Ärzteschaft

Streeck verlangt Paradigmenwechsel in der Suchtpolitik

  • Mittwoch, 13. Mai 2026
Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung /Jürgen Gebhardt
Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung /Jürgen Gebhardt

Hannover – Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) kritisiert eine unzureichende Finanzierung der Suchtprävention und frühen Suchttherapie in Deutschland. Der 130. Deutsche Ärztetag fordert unterdessen mehr Prävention, eine nachhaltige Stärkung der Suchthilfe und suchtmedizinischer Kompetenzen sowie den Abbau von Stigmatisierung gegenüber Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen.

Vor den Delegierten in Hannover berichtete Streeck entrüstet von seinem Besuch in der Dietrich Bonhoeffer Klinik in Ahlhorn. Die suchtmedizinische Rehaklinik für Kinder und Jugendliche steht aufgrund einer unzureichenden Finanzierungsgrundlage vor der Schließung.

Damit würden 60 Plätze zur Suchtrehabilitation von Kindern und Jugendlichen mit schweren psychischen Erkrankungen wegfallen – von insgesamt gerade einmal 85 solcher Plätze bundesweit. „Und das, obwohl diese Doppeldiagnosen bei Jugendlichen mit schwerer Substanzgebrauchsstörung wohl eher die Regel als die Ausnahme sind“, unterstrich er.

Besonders frustriert zeigte er sich über die Tatsache, dass der Weiterbetrieb an einer verhältnismäßig geringen Summe scheitere. Es würden gerade einmal 200 Euro pro Kind und Tag fehlen. „Wir geben im Gesundheitswesen jeden Tag etwa 1,3 Milliarden Euro aus, aber an dieser Stelle fehlen 200 Euro pro Tag, um junge Menschen früh zu stabilisieren, ihnen Behandlung zu ermöglichen und sie wieder in Schule, Familie und Alltag zurückzuführen“, sagte er.

Das Beispiel zeige exemplarisch die Probleme der Suchtmedizin auf. Das Gesundheitswesen finanziere den späten Schaden besser als die frühe Hilfe. Technische Medizin werde oft verlässlicher abgebildet als sprechende Medizin und Rehabilitation.

Zudem würden komplexe Behandlungen „schnell zwischen die Systeme geraten, wenn sie nicht sauber in eine Zuständigkeit passen“, beispielsweise, wenn Medizin, Psychiatrie, Rehabilitation, Jugendhilfe und Schule zusammenwirken müssten.

„Das Beispiel der Klinik in Alhorn zeigt uns, wo genau die Fehlsteuerung unseres Systems liegt und das weit über die Suchtbehandlung hinaus“, betonte der CDU-Politiker. Nicht die Prävention sei zu teuer, sondern die Logik des Systems, das den Großteil seines Geldes in die Reparatur von Krankheiten stecke, statt in ihre Vermeidung.

Prävention scheitere dabei nicht an mangelnder Evidenz, sondern an Zuständigkeiten und der Finanzierungslogik. Prävention sei „politisch unbequem, weil ihr Erfolg leise ist“.

Präventionszentriertes Gesundheitssystem

Es brauche deshalb einen grundlegenden, radikalen Schritt in ein echtes präventionszentriertes Gesundheitssystem. Hier könne das geplante Primärversorgungssystem eine wichtige Rolle spielen, wenn es eine klare Verantwortungsübernahme für die Versorgung und eine Vergütung über eine jährliche Pauschale statt über einzelne Kontakte ermögliche.

„Wir brauchen den Schritt heraus aus dem Hamsterrad der Quartalslogik hin zu einer Vergütung der Vorbeugung“, erklärte er. „Gesundheit muss vom Menschen her gedacht werden, nicht vom Abrechnungssystem.“ Frühes Handeln müsse sich lohnen.

Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland seien abhängig oder suchtkrank. Während man früher hauptsächlich über Tabak, Alkohol und illegale Drogen gesprochen habe, kämen heute zahlreiche neue Suchtquellen hinzu – von aromatisierten Nikotinvapes über Nikotinbeutel bis hin zu synthetischen Opioiden. Auch Kokain, Tilidin und Benzodiazepine hätten einen Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden.

Dabei sei nicht nur entscheidend, dass neue Substanzen hinzukommen, sondern dass Einstieg, Verfügbarkeit und Verharmlosung näher zusammenrücken würden. Darauf müsse moderne Suchtpolitik antworten.

Insbesondere, wenn junge Menschen angesprochen werden, „darf Politik nicht so tun, als ginge es nur um individuelle Konsumentscheidungen“, betonte er. Deshalb spreche er sich für höhere Tabaksteuern, strengere Regeln bei Vapes, ein Verbot gesundheitsschädlicher Zusatzstoffe und die Abschaffung des begleiteten Trinkens ab 14 Jahren aus.

Es müsse allerdings auch die Lebenskompetenz junger Menschen gefördert werden. Diese Förderung hänge heute noch zu sehr vom Engagement einzelner Lehrkräfte und befristeten Projekten ab. Das reiche nicht.

Katharina Schoett, Chefärztin Klinik für Suchtmedizin und Ärztliche Direktorin des Ökumenischen Hainich Klinikums in Mühlhausen /Jürgen Gebhardt
Katharina Schoett, Chefärztin Klinik für Suchtmedizin und Ärztliche Direktorin des Ökumenischen Hainich Klinikums in Mühlhausen /Jürgen Gebhardt

Von unzureichenden Rahmenbedingungen in der Praxis berichtete wiederum Katharina Schoett, Chefärztin an der Klinik für Suchtmedizin und Ärztliche Direktorin des Ökumenischen Hainich Klinikums in Mühlhausen.

