unzureichend ab. Deshalb integrierte ORATORIO-HAND zusätzlich den 9HPT, einen standardisierten Test der Feinmotorik und Handgeschicklichkeit.

Dabei müssen 9 kleine Stifte möglichst schnell in Löcher eingesetzt und wieder entfernt werden. Eine Verschlechterung galt als klinisch relevant, wenn sich die dafür benötigte Zeit dauerhaft um mindestens 20% verlängerte.

Vorteil bei allgemeiner Behinderungsprogression – und bei Handfunktion

Unter Ocrelizumab entwickelten 33% der Teilnehmenden eine bestätigte Behinderungsprogression – im Vergleich zu 40% unter Placebo. Das entsprach einer relativen Risikoreduktion von 30% (HR 0,70; 95-%-Konfidenzintervall: [0,57; 0,86]; p=0,0007).

Ein deutlicherer Effekt zeigte sich bei der Handfunktion. Eine bestätigte Verschlechterung im 9HPT trat bei 17% der mit Ocrelizumab behandelten Patientinnen und Patienten auf, verglichen mit 25% unter Placebo. Das entsprach einer Risikoreduktion von 41% (HR 0,59; [0,44; 0,78]; p=0,0002). 

Nützlich bei aktiver Entzündung

Besonders ausgeprägt war der Nutzen bei Teilnehmenden mit entzündlich aktiver Erkrankung in der Magnetresonanztomographie. In dieser Subgruppe reduzierte Ocrelizumab das Risiko einer bestätigten Behinderungsprogression um 55% gegenüber Placebo (HR 0,45; [0,31; 0,64]; p<0,0001).

Auch Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Behinderung profitierten. Bei einem EDSS-Wert über 6,5 reduzierte Ocrelizumab das Risiko für den kombinierten Progressionsendpunkt um 49%. Zudem verringerte sich bei zunächst noch gehfähigen Personen das Risiko, dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, signifikant.

Keine Auffälligkeiten im Sicherheitsprofil

Das Sicherheitsprofil war insgesamt zwischen beiden Gruppen vergleichbar. Infektionen traten unter Ocrelizumab etwas häufiger auf (48% versus 45%), nach Ausschluss von COVID-19 verschwand dieser Unterschied jedoch weitgehend (38% versus 37%). Schwerwiegende Infektionen waren in beiden Gruppen ähnlich häufig. Infusionsreaktionen wurden unter Ocrelizumab häufiger beobachtet, verliefen jedoch überwiegend mild bis moderat.

Die Autorinnen und Autoren um Gavin Giovannoni vom Department of Neurology am Royal London Hospital sehen in den Ergebnissen eine Bestätigung und Erweiterung der ORATORIO-Daten. Ihrer Ansicht nach spricht die Studie dafür, dass Ocrelizumab auch die Funktion der Hand schützen kann, und zudem bei älteren sowie bereits stärker behinderten Personen mit PPMS noch wirksam sein kann.

nec

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung