Social Media hat negative Auswirkungen auf mentales und körperliches Wohlbefinden von Jugendlichen

Berlin – Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren (55 Prozent) spricht sich für ein Social-Media-Verbot aus. Nutzen die Heranwachsenden Social-Media-Plattformen mehr als vier Stunden täglich, hat dies negative Auswirkungen auf das mentale Wohlbefinden und führt zu körperlichen Beschwerden. Das sind Ergebnisse des Social-Media-Reports der Techniker Krankenkasse (TK) „Jugend zwischen Like und Limit“, der heute in Berlin vorgestellt wurde.
Acht Prozent der Jugendlichen sind demnach für ein grundsätzliches Verbot sozialer Medien für Kinder und Jugendliche. 47 Prozent sind für ein Verbot bis zu einem gewissen Alter, im Durchschnitt ist das eine Altersgrenze von 14 Jahren. 39 Prozent der Jugendlichen lehnen ein Verbot ab. Grundsätzlich steht der überwiegende Anteil der Befragten Social Media positiv gegenüber: 80 Prozent der Jugendlichen sagen, dass ihnen Social Media eher gut oder sehr gut tut.
Für die Online-Umfrage im Auftrag der TK hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut „Eye Square“ im April und Mai 2026 bundesweit 1.400 Personen im Alter von zwölf bis 17 Jahren befragt. Die Stichprobe entspricht der TK zufolge einem repräsentativen Abbild dieser Altersgruppe in Deutschland.
Der Vorsitzende des Vorstands der TK, Jens Baas, findet die Antworten der Jugendlichen „teilweise sehr überraschend“. Das zeige, dass die Jugendlichen sich trotz der guten Seiten von Social Media auch der Risiken und Herausforderungen bewusst seien.
Gefragt nach den Dingen, die sie an Social Media am meisten nerven oder stressen, geben 57 Prozent der Befragten der TK zufolge zu viel Werbung an. Es folgen die Verbreitung von Fake News (52 Prozent), zu viel Online-Zeit (36 Prozent), Mobbing und Beleidigungen (35 Prozent) sowie unangemessene Bilder oder Videos zum Beispiel solche mit Gewalt mit 31 Prozent.
Ständig schlechte Laune
Die intensive Nutzung von Social Media kann der TK zufolge negative Auswirkungen auf das mentale Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen haben. So berichten in der Befragung 49 Prozent der Jugendlichen, die pro Tag vier Stunden oder mehr Social Media nutzen, dass sie oft oder ständig schlechte Laune haben.
Bei denjenigen, die nur ein bis zwei Stunden pro Tag Social Media nutzen, sind es nur 20 Prozent. Zwar lasse sich auf Basis der Befragung kein ursächlicher Zusammenhang ableiten – aber die Daten wiesen in diese Richtung, heißt es von der TK.
Einen ähnlich deutlichen Unterschied gibt es demnach bei Gefühlen wie Unsicherheit und Zweifel (41 Prozent versus 22 Prozent), Unzufriedenheit mit sich selbst (40 Prozent versus 22 Prozent), Gereiztheit oder Wut (39 Prozent versus 14 Prozent), innere Unruhe (39 Prozent versus 17 Prozent) sowie Erschöpfung (39 Prozent versus 22 Prozent).
Ebenso auffällig sind der Krankenkasse zufolge die Ergebnisse bei den körperlichen Beschwerden. So leiden Jugendliche, die täglich vier Stunden oder mehr auf Social-Media-Plattformen sind, häufiger unter Schlafproblemen als diejenigen, die es täglich nur ein bis zwei Stunden sind (38 Prozent versus 14 Prozent).
Die befragten Jugendlichen haben demnach außerdem bei einer längeren Social-Media-Nutzung mehr Kopfschmerzen oder Migräne (37 Prozent versus zwölf Prozent), Muskelverspannungen oder Rückenschmerzen (30 Prozent versus 17 Prozent), Bauchschmerzen (28 Prozent versus zwölf Prozent) und gereizte Augen (22 Prozent versus acht Prozent).
Nutzen und Störfaktoren
Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschüler- und Bundeschülerinnenkonferenz, wies bei der Pressekonferenz zunächst auf die positiven Seiten von Social Media beispielsweise für Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete hin. Diese könnten so mit Personen in ihrer Heimat in Kontakt bleiben. Auch für queere Menschen böten soziale Menschen einen Raum für Vernetzung, den sie sonst möglicherweise nicht hätten.
Auf der anderen Seite gibt es Berthold zufolge einige „Störfaktoren“ bei ausufernder Sozial-Media-Nutzung, wie Schlafprobleme, Müdigkeit in der Schule und entsprechend schlechte Noten. Auch Ernährungsfehler und Magersucht könnte durch soziale Medien unterstützt oder ausgelöst werden, sagte sie.
