Reinhardt: Bessere Patientensteuerung nötig, Ärzte aus dem Ausland auch

Berlin – Patienten sollen aus Sicht des Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, vor einem Besuch beim Fachmediziner zunächst den Hausarzt aufsuchen. Wer dies nicht tue, solle einen Nachteil spüren, sagte Reinhardt der Funke Mediengruppe. Es gehe dabei nicht zuerst ums Geld, betonte er.
„Wer sich nicht an sinnvolle Spielregeln hält, sollte erleben, dass er im Zweifel länger wartet als jemand, der genauso krank ist, aber die Spielregeln eingehalten hat“, erklärte Reinhardt. „Am Ende kann auch die Frage nach finanziellen Mechanismen stehen.“
Reinhardt äußerte sich angesichts eines Gesetzesvorhabens der Bundesregierung aus CDU und SPD zur Einführung eines Systems bei der Primärversorgung. Dabei sollen die Hausärzte als erste Anlaufstelle im Mittelpunkt stehen. Ziele sind die effektivere Patientensteuerung, eine bessere medizinische Versorgung und auch geringere Kosten.
Anfang Juli war das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz von Bundestag und Bundesrat gebilligt worden. Das milliardenschwere Sparpaket soll die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) von stark steigenden Ausgaben entlasten und Millionen Versicherte vor höheren Beiträgen bewahren. Dabei sind auch Einschnitte geplant. Die Einschnitte würden für alle spürbar sein, prophezeite Reinhardt.
„Ärzte werden stärker hinschauen müssen, wer die Versorgung im Krankheitsfall vordringlich benötigt“, sagte er. „Jenseits dessen führt ein System, in dem Behandlungsfälle in dieser Dimension nicht mehr bezahlt werden, zu Einschränkungen. Das fängt bei Leistungen an, die nicht unmittelbar zur medizinischen Versorgung gehören.“
Mit einer stärkeren Primärversorgung könnten Wartezeiten verkürzt werden. Mit 9,7 Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr liege Deutschland europaweit ganz weit oben. Zudem gebe es rund 220 stationäre Fälle je 1.000 Einwohner, laut Reinhardt eine der höchsten Krankenhausbehandlungszahlen weltweit. „Das sind auch Folgen unseres völlig ungeregelten Zugangs zu Gesundheitsleistungen“, sagte der BÄK-Präsident.
Patientenschützer sehen die Äußerungen skeptisch. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, bezeichnete den Ansatz des Primärsystems hingegen als widersinnig. Das fange schon damit an, dass eine bedarfsgerechte und regionale Verteilung der niedergelassenen Praxen in Deutschland nicht gegeben sei.
„Charakteristisch dafür ist, dass die Hausarztversorgung im ländlichen Raum schon heute nicht überall funktioniert“, so Brysch. „Die Spitze wäre es, Hilfesuchende noch zusätzlich zur Kasse zu bitten, wenn sie direkt den Facharztkontakt wählen. Die massive Verunsicherung der Menschen ist bei einer solchen politischen Strategie verständlich.“
Der Hausärzteverband forderte Klarheit. Patienten sollten sich für oder gegen eine Teilnahme an einem solchen Versorgungspfad entscheiden können. „Wer sich für diese Vorteile entscheidet, muss sich dann aber auch an die Regeln halten“, sagte der Vorsitzende Markus Blumenthal-Beier. „Dafür braucht es klare und nachvollziehbare Konsequenzen für den Fall, dass Versorgungswege bewusst umgangen werden, etwa direkt die Facharztpraxis aufgesucht wird.“
Der Verband forderte, dass Patienten während der regulären Praxisöffnungszeiten immer zuerst ihre Hausarztpraxis kontaktieren müssten – ob digital, telefonisch oder direkt vor Ort. Eine digitale oder telefonische erste Einschätzung an den Hausarztpraxen vorbei sei abzulehnen. Anlaufstellen und Steuerungsinstanzen dürften auch nicht etwa Apotheken oder Fachärzte sein.
Reinhardt warnte heute auch vor einer politischen Instrumentalisierung des Ärztemangels im ländlichen Raum. „Ärzte und Patienten in diesen Regionen haben sinnvolle und realistische Lösungsansätze verdient“, sagte er. „Verunsicherung und politische Instrumentalisierung machen es nicht besser, sondern schlimmer, egal aus welcher politischen Richtung sie kommen.“
Die AfD macht den Ärztemangel insbesondere auf dem Land zum Wahlkampfthema. Im September wird sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt.
Im Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt heißt es unter anderem: „Ausländische Ärzte aber sind wegen der Sprachbarriere und kultureller Differenzen oft kaum geeignet, unsere Bürger richtig zu behandeln.“ Hinzu komme oft eine zweifelhafte oder schwer einschätzbare Qualifikation bei ausländischen Abschlüssen. „Wir werden deshalb alles dafür tun, künftig nicht mehr auf ausländische Ärzte angewiesen zu sein.“
Reinhardt sagte dagegen, ausländische Ärzte seien bereits heute unverzichtbar. In Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken und auch in der ambulanten Versorgung, insbesondere im ländlichen Raum, arbeiteten viele ausländische Kollegen. „Sie werden dringend gebraucht.“
Zudem gebe es viele hoch qualifizierte ausländische Ärztinnen und Ärzte in Spitzenpositionen. „Als globale Wissenschaft verbindet die Medizin Fachleute auf der ganzen Welt. Es ist gut, wenn wir über Grenzen hinweg voneinander profitieren“, sagte Reinhardt.
Er räumte ein, es sei tatsächlich in manchen Regionen schwieriger geworden, einen Arzt zu finden. Gleichzeitig gebe es dort häufig Ärzte, die weit über ihre Belastungsgrenze hinaus arbeiteten und bei den Menschen sehr beliebt seien.
Die Forderung des AfD-Landesverbands in Sachsen-Anhalt, „Medizinstudenten statt Importärzte“, kritisierte Reinhardt. „Von solchen plakativen Zuspitzungen halte ich nichts“, sagte er. Deutschland brauche zwar ausreichend Studienplätze, müsse aber auch Ärztinnen und Ärzten aus dem Ausland die Möglichkeit geben, in Deutschland zu arbeiten.
Der BÄK-Präsident sprach sich auch dafür aus, die telefonische Krankschreibung beizubehalten, sollte die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag eingeführt werden. „Wenn die Politik an diesem Plan unbedingt festhalten will, sollte jedenfalls eine telefonische Krankschreibung bei Patienten, die in der Arztpraxis bekannt sind, möglich bleiben“, sagte Reinhardt.
Die telefonische Krankschreibung halte Menschen mit harmlosen Infekten aus den Arztpraxen raus, so Reinhardt. „Gerade deshalb sollte sie bleiben.“ Außerdem führe sie nur zu rund 1,2 Prozent der Krankheitstage. Auch Videosprechstunden könnten bei bekannten Patienten hilfreich sein.
Die geplante Krankschreibungspflicht ab dem ersten Tag hält der BÄK-Chef grundsätzlich jedoch für den falschen Ansatz. „Die Arbeitsmoral der Deutschen wird nicht in deutschen Arztpraxen entschieden“, sagte er. Viel entscheidender seien die Bedingungen in den Betrieben. Der Krankenstand hänge auch stark vom Betriebsklima, von Wertschätzung, Arbeitsbedingungen und der Möglichkeit zur Mitgestaltung ab. Um den Krankenstand zu senken, müsste man also über andere Ansätze nachdenken.
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