Report: Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel in Europa wachsen

Heidelberg – Schon heute beeinträchtigt der Klimawandel die Gesundheit von Menschen in Europa spürbar – und die Lage droht sich zu verschärfen, wenn nicht gehandelt wird. Das zeigt der neue „Lancet Countdown Europe Report 2026“ zu Klimawandel und Gesundheit (Lancet Public Health 2026; DOI: 10.1016/S2468-2667(26)00025-3). Dafür setzte sich sich eine internationale Autorengruppe unter anderem mit direkten und indirekten Risiken durch den menschengemachten Klimawandel auseinander.
Trotz vieler bedenklicher Entwicklungen hebt die Autorengruppe hervor, dass es Hoffnungsschimmer gebe: zum Beispiel den Ausbau erneuerbarer Energien und den Rückgang der Todesfälle durch Luftverschmutzung auf dem Kontinent. Dies zeige, dass eine CO2-arme Zukunft möglich sei. Allerdings kritisieren sie unter anderem die anhaltende Abhängigkeit Europas von fossilen Brennstoffen.
„Auch wenn die Energiewende in Europa in die richtige Richtung geht und positive Nebeneffekte für die Gesundheit mit sich bringt, verläuft der Fortschritt zu langsam“, mahnen die Forschenden. Insbesondere beim Personenverkehr müssten nachhaltige Optionen priorisiert werden, die nicht nur dem Klima, sondern auch der Gesundheit gut tun. Genannt wird zum Beispiel der Ausbau der Radinfrastruktur.
Die Gruppe plädiert in The Lancet - Public Health auch aus Anlass des 17. Petersberger Klimadialoges gestern und heute in Berlin für verstärkte Anstrengungen. Bei der Veranstaltung wird die Agenda der UN-Klimakonferenz COP31 im November in der Türkei mitgestaltet. Das Zeitfenster zum Handeln werde kleiner, wird schon im Titel des Reports gewarnt.
„Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, werden darüber entscheiden, ob sich diese Gesundheitsfolgen rasch verschärfen oder ob wir uns auf ein sicheres, gerechteres und resilienteres Europa zubewegen“, betonte der Mitautor des Reports Joacim Rocklöv, Epidemiologe an der Universität Heidelberg.
Es ist die dritte Ausgabe des Reports, beteiligt waren 65 Forschende aus Europa, den USA und Australien. Diese blickten auf mehr als 40 verschiedene Indikatoren. Es geht dabei einerseits um Gesundheitsrisiken und Klimawandelfolgen wie Hitze und Extremwetterereignisse, andererseits um Anpassungsmaßnahmen, Wirtschaft und Finanzierung sowie das Engagement verschiedener Player.
Ungleich verteilte Risiken, auch innerhalb Deutschlands
Klimawandelfolgen seien ungleich auf Bevölkerungsgruppen und Regionen verteilt, betonen die Autorinnen und Autoren. Haushalte mit geringem Einkommen beispielsweise hätten im Vergleich zu solchen mit mittleren Einkommen eine um knapp elf Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, Nahrungsmittelunsicherheit durch Hitzewellen und Dürren zu erleben.
Auch innerhalb Deutschlands sind Unterschiede zu verzeichnen, wie aus einem Datenblatt zum Report hervorgeht. Demnach hat die hitzebedingte Mortalität im Vergleich der beiden Untersuchungszeiträume in Sachsen, Brandenburg und Baden-Württemberg am stärksten zugenommen: um mehr als sechs Todesfälle pro eine Million Einwohner.
Zu den Empfehlungen der Forscher für Deutschland zählt, dass Hitzeaktionspläne und Frühwarnsysteme für Hochrisikoregionen gestärkt werden müssten. In Bezug auf von Zecken übertragene Erkrankungen brauche es in Gebieten mit zunehmend günstigen Bedingungen für Zecken und Übertragung bessere Überwachung, Prävention und Früherkennung .
Auch die Gesundheitssysteme selbst spielen eine wichtige Rolle: Die dadurch verursachten Treibhausgasemissionen und Luftverschmutzung dürften wegen der wachsenden Nachfrage nach Versorgung steigen, heißt es im Report. Demnach beliefen sich die Emissionen des Gesundheitswesens in 51 europäischen Ländern im Jahr 2022 schätzungsweise auf 344 kg CO2-Äquivalente pro Person, ein leichter Rückgang im Vergleich zu 2010.
In den Blick nehmen müsse man zudem den Verlust an Baumbestand, auch hierzulande. Hitze und damit verbundene Gesundheitsrisiken könnten dadurch verstärkt werden. Allein in Nordrhein-Westfalen seien von 2016 bis 2023 mehr als 180.000 Hektar verlorengegangen. Letztlich müssten regional die Strategien für Öffentliche Gesundheit, Klimaanpassung und Landnutzung verbunden werden, um die eng miteinander verknüpften Risiken zu mindern, halten die Forschenden fest.
Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen in der Kritik
Die Subventionen für fossile Brennstoffe hätten 2023 bei 444 Milliarden Euro gelegen, mehr als dreimal so viel wie 2016, heißt es im Report. Hintergrund ist auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine, infolge dessen Regierungen wegen der Verteuerung der Energiepreise einschritten. Dänemark wird im Report als Land angeführt, das als einziges einen umfassenden nationalen Plan zur schrittweisen Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe verabschiedet habe.
„Heute, da der Konflikt im Iran den Menschen in der Region erneut Unsicherheit und Leid bringt, werden wir auch daran erinnert, dass unsere Wirtschaft, unser öffentlicher Haushalt und letztlich auch unsere Gesundheit verletzlich sind, solange Europa von fossilen Brennstoffen abhängig bleibt“, erklärte Hannah Klauber, Co-Leiterin der Arbeitsgruppe, die sich im Report mit den Aspekten Wirtschaft und Finanzen beschäftigte.
Den Übergang zu sauberer und sicherer Energie zu beschleunigen, sei nicht nur eine umweltpolitische Notwendigkeit, sondern auch eine entscheidende Chance, das Wohlergehen der Menschen zu schützen.
Trotz wachsender Risiken verzeichnet die Gruppe anhand von Redebeiträgen, Pressemitteilungen und anderen Quellen ein stagnierendes und teils sogar zurückgehendes Engagement in der Politik, in Unternehmen und Medien für Klimawandel und Gesundheit. Vor allem würden die beiden Themen oft nicht verknüpft.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: