US-Präsident Trump streicht Empfehlungen für Kinderimpfungen zusammen

Washington – Begleitet von Kritik aus Fachkreisen nimmt die Regierung in den USA einen neuen Anlauf, um die Zahl der Impfungen im Kindesalter zu reduzieren. Präsident Donald Trump unterzeichnete gestern ein Dekret mit dem Titel „Goldstandard-Impfempfehlungen für Kinder“, dessen unmittelbare Auswirkungen zunächst unklar waren.
Die New York Times sprach auch von einer unklaren Rechtskraft. Denn die eigentlich für Impfempfehlungen zuständigen Stellen werden mit dem Schritt umgangen: das beratende Gremium Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP) – vergleichbar mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) – und die Gesundheitsbehörde CDC. In den USA liegen darüber hinaus viele Befugnisse zu Impfregeln bei den Bundesstaaten.
Dem Dekret zufolge soll die Zahl der für alle Kinder empfohlenen Impfungen auf elf reduziert werden, nachdem die Gesundheitsbehörde CDC mit Stand 2024 noch 18 empfohlen habe. Zu den Impfungen, die nicht mehr pauschal empfohlen werden sollen, zählen etwa jene gegen Hepatitis A und B sowie gegen COVID-19 und Influenza.
Zudem wird zu einer Aufteilung der Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) geraten, sobald diese Präparate als Einzeldosen verfügbar sind. Außerdem sollen alle Impfungen im Kindesalter bei separaten Arztterminen verabreicht werden, heißt es.
Das Dekret sieht weiter vor, dass eine Reihe von Impfungen nur noch für bestimmte Hochrisikogruppen empfohlen werden, darunter auch monoklonale Antikörper gegen Respiratorische Synzytial-Viren (RSV).
Unter anderem für Influenza und COVID-19 ist festgehalten, dass sich Eltern und behandelnde Ärztinnen und Ärzte weiterhin für die Impfung entscheiden können. Die Kosten sollen nach Angaben der Regierung weiterhin von Versicherungen übernommen werden.
Die wissenschaftliche Grundlage fehle
Fachkreise reagierten mit Kritik auf Trumps Auftritt. „Hinter diesen Empfehlungen steckt keine wissenschaftliche Grundlage“, sagte Michael Osterholm, Leiter des Forschungszentrums zu Infektionskrankheiten an der Universität von Minnesota laut New York Times. „Es geht hier ausschließlich um Ideologie.“
„Entscheidungen darüber, wie und wann Impfstoffe eingesetzt werden, sollten auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, der Patientensicherheit sowie unabhängiger medizinischer und gesundheitspolitischer Fachkompetenz beruhen“, erklärte die American Medical Association (AMA). Die Änderung eines bewährten Impfplans ohne glaubwürdige Belege berge die Gefahr, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu schwächen und die Gesundheit von Kindern zu gefährden.
Ähnlich äußerte sich die Infectious Diseases Society of America (Gesellschaft für Infektionskrankheiten). Die American Academy of Pediatrics (Akademie für Kinder- und Jugendmedizin) hat schon länger einen eigenen Impfkalender veröffentlicht, an dem sich mehrere US-Bundesstaaten orientieren.
Maserninfektionen haben wieder stark zugenommen

Bei seinem Auftritt im Weißen Haus im Beisein von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. räumte der Präsident ein, sich auf unbewiesene Behauptungen zu stützen. Er wiederholte auch die These eines möglichen Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus, für den es laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) keinerlei Belege gibt.
Über die Empfehlung, den MMR-Impfstoff künftig möglichst auf drei einzelne Impfungen aufzuteilen und diese zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu verabreichen, sagte Trump: Zusammen könnten die Impfstoffe möglicherweise „ziemlich tödlich“ sein. Auf die Frage eines Journalisten, ob es dafür Belege gebe, antwortete er: „Nein.“ Er habe aber von Menschen gehört, die dies behaupteten.
Für einen besonderen Nutzen einer Aufteilung des Impfstoffs gibt es nach Angaben der CDC keine wissenschaftlichen Belege. Einzelimpfstoffe gegen Masern, Mumps und Röten sind in den USA bisher nicht verfügbar.
