Raffelhüschen: Gesundheitswesen muss sich den ökonomischen Gesetzen stellen
Freiburg – Gegen einen Vorrang ökonomischen Denkens in der Medizin hat sich der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio gewandt. Derzeit gerieten Ärzte immer stärker unter Druck, nicht allein im Interesse ihrer Patienten, sondern vielmehr mit Blick auf den wirtschaftlichen Ertrag ihrer Behandlung zu agieren, kritisierte Maio am Freitag in Freiburg. „Die Frage von Rentabilität darf in der Medizin aber keine Rolle spielen.“ Der Ökonom und Gesundheitsexperte Bernd Raffelhüschen wies bei dem Symposium der Universität Freiburg über „Ethik versus Ökonomie in der Medizin“ Maios Kritik als realitätsfern zurück.
Aus Maios Sicht ist es vor allem in den deutschen Krankenhäusern in den vergangenen Jahren zu einer immer stärkeren Personal- und Zeitknappheit gekommen. Damit verdichteten sich alle Arbeitsabläufe zulasten des Patienten. „Wenn Ärzte und Pfleger nicht mehr genügend Zeit für den einzelnen Patienten haben, spart die Medizin am Kern ihrer Identität“, so Maio. Ziel müsse jedoch vielmehr eine „Medizin der Zuwendung“ sein. Derzeit beobachte er aber eine „systematische Nichtbeachtung der zwischenmenschlichen Komponente in der Medizin“.
„Das Gesundheitswesen muss sich den ökonomischen Gesetzen stellen. Kein Arzt handelt nur aus Gutmütigkeit, sondern er muss von seinem Tun auch leben können“, konterte Raffelhüschen.
Raffelhüschen prognostizierte mit Verweis auf die derzeitige demografische Entwicklung einer immer älteren Bevölkerung, dass das deutsche Gesundheitswesen in den kommenden Jahren noch unter sehr viel stärkeren finanziellen Druck geraten werde als heute. „Unser Gesundheitssystem wird durch einen Generationenvertrag, durch eine Umverteilung von Jung zu Alt, finanziert, und das wird in der Zukunft in der jetzigen Form nicht mehr funktionieren.“
Er sagte voraus, dass es künftig vor allem für alte Patienten eine starke Sanktionierung von teuren medizinischen Leistungen geben müsse. Auch müssten Patienten mittelfristig, etwa nach dem Vorbild von Krankenversicherungen in der Schweiz, stärker an ihren Behandlungskosten beteiligt werden, „zum Beispiel, indem jeder zusätzlich zu seinem Versicherungsbeitrag jedes Jahr die ersten 400 Euro seiner Behandlungskosten aus der eigenen Tasche bezahlt“, so Raffelhüschen.
Zugleich forderte der Ökonom eine weitere Spezialisierung und Konzentration von Krankenhäusern. Derzeit gebe es bei den Kliniken eine „Überkapazität“ von 30 Prozent. Die aktuelle „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen müsse auch durch die Schließung von Kliniken gestoppt werden.
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