Sammelunterkünfte für Gesundheit Geflüchteter nicht förderlich

Hannover – Geflüchtete Menschen sind vor und während ihrer Flucht besonderen Belastungen und Gesundheitsrisiken ausgesetzt: Krieg oder Folter in den Herkunftsländern, ein oftmals lebensbedrohender Fluchtweg.
In Deutschland stellt sich die Unterbringung in Sammelunterkünften nach Angaben der Landesvereinigung für Gesundheit (LVG) Niedersachsen für viele als problemverschärfend dar. In einer Online-Fachtagung, die die LVG zusammen mit der Akademie für Sozialmedizin (AFS) Niedersachsen gestern durchführte, wurde die Lage beleuchtet.
„Geflüchtete haben keine radikal anderen Krankheiten, wenn sie in den Sammelunterkünften ankommen. Radikal anders sind aber die Lebensumstände dort“, sagte Marcus Wächter-Raquet, Referent bei der LVG/AFS.
Er verwies auf eine Studie von Biddle (2019) derzufolge rund 19 Prozent der Ankommenden einen schlechten Gesundheitszustand aufweisen, unter Schmerzen leiden 25 Prozent, chronische Erkrankungen haben 40 Prozent, Depressionen 46 Prozent und Angstzustände 45 Prozent. In den meisten Unterkünften führe der Öffentliche Gesundheitsdienst jeweils einen Gesundheitscheck durch, erklärte Wächter-Raquet.
Beengte Zimmer, Lärm, fehlende Privatsphäre und Rückzugsräume
In den Sammelunterkünften erwarteten die Geflüchteten dann beengte Zimmer, Lärm, fehlende Privatsphäre und Rückzugsräume, fremde Menschen aus anderen Kulturräumen sowie ein fremdbestimmter Tagesablauf, erläuterte Laura Müller vom Flüchtlingsrat Niedersachsen.
„Oftmals sind die Zimmer nicht abschließbar und die Kinder können rauslaufen. Manchmal müssen sich die Bewohner erst den Schlüssel von Security-Mitarbeitern irgendwo auf dem Gelände holen, um abschließen zu können“, berichtete sie.
Müller verwies auf eine Broschüre vom Bundesfamilienministerium, die Mindeststandards zum Schutz von Geflüchteten in Sammelunterkünften zusammenfasst. „Es geht darum, riskante Orte ausfindig zu machen“, sagte sie.
Dazu gehören unter anderem abschließbare Zimmer, bestimmte bauliche Standards, überwachbare Dusch- und Toilettenräume, Beschwerdestellen sowie Sozialarbeiter. Auch mehr entsprechende Fortbildung für die Betreiber der Unterkünfte und die Security-Mitarbeiter sei notwendig. „Die Broschüre zeigt sehr klare Richtlinien auf. Verpflichtend sind diese jedoch nicht“, so Müller. Das Land gebe lediglich verpflichtend den Brandschutz und das Seuchenschutzgesetz vor.
Förderlich für die Gesundheit in den Sammelunterkünften wäre nach Angaben von Wächter-Raquet, wenn den Geflüchteten Gesundheitskompetenz und der Umgang mit Stress vermittelt würde. Das sei aber nicht der Fall. Auch Anreize zu körperlichen Aktivitäten gebe es kaum. „Viele Flüchtlingsunterkünfte liegen in Industriegebieten: dort gibt es weder Spielflächen für Kinder, noch Anreize spazieren zu gehen oder Sport zu treiben“, berichtete der Referent von LVG/AFS.
„Zu den schlechten und fremdbestimmten Bedingungen in der Unterkunft kommen die Trennung von Familie und Verwandten, Sprachbarrieren und auch die fehlende Religionsgemeinschaft“, erklärte Wächter-Raquet. „Erschwerend ist ein individueller, struktureller und institutioneller Rassismus.“ All das sei nicht gesundheitsfördernd und habe vor allem Auswirkungen auf die psychische Gesundheit.
Mit den Auswirkungen der Unterbringung in Sammelunterkünften auf bereits durch Folter oder Krieg im Herkunftsland traumatisierte Geflüchtete befasste sich Gisela Penteker, Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen. Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) seien Nervosität, Schlafstörungen, Überreaktionen („auf der Hut sein“), depressive Verstimmung, Angst, Wut oder Ärger, erklärte die Ärztin.
„Eine PTBS kann durch Trigger wiedererlebt werden und solche Triggerfaktoren gibt es viele in den Sammelunterkünften“, sagte Penteker. Dazu gehörten der Zwang zur Unterbringung; die abgelegene Lage der Unterkünfte, oft umgeben von Zäunen und Mauern; lange dunkle Flure, Enge, undefinierbarer Lärm.
Weitere Belastungen für traumatisierte Geflüchtete seien die Zwangsgemeinschaft mit kulturellen oder religiösen Konflikten, die Präsenz von Polizisten in Uniform, ebenso wie das Miterleben von Abschiebungen.
„Viele bereits traumatisierte Geflüchtete weichen ohne therapeutische Behandlung in Sucht oder Kriminalität aus. Auch Suizidversuche oder Suizide sind nicht selten“, berichtete Penteker. Wichtig sei deshalb der Zugang zu Traumatherapie; in jedem Fall müsse die Stabilisierung nach Notfällen gewährleistet sein.
Traumatisierte Geflüchtete sollten auf Kommunen mit therapeutischen Angeboten verteilt werden und grundsätzlich, wenn vorhanden, in die Nähe von Verwandten oder Freunden kommen. „Der Aufenthalt in einer Sammelunterkunft sollte so kurz wie möglich sein – es ist wichtig, dass traumatisierte Geflüchtete ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können“, forderte die Ärztin.
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