TK: Ärzte verordnen zu viele Antibabypillen der dritten und vierten Generation

Berlin – Die Techniker Krankenkasse (TK) hat die häufige Verordnung von Antibabypillen der dritten und vierten Generation kritisiert, die zum Beispiel die Wirkstoffe Nomegestrol, Desogestrel oder Drospirenon enthalten. „Pillen der dritten und vierten Generation haben im Vergleich zu Antibabypillen der zweiten Generation wie Levonorgestrel ein erhöhtes Thromboserisiko“, sagte der Vorstandsvorsitzende der TK, Jens Baas, heute bei der Vorstellung des „Pillenreports“ in Berlin. Dennoch würden sie deutlich häufiger verordnet.
Die Ursache dafür sieht er in einem ausgeprägteren Marketing für die Antibabypillen der neueren Generation. Dabei stehe nicht die kontrazeptive Wirkung im Vordergrund – denn die sei bei den Pillen aller Generationen gleich –, sondern das Thema Lifestyle, kritisierte Baas. Mädchen hofften, durch die Einnahme der neueren Antibabypillen zum Beispiel einen größeren Busen oder reinere Haut zu bekommen. Von den Ärzten würden sie über die höheren Risiken dabei nicht ausreichend aufgeklärt.
Gerd Glaeske von der Universität Bremen, einer der Autoren des „Pillenreports“, meinte: „Viele Ärzte verweisen bei der Verordnung der Pille auf den Beipackzettel. Das entlastet den Arzt aber nicht von der eigenen Aufklärung.“ Groß angelegte Studien hätten ergeben, dass bei sechs von 10.000 Frauen, die Levonorgestrel nahmen, eine tiefe Beinvenenthrombose aufgetreten sei. Bei Frauen, die Desogestrel genommen hätten, seien es 14 von 10.000 gewesen.
Bei aller Evidenz, die vorliege, sei es verstörend, dass viele Ärzte die Antibabypillen der dritten und vierten Generation verschrieben und nicht die weniger gefährlichen aus der zweiten Generation, sagte Glaeske.
„Die Hersteller von Antibabypillen haben offensichtlich herausgefunden, wie man gerade für die Zielgruppe der jungen Frauen neue Medien nutzt, um diese spezifisch und mit ihrer Sprache zu erreichen“, kritisierte Petra Thürmann, Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für klinische Pharmakologie und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Es sei zu beobachten, dass die Antibabypille gezielt weiterentwickelt werde, um bestimmten Schönheitsidealen näherzukommen und zu einem Lifestylepräparat zu werden. „Letztendlich sind hier verantwortungsbewusste Ärztinnen und Ärzte und deren Fachgesellschaften gefordert, in ihren Leitlinien Stellung zu beziehen“, so Thürmann.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte wiederholt auf die Risiken der modernen Antibabypillen hingewiesen. Die Behörde empfiehlt vor allem Erstanwenderinnen und Frauen unter 30 Jahren Pillen mit geringerem Thromboserisiko zu verordnen.
Auch sollten die Frauen über persönliche Risikofaktoren einer Embolie, wie Rauchen oder Übergewicht von ihrem Arzt genau aufgeklärte werden. Insgesamt überwiege bei allen zugelassenen Kombinationspräparaten aber "der Nutzen die Risiken", erklärte das BfArM am Freitag in Bonn. Schätzungen zufolge nehmen sieben Millionen Frauen in Deutschland die Pille.
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