Die 85 Betten auf spezialisierten Stationen würden längst nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Rund 200 Menschen befänden sich auf der Warteliste. Auch sie betonte die besondere Bedeutung von Komorbiditäten bei Suchtkranken.

„Wenn man in die Kliniken schaut, sieht man, dass etwa 40 Prozent der Alkoholabhängigen an Depressionen leiden“, erklärte sie. Bei Menschen mit Abhängigkeit von harten Drogen sei es beinahe die Hälfte. „Komorbiditäten sind die Regel, nicht die Ausnahme.“ Hinzu kämen häufige somatische Komorbiditäten wie Hypertonie, Endokartitis oder Hepatopathie.

Verschlimmert werde das durch die zunehmende Verfügbarkeit hochpotenter synthetischer Opioide wie Fentanyl oder Nitazenen bei sinkender Verfügbarkeit von Heroin. „Opioide sind gerade auf einem Siegeszug um die Welt“, betonte sie.

Dafür sei zum einen verantwortlich, dass die Taliban nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan im Jahr 2021 den Schlafmohnanbau verboten und das Angebot somit massiv verringert hätten, erklärte Schoett.

Zum anderen, wandte Jan-Hendrik Sperling von der Ärztekammer Bayerns ein, seien diese Abhängigkeiten aber oft auch ärztlich gefördert. Viele Hausärztinnen und -ärzte würden hoch wirksame Arzneimittel wie Pregabalin, Tilidin oder Benzodiazepine zu leichtfertig verordnen, kritisierte er.

Schoett betonte weiter, angesichts der komplexen Diagnosen und Komorbiditäten sei ein systemübergreifendes Arbeiten zentral – von der Psychiatrie über Infektiologie und Innere Medizin bis hin zur Chirurgie, Dermatologie und Gynäkologie.

Hinzukomme, dass Betroffene oft keine behandelnden Ärzte fänden. Man müsse sich bewusst machen, dass oft somatische Kliniken keine Substitution anbieten würden. Das führe oft zum Behandlungsabbruch durch Betroffene.

Immer weniger Substitutions-Ärzte

Die Substitutionstherapie sei zentral, ihre Zukunft aber unsicher. Allein in den vergangenen fünf Jahren sei die Zahl der substituierenden Ärztinnen und Ärzte um neun Prozent gesunken. 57 Prozent von ihnen seien derzeit zwischen 61 und 70 Jahren alt. Ihr Wegfall werde dazu führen, dass wieder mehr Menschen auf illegalen Konsum ausweichen.

Deutschland steuere auf eine Unterversorgung in der Substitution zu, „weil die Pioniere in den Ruhestand gehen und zu wenige nachkommen“, warnte daraufhin auch Sabine Köhler von der Ärztekammer Thüringen. „Wir sollten alles dafür tun, dass Substitution durchgeführt wird von Ärzten, die es können.“

Die Delegierten des Deutschen Ärztetages stimmten im Anschluss für eine Sicherstellung der Substitutionstherapie. Die medizinische Versorgungssituation für Menschen mit Opioidabhängigkeit müsse verbessert und ihnen ein adäquates Behandlungsangebot bereitgestellt werden.

Dafür müssten geeignete Strukturen geschaffen werden, die sowohl einen niedrigschwelligen Zugang zur indizierten Behandlung als auch geschützte Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte sichern, heißt es in einem mit großer Mehrheit angenommenen Antrag.

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und die Selbstverwaltung forderten die Delegierten in einem weiteren verabschiedeten Antrag dazu auf, den Forderungen des Bundesrechnungshofs zu folgen und wirksame Maßnahmen und Rahmensetzungen zur finanziellen und organisatorischen Verbesserung der Substitutionsbehandlung opioidabhängiger Menschen zu ergreifen.

Auch im zuvor mehrheitlich angenommenen Antrag des Vorstands der Bundesärztekammer (BÄK) werden Bund, Länder und Kommunen aufgerufen, die Suchthilfe strukturell zu stärken, niedrigschwellige Angebote auszubauen und die Verzahnung mit der medizinischen Versorgung zu verbessern.

Suchtpolitische Maßnahmen müssten einheitlich an wissenschaftlicher Evidenz und gesundheitlichen Zielsetzungen ausgerichtet werden. Wirtschaftliche Interessen dürften dabei nicht über gesundheitliche Ziele gestellt werden.

Dabei müssten die Landesärztekammern und der Medizinische Fakultätentag sicherstellen, dass die existierenden suchtmedizinischen Inhalte im erforderlichen Umfang im Rahmen von Aus-, Weiter- und Fortbildung vermittelt und berücksichtigt werden.

Zudem forderten die Delegierten in dem Antrag den Gesetzgeber und die Akteure des Gesundheitswesens auf, wirksame Regelungen zum Abbau von Stigmatisierung zu erlassen. Einer aktuellen Studie der Universitätsmedizin Frankfurt zufolge würde rund die Hälfte der Suchtkranken aus Sorge vor Stigmatisierung ihren Substanzkonsum verschweigen, 36 Prozent medizinische Hilfe trotz akuter Erkrankung vermeiden sowie 29 Prozent eine laufende Behandlung abbrechen.

„Ein angemessener Umgang mit Abhängigkeitserkrankungen setzt deren Anerkennung als behandelbare, häufig chronisch verlaufende Erkrankungen voraus“, heißt es im Antrag.

lau

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