Berliner Humboldt-Universität öffnet Aids-Archiv für die Forschung

Berlin – Die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) macht ab dem 29. Oktober dieses Jahres ein Archiv zur Geschichte von HIV und Aids für die Forschung und die Öffentlichkeit zugänglich. Die Sammlung erweitert das bestehende Haeberle-Hirschfeld-Archiv für Sexualwissenschaft der HU, das auf dem Nachlass des Sexualwissenschaftlers Erwin J. Haeberle beruht.
Das Archiv dokumentiert nach Angaben der Universität die Aids-Krise in Deutschland ab 1984 unter anderem aus der Perspektive von Menschen mit HIV, Inhaftierten, Angehörigen von Betroffenen, Aktivistengruppen sowie Mitarbeitenden der Aidshilfe.
Zu den Quellen zählen demnach zum Beispiel persönliche Nachlässe, Unterlagen von Selbsthilfe- und Aktivistengruppen sowie Dokumente von Aidshilfen und Aids-Pflegediensten. Zu den mehr als zehntausend Einzelquellen der siebzehn erworbenen Konvolute gehören Briefe, Fotos, Korrespondenzen, Broschüren, Flugblätter, Rundschreiben und weitere Publikationen.
Die medizinische Entwicklung lasse sich in der Sammlung auf mehreren Ebenen verfolgen, sagte der Journalist und einer der beteiligten Kuratoren Axel Schock dem Deutschen Ärzteblatt. Erkrankungsverläufe, Medikation, Krankenhausaufenthalte und Therapieerfolge ließen sich sowohl aus privaten Dokumenten als auch aus Patientenakten und Arztbriefen ablesen.
Schock nennt als Beispiel Unterlagen zu einer HIV-Diagnose, die durch eine Zwangstestung eines Drogenkonsumenten im Rahmen dessen Inhaftierung gestellt wurde. Der Durchbruch in der antiretroviralen Therapie zeige sich etwa in den Dokumenten eines auf Aids spezialisierten Pflegedienstes, der 2010 mangels Bedarf den Pflegebetrieb einstellte.
Festgehalten wurde nach Angaben von Schock darüber hinaus ein für einen Entschädigungsstreit erstelltes Sachverständigengutachten, in dem der Krankheitsverlauf eines Jugendlichen dokumentiert wurde. Dieser hatte ein mit HIV infiziertes Blutprodukt erhalten und ist an den Folgen von Aids verstorben.
Auch Schulungsunterlagen für Mitarbeitende in regionalen Aidshilfen, interne Schreiben und Flyer, die im Dachverband der Aidshilfen ausgetauscht wurden, können im Archiv eingesehen werden. Schriften und Briefe aus den USA, etwa aus dem Umfeld der sogenannten „Aidsleugner“, greifen Schock zufolge zudem internationale Bezüge der Aids-Geschichte auf.
Mit der Sicherung von Quellen zur Geschichte von HIV und Aids begann ein Team von HIV-Aktivisten, Journalisten und Wissenschaftlern bereits ab 2012. Seit 2014 wurden Nachlässe und Dokumente im Rahmen eines Modellprojekts der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität und der Universitätsbibliothek systematisch eingeworben und archiviert. Gefördert wurde das Projekt von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.
Die HU will mit dem Archiv eine Lücke in der Dokumentation der Aids-Pandemie schließen. Hintergrund sei, dass viele Zeitzeugnisse aus den Krisenjahren bis zur Jahrtausendwende bislang nicht systematisch archiviert wurden oder verloren gegangen seien.
Der Bestand des Haeberle-Hirschfeld-Archivs kann im Suchportal „Primus“ der Universitätsbibliothek sowie in einem eigenen Katalog online recherchiert und bestellt werden. Eine Benutzung ist für angemeldete Nutzer im Forschungslesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums der HU möglich.
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