Ärzteschaft

Krebskongress: Wie junge Ärztinnen und Ärzte in der Onkologie arbeiten wollen

  • Montag, 23. Februar 2026
/Gennady Danilkin, stock.adobe.com
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Berlin – Mehr Struktur und Perspektiven wünscht sich der onkologische Nachwuchs, der noch nie so stark im Fokus eines Deutschen Krebskongress stand wie in diesem Jahr. Mit einem großen Nachwuchsprogramm, neuen Austauschformaten und zahlreichen Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung richtete sich der am Wochenende zu Ende gegangene Kongress deutlich an Studierende, junge Ärztinnen und Ärzte sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Diese nutzten die Gelegenheit zum Austausch, aber auch zu Kritik an bestehenden Strukturen.

„Die Krebsmedizin wird sich in den kommenden Jahren weiter rasant entwickeln. Umso wichtiger ist es, der nächsten Generation auf Augenhöhe zu begegnen und sie in die Gestaltung der Onkologie der Zukunft mit einzubinden“, betonte Kongresspräsidentin Anke Reinacher-Schick, die das Thema zur Chefinnen-Sache machte und den Vorsitz bei einer Plenarsitzung zur Nachwuchsförderung selbst übernommen hatte. „Sie sind die Zukunft unseres Fachs“, rief sie den jungen Teilnehmenden zu.

Der Studierenden-Tag des Krebskongresses sowie das Forum der jungen Onkologinnen und Onkologen boten jungen Menschen vielfältige Fortbildungssitzungen im Format „Educational Basic“, speziell für den onkologischen Nachwuchs konzipiert. Zudem ermöglichten Speeddating-Formate die Vernetzung. Kathrin Heinrich, Ärztin in Weiterbildung Onkologie aus München, verwies auf die Young Medical Oncologists, einen interdisziplinären, multiprofessionellen Zusammenschluss junger Onkologinnen und Onkologen.

„Es gibt begeisterten Nachwuchs, der weit über das Fach hinaus geht“, sagte sie. „Wir, die onkologischen Nachwuchsgruppen in Deutschland, haben uns zusammengetan, weil wir davon überzeugt sind, dass wir gemeinsam mehr erreichen können.“ Interdisziplinäre Zusammenarbeit sei nicht nur für eine optimale Patientenversorgung unerlässlich, sondern ebenso essenziell für Forschung und Weiterbildung.

Antje-Britta Mörstedt, Betriebswirtschaftsprofessorin der PFH Privaten Hochschule Göttingen, sprach in ihrem Vortrag „Generation Z als Gamechanger“ über die Bedürfnisse junger Ärztinnen und Ärzte. Die junge Generation sei keineswegs faul, setze jedoch andere Prioritäten, betonte sie. In einer Befragung von 8.500 jungen Menschen habe sich gezeigt, dass sie Aufgaben, Abläufe und Hierarchien hinterfragten.

Feedback und Wertschätzung zentrale Faktoren

Sie wollten wissen, welchen Nutzen ihre Arbeit für sie selbst und die Gesellschaft habe, und legten großen Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance. „Wir haben diese Generation erzogen, also müssen wir mit ihr leben“, so Mörstedt. Für Arbeitgeber bedeute das, sich intensiv um den Nachwuchs zu kümmern – Feedback und Wertschätzung seien zentrale Faktoren. „Führung ist das Wichtigste, wenn man den Nachwuchs halten will“, erklärte sie.

Dass es durchaus motivierten Nachwuchs gäbe, machte Sonja Mathes deutlich, Ärztin in Weiterbildung in der Dermatologie in München. Es brauche jedoch Struktur und Perspektiven. „Die Führungskultur ist wichtig. Darauf haben junge Menschen jedoch keinen Einfluss, es sei denn, ihnen wird zugehört“, sagte die Vorsitzende des Sprecherrates für Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung des Marburger Bundes (MB).

Mathes verwies auf strukturelle Hürden. „Eine strukturierte und zeitgemäße Weiterbildung ist der Schlüssel, um Ärztinnen und Ärzte bestmöglich auf die Herausforderungen einer sich wandelnden Medizin vorzubereiten“, betonte sie. Es brauche mehr Planbarkeit, verlässliche Rotationspläne in der Weiterbildung sowie Mentoringprogramme.

In der Realität seien die Rahmenbedingungen ärztlicher Arbeit jedoch häufig von Überlastung, Personalmangel und hoher Bürokratielast geprägt, kritisierte Mathes. Einer Mitgliederbefragung (MB-Monitor 2024) des Marburger Bundes zufolge denke mehr als ein Viertel (28 Prozent) darüber nach, die ärztliche Tätigkeit in der Patientenversorgung ganz aufzugeben.

Knapp die Hälfte (49 Prozent) fühle sich häufig überlastet. Ein großes Ärgernis für viele junge Ärztinnen und Ärzte sei zudem die IT-Ausstattung an ihrem Arbeitsplatz. „Es entspricht nicht dem Wunsch nach einem technikaffinen Arbeitsumfeld, wenn man im ersten Weiterbildungsjahr erstmal lernen muss, wie man faxt“, sagte sie.

System ist "familienblind"

Für eine andere Familiensicht in der Medizin und speziell in der Onkologie plädierte Lisa Miller-Phillips, Ärztin in Weiterbildung Onkologie in München. „Unser System ist momentan strukturell komplett familienblind“, kritisierte sie.

Das implizierte Idealbild einer jungen Onkologin oder eines jungen Onkologen sei von permanenter Verfügbarkeit, einer linearen Vollzeitbiografie, hohen Mobilität und Sichtbarkeit auf allen Kongressen sowie vielen Publikationen geprägt. Die translationale Arbeit in der Onkologie, also die gleichzeitige Arbeit in Klinik, Labor und an Publikationen, sei bereits per se nicht in der regulären Arbeitszeit möglich, sagte sie.

„Für eine Familie ist da eigentlich kein Platz“, so die junge Ärztin und Mutter zweier Kinder. Elternschaft reduziere momentan die Wahrscheinlichkeit, in der akademischen Forschung zu bleiben signifikant. Da die Onkologie jedoch Nachwuchs brauche, der sowohl in Klinik und Forschung bleibe, seien grundlegende Änderungen notwendig.

Besonders hob die junge Ärztin eine Leistungsbewertung hervor, die nicht mehr hauptsächlich auf Zeit und Sichtbarkeit basiere. Es brauche ferner geschützte Forschungszeiten sowie feste Return-to-Work- Prozesse. Diese Maßnahmen könnten jedoch nur greifen, wenn eine andere Kultur entstehe. „Struktur schlägt Heldentum“, sagte sie. Zwar ändere sich gerade etwas, doch es gäbe noch viel Luft nach oben. 

ER

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