Gesundheit

Wenn weniger Bereitschaftsdienste zu mehr ärztlichen Behandlungsfehlern führen

  • Mittwoch, 23. September 2020

Eine US-Studie hat untersucht, ob die Vermeidung von langen Bereitschaftsdiensten Behandlungsfehler durch übermüdete Nachwuchsärzte verhindern kann. Zu ihrer Überraschung mussten die Forscher feststellen, dass sich die Patientensicherheit an 3 der 6 beteiligten Kliniken verschlechterte, wenn die Ärzte mehr Schlaf bekamen. Die weitere Analyse ergab, dass Schlafmangel nicht der einzige Grund für Behandlungsfehler ist.

In der ROSTERS-Studie („Randomized Order Safety Trial Evaluating Resident-Physician Schedules“) hatten 6 pädiatrische Intensivstationen nacheinander 2 Arbeitszeitmodelle ausprobiert.

Im ersten Modell absolvierten die Ärzte ihre nächtlichen Bereitschaftsdienste im Anschluss an einen normalen Tagdienst. Die Ärzte waren dann 24 bis 28 Stunden am Stück in der Klinik. Im zweiten Modell wurden die verlängerten Schichten durch Nachtschichten von 16 Stunden ersetzt. Die Ärzte hatten am Tag davor frei. Um die Stunden auszugleichen, wurden die normalen Tagesdienste von 8 auf 11 (bis jeweils 14 Stunden) verlängert.

Die Vermeidung der verlängerten Schichten führte wie erwartet dazu, dass die Ärzte mehr Schlaf bekamen. Der Anteil der Nächte, in denen sie weniger als 4 Stunden schliefen, ging von 25 auf 9 Prozent zurück.

Doch ein positiver Einfluss auf die Zahl der Behandlungsfehler war in der Studie nicht erkennbar. Christopher Landrigan vom Boston Children's Hospital und Mitarbeiter ermittelten sogar einen Anstieg der Fehlerrate – basierend auf einer Auswertung der Krankenakten – um 53 %. Schwere Behandlungsfehler hatten um 56 % zugenommen.

Der Anstieg der Behandlungsfehler war auf 3 der 6 beteiligten Kliniken beschränkt. In einer war es sogar zu einem Anstieg der schweren Behandlungsfehler um den Faktor 6 gekommen. In 2 Kliniken hatte das neue Arbeitszeitmodell keinen Einfluss und in einer war die Fehlerrate um 76 % gesunken.

Die Forscher benötigten nach eigenen Aussagen ein ganzes Jahr, um zu verstehen, was passiert war. Zunächst vermuteten sie, dass die Patienten-Übergaben für den Anstieg der Fehler verantwortlich sind. Dies erschien plausibel, da bei den Übergaben wichtige Informationen für die Weiterbehandlung verloren gehen können. Die Zahl der Patienten-Übergaben stieg durch das neue Arbeitszeitmodell um 25 %, doch der Anstieg war an allen Kliniken gleich.

Es musste also einen anderen Grund geben. Die Forscher haben ihn in der alltäglichen Arbeitsbelastung gefunden. Die Zahl der Patienten, die ein Arzt auf den pädiatrischen Intensivstationen betreute, schwankte sehr stark. An einer Intensivstation kamen 4 bis 5 Patienten auf einen Arzt, an einer anderen Klinik waren es 10. An diesen Kliniken kam es unter dem neuen Modell häufiger zu Behandlungsfehlern. Warum, ist unklar. Es könnte aber sein, dass die Ärzte hier bereits am Limit arbeiteten und den Stress durch das neue Modell mit vermehrten Patienten-Übergaben nicht mehr verkraften konnten.

Wenn also Kliniken die Mehrkosten, die durch den Verzicht auf lange Bereitschaftsdienste entstehen, kompensieren, indem sie die Zahl der Patienten pro Arzt erhöhen, könnte am Ende die Patientensicherheit darunter leiden.

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