Politik

Telefonische Krankschreibung könnte nächstes Streitthema in der Koalition werden

  • Mittwoch, 21. Januar 2026
/Heide, stock.adobe.com
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Bonn – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will telefonische Krankschreibungen abschaffen, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) stellt sie auf den Prüfstand. Nun kommen Stimmen aus der SPD-Bundestagsfraktion, die an der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) festhalten wollen. Steht ein neuer Koalitionsstreit bevor?

„Die Fakten sind eindeutig: Es gibt keine belastbaren Belege für systematischen Missbrauch der telefonischen AU“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, heute. Das bestätigten die Abrechnungsdaten der Krankenkassen ebenso wie die Erfahrungen aus der Praxis.

„Was wir derzeit erleben, ist ein Staccato an neoliberalen Vorschlägen aus der Mottenkiste der Neunzigerjahre. Diese Debatten zielen reflexhaft auf Misstrauen gegenüber Beschäftigten – statt auf evidenzbasierte Politik“, sagte er. „Ich frage ganz offen: Wollen wir wirtschaftliche Stärke mit oder ohne die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erreichen? Die Antwort der SPD ist klar: mit ihnen – und nicht gegen sie.“

Für den SPD-Politiker ist die telefonische Krankschreibung ein Instrument, das sich bewährt hat. Die Telefon-AU entlaste Hausarztpraxen, schütze Patienten vor unnötigen Ansteckungsrisiken und sichere eine niedrigschwellige medizinische Versorgung – gerade in Zeiten hoher Infektlasten und angespannter Versorgungsstrukturen. „Wer diese Regelung pauschal in Frage stellt, ignoriert die Realität in den Praxen und riskiert zusätzliche Bürokratie, Wartezeiten und Fehlsteuerungen“, so Pantazis.

Er mahnte, Politik dürfe nicht auf ‚Arbeitgebermärchen‘ hereinfallen, sondern müsse sich an Daten, Versorgungspraxis und Patientenschutz orientieren. „Eine Überprüfung der AU-Regelung ohne neue Evidenz ist Symbolpolitik – und sie schadet dem Vertrauen in unser Gesundheitssystem.“

Der SPD-Politiker betone auch, er unterstütze „ausdrücklich und ohne Wenn und Aber die klare Haltung des Hausärzteverband und seines Vorsitzenden Markus Beier zur telefonischen Krankschreibung“. Pantazis geht damit auf Konfrontationskurs zu Merz und Warken. Die Regierungsparteien hätten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, Missbrauch auszuschließen, sagte die CDU-Politikerin gestern dem Tagesspiegel. „Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen“, sagte sie.

Der Kanzler hatte seine Kritik am hohen Krankenstand in Deutschland zuvor bekräftigt. Bei den durchschnittlich 14,5 Krankentagen, die er am Wochenende genannt habe, seien die kurzfristigen Krankmeldungen von ein oder zwei Tagen noch gar nicht dabei, sagte er nach einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes.

Während die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) den Kurs des Kanzlers stützt, äußerten sich gestern zwei Kassenärztliche Vereinigungen (KV) mit einer gegenteiligen Meinung. Sie wollen an der telefonischen AU festhalten, ebenso wie der Hausärzteverband.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin (KV Berlin) erklärte, es sollten bewährte Maßnahmen zum Bürokratieabbau wie die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und die telefonische Krankschreibung beibehalten werden. „Beide Instrumente entlasten Praxen und Patienten spürbar und stärken die ambulante Versorgung.“

Auch die KV Bayerns sieht das so. „Die telefonische Krankschreibung trägt der Versorgungsrealität in den Praxen Rechnung“, sagte der Vorstand der KVB – Christian Pfeiffer, Peter Heinz und Claudia Ritter-Rupp.