Gesundheitsexperten warnen, dass zusätzliche Arzttermine dazu führen könnten, dass Kinder länger ungeschützt bleiben und Impfserien nicht vervollständigt werden. Der Präsident der American Academy of Pediatrics, Andrew Racine, erwartet als hauptsächlichen Effekts des Dekrets mehr Zweifel und Verwirrung über Impfungen bei Eltern.
Dabei ist die Zahl der Maserninfektionen in den USA schon jetzt auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten. Im Jahr 2000 hatte die Krankheit dort eigentlich schon als besiegt gegolten. Danach gab es nur sporadisch immer wieder kleinere Ausbrüche. Allein in diesem Jahr sind bisher nach CDC-Angaben 2.465 Fälle gemeldet worden.
Gericht schritt gegen Kurswechsel ein
Einen ähnlichen Versuch des Umbaus der Impfpolitik hatte die US-Regierung bereits im Januar geplant (das Deutsche Ärzteblatt berichtete). Ein Bundesgericht stoppte diese Änderungen im März jedoch vorläufig, nachdem Ärzteverbände dagegen geklagt hatten.
In der Urteilsbegründung hieß es, in der Vergangenheit seien solche Entscheidungen nach „Methoden wissenschaftlicher Natur, die durch Verfahrensvorschriften im Gesetz kodifiziert sind“ getroffen worden, doch „leider hat die Regierung diese Methoden missachtet und dadurch die Integrität ihres Handelns untergraben“.
Trumps neue Anordnung hebt die Gerichtsentscheidung nicht auf. Sie macht den reduzierten Impfplan zur erklärten Politik der Regierung und stößt weitere Schritte an, ändert aber nicht automatisch die Impfpflichten für den Schulbesuch, die von den Bundesstaaten festgelegt werden.
Trump wies das Justizministerium nun an, rechtlich gegen Bundesstaaten vorzugehen, deren Regeln nach Auffassung der Regierung das Recht auf religiös oder medizinisch begründete Impfausnahmen verletzen.
Studien zeigen keinen Zusammenhang mit Autismus
Der US-Präsident sprach vor Journalisten von Injektionen „in der Größe einer Limonadenflasche“, die Kindern in den USA verabreicht würden. Wie genau er auf diesen Vergleich kam, führte er nicht aus. „Vor Jahrzehnten erhielten Kinder nur einen Bruchteil der heute geforderten Impfungen“, so Trump. Damals seien die Menschen
weitaus gesünder gewesen.
Er stellte den Regierungskurs erneut in einen Zusammenhang mit der stark gestiegenen Zahl von Autismus-Diagnosen in den USA. Er habe seine eigenen Kinder früher selbst zu mehreren getrennten Impfterminen gebracht, sagte der Präsident. „Ich denke, das wird einen großen Einfluss auf Autismus haben.“
Auch US-Gesundheitsminister Kennedy sagte, die Regierung wolle mögliche Zusammenhänge zwischen Impfungen, deren Zeitpunkt und Autismus weiter untersuchen. Er erklärte, ein Anstieg von Autismus-Diagnosen könne nicht allein mit besserer Erkennung erklärt werden und müsse auch Umweltursachen haben.
Die WHO kommt hingegen nach wiederholter Auswertung zahlreicher Studien zu dem Schluss, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass Impfungen Autismus verursachen. Auch ein Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus wurde in großen Studien nicht gefunden.
Kennedy hatte zu dem Thema schon vor einiger Zeit eine neue Untersuchung angekündigt, das Deutsche Ärzteblatt berichtete. Im Dekret selbst ist das Thema Autismus nicht genannt, dort werden die Entscheidungen eher mit einer Angleichung an die Impfkalender anderer Nationen begründet.
Regierung verweist auf hohe Impfquoten in Europa
Trump und Kennedy verwiesen darauf, dass europäische Länder hohe Impfquoten ohne Impfpflichten im Zusammenhang mit dem Schulbesuch erreichten. Tatsächlich setzen viele europäische Staaten vor allem auf freiwillige Impfprogramme.
In mehreren Ländern gibt es jedoch Pflichtimpfungen und entsprechende Nachweispflichten. In Deutschland etwa müssen Kinder in Kitas und Schulen einen ausreichenden Masernschutz nachweisen.
Die US-Regierung betont, sie strebe weiterhin hohe Impfquoten an – wolle dieses Ziel aber eher durch Information und freiwillige Entscheidungen der Eltern als durch staatliche Vorgaben erreichen.
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