US-Regierung veröffentlicht neue Ernährungsrichtlinie – und stößt auf geteiltes Echo

New York – Rotes Fleisch, Milchprodukte und Gemüse statt hochverarbeiteter Lebensmittel: Die US-Regierung hat gestern neue Ernährungsrichtlinien veröffentlicht. US-Fachgesellschaften und medizinische Vereinigungen reagieren jedoch skeptisch: Sie kritisieren insbesondere die Betonung tierischer Proteinquellen und vollfetter Milchprodukte sowie eine aus ihrer Sicht verkürzte Bewertung hochverarbeiteter Lebensmittel.
Die Empfehlungen würden die Essgewohnheiten in den USA „revolutionieren“ und „Amerika wieder gesund“ machen, erklärte Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. in Anlehnung an seinen Slogan „Make America Healthy Again“. Alle fünf Jahre veröffentlicht die US-Regierung neue Empfehlungen für die Ernährung, die nicht bindend sind, an denen sich allerdings beispielsweise Schulen und andere öffentliche Einrichtungen orientieren.
In der jüngsten Veröffentlichung wird die US-Bevölkerung dazu angehalten, möglichst wenig Zucker zu konsumieren. Für Kinder bis zum Alter von zehn Jahren wird dazu geraten, bei der Ernährung komplett auf Süßstoffe und zuckerhaltige Getränke zu verzichten. Auch der Verzehr von raffinierten Kohlenhydraten wie in Weißbrot oder Tortillas solle reduziert werden.
Stattdessen rät die neue Richtlinie zu mehr Protein: 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht sollte ein Mensch demnach zu sich nehmen. Frühere Empfehlungen gingen davon aus, dass etwa 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht für die meisten Menschen ausreichend seien.
Zudem wird zu drei Portionen an Milchprodukten geraten und diese in der Vollfettvariante, aber ohne Zuckerzusätze. Gekocht werden sollte darüber hinaus mit Olivenöl, Butter und Rindertalg.
Lob für weniger Zucker – Kritik an Fleisch und Milch
Erste Reaktionen auf die neuen Ernährungsrichtlinien sind gemischt: Während die Empfehlung für einen reduzierten Zuckerkonsum und mehr Obst und Gemüse begrüßt werden, regt sich insbesondere an den angeratenen Proteinquellen Kritik.
So urteilt etwa US-Mediziner Neal Barnard: „Die Leitlinien sind richtig, wenn sie cholesterinsteigernde gesättigte (‚schlechte’) Fette einschränken. Aber sie sollten klar sagen, woher diese Fette kommen: in erster Linie aus Milchprodukten und Fleisch. Und hier irren die Leitlinien, indem sie Fleisch und Milchprodukte fördern, die die Hauptursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Fettleibigkeit sind.“
Barnard ist Präsident des Physicians Committee for Responsible Medicine, einer US-Vereinigung von 17.000 Ärztinnen und Ärzten. Der Mediziner erklärt weiter: „Die Richtlinien gehen mit der Brechstange gegen verarbeitete Lebensmittel vor, aber pflanzliche und mit Vitaminen angereicherte verarbeitete Lebensmittel senken tatsächlich das Risiko für Geburtsfehler, Diabetes, Herzerkrankungen und Krebs.“
Insgesamt gingen mehrere Richtlinien in die richtige Richtung, andere sollten jedoch geändert werden, heißt es von der Organisation. Positiv werden hier die Begrenzung der Aufnahme gesättigter Fette, die Förderung pflanzlicher Lebensmittel wie Obst und Gemüse, die Begrenzung des Alkoholkonsums und die vereinfachte Formulierung der Ratschläge genannt.
Das Physicians Committee for Responsible Medicine fordert aber eine Warnung vor tierischem Eiweiß, das mit Herzerkrankungen und anderen chronischen Krankheiten in Verbindung gebracht werde. „Die erhöhte Proteinempfehlung der neuen Richtlinien ist unnötig und könnte schädlich sein, wenn sie dazu führt, dass mehr tierisches Eiweiß konsumiert wird“, heißt es dazu in einer Mitteilung. Laut Barnard werde in den USA bereits ausreichend Protein konsumiert: „Wenn die Richtlinien einen erhöhten Proteinkonsum fördern wollen, sollte dieses Eiweiß aus pflanzlichen Quellen stammen.“
Darüber hinaus sollte darauf hingewiesen werden, dass vegetarische und vegane Ernährung mit einem B12-Präparat alle notwendigen Nährstoffe liefere und dass pflanzliche verarbeitete Lebensmittel oft mit essenziellen Nährstoffen angereichert seien und eine gesündere Option als tierische Produkte darstellten.
Umstrittene Bewertung stark verarbeiteter Lebensmittel
Ebenso stellt sich die Organisation gegen den übermäßigen Verzehr von Milchprodukten und eine einseitige Verteufelung hochverarbeiteter Lebensmittel. „Die Richtlinien verurteilen zu Unrecht stark verarbeitete Lebensmittel und sprechen Fleisch und Milchprodukte frei“, fasst Barnard zusammen. „Sie hätten das Gegenteil tun sollen.“
Eine Kerbe, in die auch eine Mitteilung der American Heart Association schlägt, die von einer Gelegenheit spricht, über die wissenschaftlichen Grundlagen der Empfehlungen aufzuklären: „Beispielsweise befürchten wir, dass Empfehlungen zum Salzkonsum und zum Verzehr von rotem Fleisch dazu führen könnten, dass Verbraucherinnen und Verbraucher unbeabsichtigt die empfohlenen Grenzwerte für Natrium und gesättigte Fette überschreiten, die Hauptursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind.“
Während die Richtlinien vollfette Milchprodukte hervorhöben, empfehle die Heart Association den Verzehr von fettarmen und fettfreien Milchprodukten, die sich positiv auf die Herzgesundheit auswirken könnten.
Laut der Organisation seien Proteine zweifellos wesentlicher Bestandteil einer gesunden Ernährung – zu empfohlenen Mengen und Quellen bedürfe es aber weiterer Forschung: „Bis diese Untersuchungen vorliegen, empfehlen wir, pflanzliche Proteine, Meeresfrüchte und mageres Fleisch zu bevorzugen und fettreiche tierische Produkte wie rotes Fleisch, Butter, Schmalz und Talg, die mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden sind, zu begrenzen.“
Gesundheitspolitik unter politischem Vorzeichen
US-Gesundheitsminister Kennedy will unter anderem das in der US-Bevölkerung weitverbreitete Übergewicht bekämpfen. Der Politiker sprach wiederholt von einem „Gesundheitsnotstand“ im Land: Chronische Krankheiten sollen seinem Ministerium zufolge durch die Fokussierung auf „sicheres, gesundes Essen, sauberes Wasser und die Beseitigung von Giften in der Umwelt eingedämmt werden.
Früher war Kennedy ein angesehener Anwalt für Umweltrecht, bevor er zunehmend mit Verschwörungserzählungen für Aufmerksamkeit sorgte. In der Vergangenheit vertrat er zudem wiederholt die widerlegte Theorie, Impfungen in der Kindheit führten zu Autismus. Im April gab er eine entsprechende Untersuchung dazu in Auftrag.
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