Ärzteschaft

Tausende Medizinstudierende demonstrieren bundesweit für Reformen

  • Freitag, 30. Oktober 2026
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Mehr als 300 Medizinstudierende protestierten am 29. Oktober in Frankfurt/Main. /privat
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Berlin – Unter dem Motto „SOS – Stillstand oder Spitzenmedizin?“ haben in dieser Woche bundesweit mehr als 3.000 Medizinstudierende für eine grundlegende Reform ihrer Ausbildung demonstriert.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) fordert unter anderem eine neue Approbationsordnung, bessere Ausbildungsbedingungen im Praktischen Jahr (PJ) sowie eine bundesweit einheitliche Mindestaufwandsentschädigung. Zudem wollen die Studierenden stärker an Reformen des Gesundheitswesens beteiligt werden.

Nach Angaben der bvmd beteiligten sich an der Aktionswoche, die heute endet, mehrere Tausend Medizinstudierende mit Demonstrationen und weiteren Aktionen in verschiedenen deutschen Universitätsstädten. Die Proteste stießen nach Angaben der bvmd auch auf politische Aufmerksamkeit.

In Frankfurt am Main zum Beispiel beteiligten sich nach Angaben der Organisatoren mehr als 300 Medizinstudierende – damit mehr als jeder achte Medizinstudierende am Standort.

Im Mittelpunkt der Proteste stand auch dort die seit Jahren ausstehende Reform der Approbationsordnung für Ärztinnen und Ärzte. Die Studierenden kritisierten, dass die bestehende Ausbildungsordnung nicht mehr den Anforderungen an die medizinische Ausbildung und den späteren Berufsalltag entspreche.

Hoffnung auf Änderungen für das PJ

„Wir haben die reale Hoffnung, dass sich überparteilich ein Zeitfenster aktuell öffnet, in dem durch die Landesregierungen tatsächlich eine Mindestaufwandsentschädigung zum BAföG-Höchstsatz ins PJ eingeführt werden kann“, sagte Marius Moniak, Medizinstudent im Praktischen Jahr, dem Deutschen Ärzteblatt. Zudem hoffe man, dass die neue Approbationsordnung nach mehr als 20 Jahren Verzögerung endlich beschlossen werde.

Das PJ müsse stärker als Übergang zwischen Studium und ärztlichem Berufsleben verstanden werden, erklärte Moniak. Nach fünf Jahren akademischer Ausbildung gehe es darum, praktische Erfahrungen zu sammeln, strukturiert angeleitet zu werden und die eigenen medizinischen Kompetenzen zu erweitern.

Dafür brauche es eine „massive Aufwertung des PJ“, nachhaltige Strukturreformen, verbindliche Lehrangebote an allen Lehrkrankenhäusern, Mentoring und feste PJ-Beauftragte in den Fachdisziplinen. Auch ein Ausbildungsgehalt mindestens in Höhe des BAföG-Höchstsatzes sei notwendig.

Ähnliche Forderungen wurden in zahlreichen Redebeiträgen in anderen Städten auch formuliert. So sagte Aljoscha Lorentz, Vizepräsident für Externes der bvmd, bei einer Demonstration in München: „Der Kampf für ein faires PJ ist für uns, hier und jetzt. Die Reform der Approbationsordnung ist für alle, die nach uns kommen.“

Seit Jahren werde die Verantwortung für die Finanzierung der Reform zwischen Bund und Ländern hin- und hergeschoben, kritisierte er. Während die Länder erhebliche Summen für zusätzliche Studienplätze aufwendeten, fehle es an ausreichenden Mitteln für die Qualität der Ausbildung.

Die Reform der ärztlichen Ausbildung gehört zu den zentralen Anliegen der Aktionswoche. Paula Szumotalski, Bundeskoordinatorin für medizinische Ausbildung der bvmd, verwies auf den aus Sicht der Studierenden überholten Zustand der bestehenden Ausbildungsordnung. „Wir können nicht weiterhin in einem System lernen, das sein Mindesthaltbarkeitsdatum schon vor Jahren überschritten hat. Deshalb fordern wir eine neue Approbationsordnung – jetzt“, sagte sie bei der Demonstration in Leipzig.

Auch Márk Möller, Bundeskoordinator für das Praktische Jahr, kritisierte die bisherige Entwicklung. „Das ewige Pokerspielen, wer mehr zahlen muss, verspielt unsere Zukunft“, sagte er bei einer Kundgebung in Mannheim. Die Studierenden wollten sich nicht länger auf das Auswendiglernen von Detailwissen für Multiple-Choice-Prüfungen beschränken. Stattdessen brauche es eine Ausbildung, die auf die tatsächlichen Anforderungen des ärztlichen Berufs vorbereite und konkrete Kompetenzen vermittle.

Ein weiterer Schwerpunkt der Forderungen ist die Qualität der Lehre während des Praktischen Jahres. Hannah Brüx, Medizinstudentin aus Göttingen, kritisierte, dass die Qualität der Ausbildung derzeit zu stark vom Engagement einzelner Personen abhänge. „Wir brauchen Lehre, die nicht vom guten Willen Einzelner abhängt“, sagte sie. Im Entwurf der neuen Approbationsordnung seien erstmals auch verbindliche Lehrstandards für das Praktische Jahr vorgesehen.

Neben der Ausbildungsqualität stand die finanzielle Situation der Studierenden im Zentrum der Proteste. Das Praktische Jahr ist als Vollzeittätigkeit angelegt, wird nach Angaben der Studierenden aber vielerorts nicht mit einer ausreichenden Aufwandsentschädigung vergütet. Für Studierende, die ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren müssen, kann das zu erheblichen finanziellen Problemen führen. Die bvmd fordert deshalb eine bundesweit einheitliche Mindestaufwandsentschädigung in Höhe des BAföG-Höchstsatzes.

„Medizin zu studieren darf nicht nur für wenige Privilegierte möglich sein, sondern muss allen offenstehen, die das Potenzial, die Motivation und den Willen haben, Menschen zu helfen“, sagte Clara Mosecker, Koordinatorin der Kampagne, bei der Demonstration in Dresden.

Wie schwierig die Situation für Studierende sein kann, schilderte Johannes Oschilewski bei der Kundgebung in Düsseldorf. Er finanziert seinen Lebensunterhalt nach eigenen Angaben unter anderem durch Nachtdienste neben dem Studium. Mit Blick auf das Praktische Jahr mache ihm deshalb weniger die Arbeit selbst als die finanzielle Situation Sorgen. „Ich weiß nicht, wie ich neben einer 40- bis 60-Stunden-Woche noch Nachtdienste am Wochenende machen soll“, so Oschilewski.

Die bvmd sieht die Ausbildungsreform dabei nicht isoliert, sondern als Teil einer umfassenderen Neuordnung des Gesundheitswesens. Parallel zur Aktionswoche stellte der Verband einen Zehn-Punkte-Plan für ein „modernes, nachhaltiges und zukunftsfähiges Gesundheitssystem“ vor. Begleitet wird die Kampagne zudem von einer Petition, die innerhalb der Woche vielfach unterzeichnet wurde und Stand heute etwa 19.000 Unterschriften erhalten hat.

ER

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