Ukraine: mehr Zivilisten schwer verletzt, Kälte zunehmendes Problem

München – Rund vier Jahre nach Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine nimmt die Zahl schwer verletzter Zivilisten nach Angaben von Helfern zu. Auch der harte Winter stellt die Menschen zunehmend vor Probleme. Deutschland stockt seine Winterhilfe für die Ukraine auf.
Zu den Verletzungen, die immer mehr Zivilisten erleiden, gehören nach Angaben von Handicap International (HI) Verbrennungen und Amputationen. Daher sei der Bedarf an Fachkräften und Hilfsmitteln groß, hieß es. Immer mehr Menschen bräuchten Physiotherapie, Prothesen und psychologische Unterstützung.
Die Organisation verweist auf Schätzungen, wonach rund 300.000 Menschen Kriegsverletzungen erlitten haben. Einige davon führten den Angaben zufolge zu Amputationen, Hör- und Sehverlust.
Vor dem Krieg hätten in der Ukraine etwa 2,7 Millionen Menschen mit Behinderungen gelebt. „Menschen mit Behinderungen sind überproportional von Gewalt und Tod betroffen und haben Schwierigkeiten, Zugang zu grundlegender Versorgung und Hilfsmaßnahmen zu erhalten“, betonte HI.
Ärzte ohne Grenzen hatte kürzlich darauf hingewiesen, dass die russischen Truppen ihre Angriffe auf die Energieinfrastruktur setzen, was bei Temperaturen in der Ukraine von bis zu minus 20 Grad Celsius zunehmend zu Problemen führe.
„Millionen Menschen haben nur eingeschränkt oder gar keinen Zugang zu Strom, Heizung und fließendem Wasser“, erklärte die Hilfsorganisation. Patienten und Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen lebten und arbeiteten unter diesen Bedingungen – teils in Häusern, die bereits bei Angriffen beschädigt worden seien. In Frontnähe behandelten die Teams von Ärzte ohne Grenzen zunehmend Menschen mit Unterkühlung.
„Längere Kälteeinwirkung wirkt sich besonders negativ auf Menschen mit chronischen Erkrankungen aus”, sagte dazu Ivan Afanasiev, Arzt bei Ärzte ohne Grenzen. Für sie sei es schwieriger, ihren Blutzucker und Blutdruck zu kontrollieren. „Menschen mit Behinderungen, die sich nicht bewegen können, um sich aufzuwärmen, sind besonders gefährdet, eine Unterkühlung zu erleiden“, betont Afanasiev.
„Nicht nur wohnungslose Menschen sind betroffen“, erklärte Roman Horenko, Anästhesist bei Ärzte ohne Grenzen. „Bei Strom- und Heizungsausfällen können sich die Menschen auch in ihren Wohnungen nicht mehr aufwärmen. Wir haben eine ältere Frau behandelt, die nach einem Schlaganfall mehrere Tage zu Hause lag. Sie wurde schließlich ins Krankenhaus nach Dnipropetrowsk gebracht und gegen Dehydrierung und Unterkühlung behandelt.“
Gleichzeitig ist das Ausmaß der Zerstörung an Wohngebäuden enorm. Auch weiter entfernt von der Front, von Winnyzja bis Kyjiw, leiden die Menschen unter den landesweiten Stromausfällen. Besonders in der Hauptstadt kommt es zu extremen Temperaturstürzen und langen Stromausfällen.
„Die vergangenen Wochen in Kyjiw fühlten sich mehr nach Überleben als nach Leben an“, sagte Anhelina Shchors, Kommunikationsmitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen. „Das Gefühl ständiger Kälte verfolgt uns. Draußen sind bis zu minus 20 Grad, und es gibt keine Möglichkeit, sich zu Hause aufzuwärmen. Es fühlt sich an, als würde der Frühling nie kommen.“
Deutschland hat angesichts der anhaltenden russischen Angriffe auf die Strom- und Wärmeinfrastruktur des Landes seine Hilfsmittel um weitere 15 Millionen Euro – auf insgesamt 85 Millionen Euro – erhöht. Das Geld komme zu den im Dezember bereitgestellten Mitteln von 70 Millionen Euro für die dezentrale Energie- und Wärmeversorgung hinzu, teilte das Entwicklungsministerium in Berlin mit.
Die in der Hauptstadt Kiew übergebenen beiden Blockheizkraftwerke seien die erste Lieferung aus diesem Paket. Weitere Blockheizkraftwerke, Generatoren, modulare Kesselanlagen, Pelletheizanlagen und Batteriesysteme sollten folgen.
Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) erklärte, Russland erschwere mit seinen Angriffen das Leben in der Ukraine und setze darauf, dass viele Menschen die Flucht ergreifen. „Wir setzen auf die Widerstandskraft des ukrainischen Volkes und stehen an seiner Seite.“
Mit den beiden Heizkraftwerken würden 86.000 Menschen, fünf Krankenhäuser, 25 Kindergärten, 13 Schulen und fast 200 Verwaltungsgebäude mit Strom und Wärme versorgt. Dies sei „Hilfe, die direkt ankommt und wirkt, wo sie am nötigsten gebraucht wird“.
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