Politik

Warken kündigt Überprüfung der telefonischen Krankschreibung an

  • Dienstag, 20. Januar 2026
/picture alliance, Hannes P Albert
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Berlin – In den vergangenen Tagen hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erneut massiv gegen die bisher geltende Möglichkeit telefonischer Krankschreibungen ausgesprochen. Nun will Parteikollegin und Bundesgesundheitsministerin Nina Warken die bestehenden Regelungen dazu überprüfen.

Die Regierungsparteien hätten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, Missbrauch auszuschließen, sagte die CDU-Politikerin dem Tagesspiegel. „Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen“, sagte Warken.

Merz hatte erst gestern seine Kritik am hohen Krankenstand in Deutschland bekräftigt. Bei den durchschnittlich 14,5 Krankentagen, die er am Wochenende genannt habe, seien die kurzfristigen Krankmeldungen von ein oder zwei Tagen noch gar nicht dabei, sagte er nach einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes. Bei SPD, Grünen, Linken und BSW traf das auf Kritik.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gab ihm hingegen recht. Die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung lade „natürlich“ zum Missbrauch ein, sagte der Chef der KBV, Andreas Gassen, dem Tagesspiegel. „Am Telefon kann doch niemand zuverlässig beurteilen, ob jemand wirklich arbeitsunfähig ist oder nicht“, sagte Gassen. Anders sehen das hingegen die Vorstände der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und Berlins, die sich für den Erhalt der telefonischen Krankschreibung aussprechen.

Warken stellte sich hinter den Kanzler. Im internationalen Vergleich sei der Krankenstand in Deutschland hoch. „Darauf hinzuweisen ist in keiner Weise gegen diejenigen gerichtet, die aufgrund von Krankheit arbeitsunfähig sind“, machte die Ministerin deutlich. Sie betonte aber: „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung missbräuchlich ausgenutzt werden kann.“

Die Analysen zeigten, dass sich der Krankenstand auf einem hohen Niveau einpendele, sagte der Chef der DAK-Gesundheit, Andreas Storm. „Deswegen ist es richtig und notwendig, eine fundierte Ursachenforschung voranzutreiben.“ Storm forderte einen Gipfel im Kanzleramt, der Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen dazu an einen Tisch bringen sollte.

Es gehe darum, neue Lösungswege zu entwickeln, sagte der Kassenchef. „Ein wichtiger Baustein kann die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen und Diagnosen sein.“ Gemeint ist damit, nur für einen Teil der täglichen Arbeitsstundenzahl krankgeschrieben zu werden.

Das hatte im Oktober 2024 schon der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, vorgeschlagen. Auch der beim Bundeskanzleramt angesiedelte Expertenrat für Gesundheitsfragen hatte sich hinter mögliche Teil-Krankschreibungen gestellt. Diese Möglichkeit solle geschaffen werden, wenn ein Teil der Arbeitsfähigkeit erhalten sei, sagte Ratsmitglied Wolfgang Hoffmann. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hatte den Überlegungen damals aber eine Absage erteilt.

Für Julia-Christina Stange, Sprecherin für ambulante Versorgung der Links-Fraktion im Bundestag, schießt die Regierung „mit Kanonen auf Spatzen“. „Wie schon in der unsäglichen Debatte um die sogenannten Totalverweigerer beim Bürgergeld werden auch hier Einzelfälle wider besseres Wissen zum Generalverdacht aufgebauscht“, sagte sie.

Erkrankte Beschäftigte, gerade in ländlichen Regionen mit wenigen Arztpraxen, oder diejenigen mit eingeschränkter Mobilität, wieder in den Praxen vorsprechen zu lassen, verschärfe bestehende Missstände und belaste die Hausarztpraxen – erst recht jetzt in der Erkältungszeit.

Baden-Württembergs Gesundheitsminister will auch künftig an der Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung festhalten. Er wolle die telefonische Krankschreibung in ihrer jetzigen Form aufrechterhalten wissen, sagte Manne Lucha (Grüne) in Stuttgart. Man habe dieses Instrument bewusst so eingeführt, weil man übervolle Praxen mit dem Risiko einer Infektion verhindern wolle.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat scharfe Kritik an der Debatte geübt. Es sei „hoch unanständig, in welchem Ausmaß krank gemeldete Beschäftigte unter Generalverdacht gestellt werden, als wären sie Drückeberger und Faulenzer“, sagte DGB-Chefin Yasmin Fahimi in Berlin.

Der Verdacht, dass die Möglichkeit der einfachen telefonischen Krankschreibung zu missbräuchlichen Krankmeldungen führe, sei „nicht nur ein Vorwurf an die Beschäftigten, das ist auch ein großes Misstrauen gegen die Ärztinnen und Ärzte in unserem Land“, kritisierte die Gewerkschaftschefin.

Dass die Krankenkassen eine steigende Zahl von Krankmeldungen registrieren, führte Fahimi auf einen rein statistischen Effekt zurück. Mit Einführung der elektronischen Krankschreibung werde nun jeder einzelne Krankheitstag statistisch erfasst, sagte sie. Dies bedeute nicht, dass mehr Menschen krank machten. Ein Problem sei vielmehr, dass zu viele Menschen krank zur Arbeit gingen.

Zu den elektronischen Krankschreibung gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Institute und Krankenkassen, die verschiedene Zahlen vorlegen und Begründungen für den Anstieg liefern. Das Statistische Bundesamt führt die Zunahme unter anderem auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Anfang 2022 zurück. Damit würden die Krankmeldungen genauer erfasst, hieß es.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet – ein Anstieg um 3,6 Krankheitstage im Vergleich zu 2021.

may/dpa/afp

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