Ärzteschaft

Psychiater und Nervenärzte wollen bessere Vergütung des ärztlichen Gesprächs

  • Montag, 9. November 2020
/Lightfield Studios, stock.adobe.com
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Berlin – Die Zahl der Hilfesuchenden in den Praxen von Psychiatern und Nervenärzten ist in den vergangenen Monaten wegen der andauernden Coronapandemie sprunghaft ange­stiegen. Besonders schwer treffe es Patienten mit bereits bestehenden Angsterkrankun­gen und Depression, aber auch Suchterkrankungen würden zunehmen, berichtete Uwe Meier, Präsident des Spitzenverband ZNS (SpiZ), bei einer Pressekonferenz am vergange­nen Freitag.

Die Nachfrage bei den Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen nach Terminen bei den Psych-Fachgruppen sei von Beginn an die höchste gewesen.

„Wir waren auch vor der Pandemie stark ausgelastet – jetzt werden unsere Praxen über­rannt. Corona hat die bestehenden Probleme noch verschärft“, erklärte Meier, der auch Vor­sitzender des Berufsverbandes Deutscher Neurologen ist. Dazu beigetragen habe wäh­rend des Lockdowns im Frühjahr auch die Verlagerung in den ambulanten Bereich durch die Schließung von Kliniken für Nicht-COVID-19-Patienten.

Die Patienten bräuchten eine niedrigschwellige Behandlung mit einem ärztlichen Ge­spräch, gleichzeitig würden diese Zehn-Minuten-Interventionen zu schlecht vergütet und seien nur begrenzt abrechnungsfähig, kritisierte Meier.

„Wir gestalten unsere Therapieplanung über Gesprächsleistungen, Psychopharmako­thera­pie, sozialmedizinischen Interventionen und Psychotherapie“, ergänzte Sabine Köhler, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte.

Nicht alle Patienten bräuchten eine Richtlinienpsychotherapie. Die ärztlichen Gesprächs­leistungen seien aber budgetiert und würden daher nicht voll ausgezahlt – im Gegensatz zu den extrabudgetierten Leistungen der Richtlinienpsychotherapie.

„Aus Langzeituntersuchungen früherer Epi- oder Pandemien wissen wir, dass psychische Erkrankungen nach überstandener Akutgefahr in der Bevölkerung zunehmen“, ergänzte Köhler. Die Praxen würden daher auch weiterhin am Limit arbeiten, befürchtet sie.

Ärztliches Gespräch schlechter bezahlt als Richtlinienpsychotherapie

Beispielhaft für das psychosomatische Gespräch rechnete Irmgard Pfaffinger, Vorsitzende des Berufsverbandes der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, vor.

Rechne man die Zehn-Minuten-Interventionen auf 50 Minuten hoch, so ergebe sich ein Wert von 84,60 Euro, der allerdings nicht immer voll ausgezahlt werde; 50 Minuten Richt­linienpsychotherapie würden dagegen mit 101,50 Euro vergütet, die immer voll ausgezahlt werden.

„Weil unsere Leistungen nicht wirtschaftlich erbracht werden können, bieten viele von uns ausschließlich Psychotherapie an“, berichtete Pfaffinger. „Statt Selbstausbeutung flüch­ten viele Kollegen in die ruhigere Richtlinienpsychotherapie“, sagte auch Meier. „Die akute Versorgung muss sich wieder lohnen, damit sich die Ärzte nicht daraus zurück­zie­hen“, forderte der Vorsitzende des SpiZ.

Auch Kinder und Jugendlich leiden stark unter der Pandemie. „Wir müssen auf­passen, dass keine ‚Coronageneration‘ heranwächst. Zwei Drittel der Altersgruppe be­klagt eine verminderte Lebensqualität mit vielfältiger Symptomatik, das ist eine Verdop­plung ge­gen­über der Zeit vor der Pandemie“, berichtete Gundolf Berg, Vorsitzender des Berufs­ver­bands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutsch­land.

Zudem seien Kinder auch von der Verunsicherung ihrer Eltern, die sich mitunter in Kurz­arbeit befinden und unter Existenzängsten leiden, betroffen. „Auch die Kinder- und Ju­gend­psychiater brauchen bei den kurzen Interventionen mehr Flexibilität“, forderte Berg.

PB

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