Auf die Frage, was Jugendlichen helfen würde, um Social Media gut und sicher zu nutzen, nennt fast die Hälfte der Befragten (48 Prozent) der TK-Studie Lernvideos zu den Gefahren von Social Media auf den Plattformen selbst. 46 Prozent sprechen sich für speziell geschulte Ansprechpersonen wie Medienscouts in der Schule aus. 43 Prozent wollen demnach mehr Gespräche mit den Eltern und 42 Prozent sind der Meinung, dass ihnen Social-Media-Workshops oder -projekte helfen würden. Nur zwölf Prozent geben an, dass keine Unterstützung nötig sei.
„Viele Jugendliche schaffen es nicht von allein, ihren Social-Media-Konsum zu reduzieren, man muss uns Grenzen aufzeigen“, betonte auch Lilly Berthold. Ein Social-Media-Verbot hält sie für nicht zielführend, sondern eher Angebote zur Förderung der Medienkompetenz an den Schulen und durch die Eltern. Besonders wichtig ist ihr: „Die Regelungen sollten mit uns gemeinsam überlegt werden.“
Auch Valentin Dander von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur sagte: „Ein Verbot von Sozialen Medien löst das Problem nicht und wirkt zudem nicht ausreichend.“ Selbstregulierung funktioniere nicht über Verbote. „Ein guter Umgang mit Social Media in der Familie beginnt damit, Mediennutzung interessiert und kritisch zu begleiten und Regeln gemeinsam auszuhandeln. Außerdem brauche es attraktive, kreative und soziale Freizeitgestaltung – nicht nur in digitalen Räumen.
Bei der Interpretation der Befragung sei Vorsicht geboten, erklärte Julius Klingelhoefer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der vom Science Media Center (SMC) zu der TK-Studie befragt wurde. „Zwar zeigt sich ein Zusammenhang zwischen hoher Social-Media-Nutzung und schlechteren psychischen sowie körperlichen Werten, doch aus solchen Querschnittsdaten lassen sich keine kausalen Schlüsse ziehen.“
Unterschiede könnten ebenso durch andere Faktoren wie sozioökonomischer Status oder bereits bestehende psychische Belastungen erklärt werden; ebenso sei möglich, dass psychisch belastete Jugendliche soziale Medien stärker nutzen.
Trotz dieser Grenzen lieferten die Einschätzungen von Kindern und Jugendlichen wichtige Hinweise für die Regulierung sozialer Medien, konstatiert Klingelhoefer. Auffällig sei dabei ein „Third-Person-Effekt“ – viele Befragte hielten also Social Media für sich selbst eher für nützlich, befürworteten aber dennoch Verbote oder Altersgrenzen.
„Die Mechanismen der Effekte der Social-Media-Nutzung sind noch weniger gut erforscht sind, als wir uns das für eine effektive Regulierung wünschen würden“, betonte der Experte. Es gebe problematische Mechanismen auf Social Media, etwa soziale Vergleiche, aber auch positive, beispielsweise soziale Unterstützung oder Ressourcen.
„Ich halte es für zentral, dass neben Trainings für Jugendliche sowie Unterstützung für Eltern und Schulen, die Technologiekonzerne in die Verantwortung für ihre Plattformen genommen werden“, sagte der Experte.
Die Leiterin der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen am Universitätsklinikum Tübingen, Isabel Brandhorst, hingegen bewertet die Methodik der Befragung gegenüber dem SMC als insgesamt geeignet: „Kinder und Jugendliche können ihr aktuelles Erleben, die Bedeutung von Social Media und die Folgen von Altersgrenzen gut einschätzen, langfristige Risiken aber eher unterschätzen, vor allem in jüngeren Altersgruppen.“
Die Ergebnisse stimmen Brandhorst zufolge weitgehend mit Expertenempfehlungen überein: Viele Jugendliche befürworten ein Verbot, ältere eher als jüngere, und die genannte Altersgrenze von im Mittel 14 Jahren liege nahe an fachgesellschaftlichen Empfehlungen.
„Meinem Eindruck nach sind in der Studie viele relevante Auswirkungen von den Jugendlichen genannt worden. Aus klinisch-psychologischer Sicht deuten die Beeinträchtigungen in Richtung depressive Symptomatik, Ängste und Selbstzweifel“, sagt Brandhorst. Was nicht benannt wurde, seien negative Auswirkungen auf die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen oder Leben und das Suchtrisiko.
Auch diese Expertin sieht Maßnahmen auf mehreren Ebenen als notwendig an: Unter anderem „brauchen Jugendliche Grenzen an den Stellen, an denen sie sich diese nicht selbst setzen können“. Dies könne durch eine Veränderung der Angebote umgesetzt werden, aber auch durch Altersbeschränkungen und eine Stärkung von Eltern, damit sich diese in der Lage fühlten, den Gerätebesitz zu verzögern oder die Nutzung altersinadäquater Inhalte zu limitieren.
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