Sie ermögliche es, bekannte Patienten bei nicht schwerwiegenden Erkrankungen niedrigschwellig zu behandeln, ohne unnötige Praxisbesuche zu verursachen. „Damit werden nicht nur die Praxisteams entlastet, sondern auch Infektionsrisiken reduziert – ein Aspekt, der gerade in der Erkältungs- und Grippesaison von besonderer Bedeutung ist.“

Die immer wieder vorgebrachte Behauptung eines erhöhten Missbrauchspotenzials ist aus Sicht des Vorstands der KVB nicht haltbar. „Vertragsärztinnen und -ärzte handeln verantwortungsvoll und nach medizinischem Ermessen“, hieß es. Auswertungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigten, dass die Bedeutung der telefonischen Krankschreibung mit einem Anteil von jährlich 0,8 bis 1,2 Prozent an allen AU sehr gering sei.

Die Hausärzte schlagen in dieselbe Kerbe. Die Telefon-AU „entlastet unsere Praxen und schützt unsere Patientinnen und Patienten vor Ansteckungen im Wartezimmer", sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Beier, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Auch sei sie ein bewährtes Instrument zum Bürokratieabbau.

Beier betonte klare Regeln für die Praxen: Der Patient müsse in der Praxis persönlich bekannt sein. Die Krankschreibung dürfe zudem maximal fünf Tage lang sein. „Alle bisherigen Auswertungen der Krankenkassen bestätigen, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu einem höheren Missbrauch bei Krankschreibungen führt“, so Beier weiter.

Auch der Grünen-Politiker Janosch Dahmen verteidigte die telefonische Krankschreibung und warnte vor den Folgen einer Abschaffung. Die telefonische Krankschreibung „entlastet Praxen, reduziert unnötige Arztkontakte und verhindert in der Infektsaison volle Wartezimmer“, sagte Dahmen, selbst Arzt und Sprecher der Grünen für Gesundheitspolitik, der Rheinischen Post. Wer die telefonische Krankschreibung abschaffe, produziere mehr Bürokratie und mehr Belastung, für Ärzte genauso wie für Patienten.

„Kanzler Merz und Ministerin Warken haben ein neues Feindbild: erkältete Arbeitnehmer, die sich telefonisch krankschreiben lassen. Statt die Gesundheitskrise anzugehen, macht diese Regierung Jagd auf Menschen mit Schnupfen. Das ist nicht nur zynisch, es ist ein politisches Armutszeugnis“, sagte Johannes Wagner, Arzt, Abgeordneter und Berichterstatter der Grünen im Bundestag für Prävention und Gesundheitsförderung.

Die Tele-AU abzuschaffen mache niemanden gesünder. Es entlarve nur eine Regierung, der die Ideologie wichtiger sei als das Wohl der Menschen. „Investiert endlich massiv in Prävention und verbessert die Arbeitsbedingungen. Das wären echte Taten statt durchschaubarer Ablenkungsmanöver“, so Wagner.

Der fachübergreifende Ärzteverband Medi Baden-Württemberg mahnte, die Debatte nicht „rein symptomorientiert“ zu führen. Die entscheidende Frage sei: Warum die deutsche Bevölkerung zunehmend häufiger krank sei. Medi forderte ein Ende der Scheindebatte sowie stärkere Investitionen in Prävention, sprechende Medizin und Gesundheitskompetenz, um die Resilienz in der Bevölkerung in Zeiten von schweren Krisen zu stärken.

Die Möglichkeit der Telefon-AU war 2021 während der Coronapandemie geschaffen worden, der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) etablierte sie dauerhaft.

Zu den elektronischen Krankschreibung gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Institute und Krankenkassen, die verschiedene Zahlen vorlegen und Begründungen für den Anstieg liefern. Das Statistische Bundesamt führt die Zunahme unter anderem auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Anfang 2022 zurück. Damit würden die Krankmeldungen genauer erfasst, hieß es.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet – ein Anstieg um 3,6 Krankheitstage im Vergleich zu 2021. Nach einem gestern veröffentlichten Bericht der DAK-Gesundheit waren DAK-versicherte Beschäftigte im Jahr 2025 durchschnittlich 19,5 Tage krank geschrieben gewesen.

may/afp

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