Social-Media-Sucht: Hauptklägerin beschreibt Abhängigkeit in US-Prozess

Los Angeles – In dem US-Musterprozess gegen Onlineunternehmen wegen mutmaßlicher Social-Media-Sucht hat die Hauptklägerin eine zwanghafte Fixierung auf die Plattformen YouTube und Instagram geschildert.
„Ich war noch jung und habe meine gesamte Zeit damit verbracht“, sagte die heute 20-jährige Kalifornierin, deren Name mit Kaley G. M. abgekürzt wird, gestern vor Gericht in Los Angeles. Sie wirft den Betreibern von Onlinenetzwerken vor, sie als Minderjährige abhängig gemacht und ihr dadurch schwere psychische Schäden zugefügt zu haben.
„Jedes Mal, wenn ich versuchte, mich davon zu lösen, funktionierte es einfach nicht“, antwortete die Klägerin auf die Frage, warum sie glaube, süchtig zu sein. Selbst wenn sie auf Instagram gemobbt wurde, sei sie dennoch auf der App geblieben.
„Wenn ich nicht online war, hatte ich einfach das Gefühl, etwas zu verpassen.“ Nach Angaben ihres Anwalts deuten Gerichtsunterlagen darauf hin, dass Kaley G. M. bis zu 16 Stunden pro Tag auf Instagram war.
Das Ergebnis des Prozesses dürfte einen Maßstab für die Entscheidung über Hunderte weitere Klagen setzen. Darin wird den Tech-Riesen vorgeworfen, junge Nutzerinnen und Nutzer abhängig gemacht zu haben und damit für Depressionen, Essstörungen, Psychiatrieaufenthalte und sogar Suizide verantwortlich zu sein.
Gestern hatte hatte Instagram mitgeteilt, dass Eltern von Minderjährigen, die auf Instagram wiederholt nach Inhalten mit Bezug zu Suizid oder Selbstverletzungen suchen, künftig eine Warnmeldung erhalten. Diese neue Funktion stellte der zum Meta-Konzern gehörende Onlinedienst vor.
Das Warnsystem soll demnach in den kommenden Wochen in den USA, Großbritannien, Australien und Kanada eingeführt werden. Wenn ein minderjähriger Nutzer mehrere Suchanfragen mit entsprechenden Wörtern abschickt, erhalten künftig Eltern, die das neue Werkzeug nutzen, Warnungen per E-Mail, SMS oder Messenger, wie Instagram mitteilte.
Instagram blockiere bereits Suchanfragen, die explizit auf Selbstmord oder selbstverletzende Handlungen hindeuteten. Stattdessen würden Nutzer an Unterstützungshotlines und Hilfsorganisationen weitergeleitet, erklärte das US-Unternehmen. Das neue Warnsystem solle solche Fälle melden, in denen Minderjährige trotz der bereits existierenden Einschränkungen entsprechende Suchanfragen stellten.
In Australien gilt seit Dezember ein Verbot solcher Onlineplattformen für Heranwachsende unter 16 Jahren. Ähnliche Bestrebungen gibt es auch in anderen Ländern. In Deutschland wird ebenfalls darüber diskutiert. Die Parteien suchen noch Lösungen und Wege dafür.
Aktuell arbeitet eine von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte Expertenkommission an konkreten Handlungsempfehlungen zum „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“. Die Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen.
Bei einem Parteitag beschloss die CDU, sich für ein Verbot von Social-Media-Netzwerken für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren einzusetzen. Die SPD-Bundestagsfraktion hatte zuvor in einem Positionspapier nach Alter abgestufte Regelungen für die Nutzung von Social-Media-Plattformen gefordert.
Eine Onlinepetition für ein gesetzliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren hat nach Angaben der Initiatoren unterdessen innerhalb weniger Tage 100.000 Unterschriften erreicht. Jetzt sei die Bundesregierung gefragt, eine entsprechende gesetzliche Regelung auf den Weg zu bringen, erklärte der Urheber der Petition, Jan Weinhart, in Hannover.
Auch die Initiatoren der Petition plädieren für ein Verbot und verweisen auf psychische Belastungen, die mit intensiver Social-Media-Nutzung verbunden seien. Studien stellten einen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien und Depressions- und Angstsymptomen fest, betonte Weinhart.
Auch im aktuellen ZDF-„Politbarometer“ sprach sich eine deutliche Mehrheit für ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren aus. Laut der heute veröffentlichen Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen äußerten sich 81 Prozent der Befragten dazu positiv, negativ lediglich 17 Prozent. Eine klare Zustimmung gab es quer durch alle Altersgruppe, am stärksten (84 Prozent) aber bei den 18- bis 34-Jährigen. Kinder und Jugendliche wurden nicht befragt.
Wenn Sie Suizidgedanken haben oder bei einer anderen Person wahrnehmen: Kostenfreie Hilfe bieten in Deutschland der Notruf 112, die Telefonseelsorge 0800/1110111 und das Info-Telefon Depression 0800/3344 533. Weitere Infos und Adressen unter www.deutsche-depressionshilfe.de.
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