Viele Alkoholabhängige ohne Suchtbehandlung

Berlin/Hamburg – Auch nach einer diagnostizierten Alkoholerkrankung nimmt ein großer Teil der Betroffenen keine spezifische Behandlung in Anspruch. Das zeigt der Ergebnisbericht des vom Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss geförderten Projekts „PRAGMA“ unter Leitung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Die Ergebnisse werden zur Information an verschiedene Fachgesellschaften und Institutionen weitergeleitet.
Die Arbeitsgruppe analysierte für das Projekt Daten von 9.491 Personen. Die Forschenden führten dabei Routinedaten mehrerer Sozialversicherungsträger mit Basis- und Verlaufsdaten aus Einrichtungen der ambulanten Suchthilfe zusammen.
Sie konnten so die Versorgungsverläufe bis zu sechs Jahre lang verfolgen. Ergänzend führten sie qualitative Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften. Die Ergebnisse wurden mit Fachleuten diskutiert und priorisiert.
Es zeigte sich: Innerhalb von 24 Monaten nach der Diagnose nahmen lediglich 30 Prozent der Betroffenen mindestens eine alkoholbezogene Behandlungsform in Anspruch. Von denjenigen, die Leistungen nutzten, hatten 95,6 Prozent lediglich ein bis fünf Kontakte. Auch längerfristig blieb die Versorgung vielfach punktuell: Kombinationen verschiedener Behandlungsformen waren selten.
Behandlungserfahrung beeinflusst weitere Versorgung
Frühere Behandlungserfahrungen erwiesen sich als starke Prädiktoren für eine erneute Inanspruchnahme. In einer Stichprobe von 13.685 Patienten nahmen 2019 insgesamt zwölf Prozent mindestens eine alkoholspezifische Suchtbehandlung in Anspruch.
Eine Zunahme vorausgegangener qualifizierter Entzugsbehandlungen erhöhte die Wahrscheinlichkeit für eine spätere Behandlung (Odds Ratio OR 6,1; 95-%-Konfidenzintervall: [5,0; 7,4]). Auch frühere stationäre alkoholbezogene Behandlungen (OR 3,2 [2,5; 4,0]) und psychiatrische Kurzkontakte (OR 5,3 [4,9; 5,7]) waren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einer erneuten Inanspruchnahme assoziiert.
Die Arbeitsgruppe untersuchte auch, wie sich unterschiedliche Versorgungswege auf spätere Krankenhausaufenthalte auswirkten. Patienten, die nach einer qualifizierten Entzugsbehandlung eine Rehabilitation erhielten, hatten signifikant höhere Wahrscheinlichkeiten, während der zwölfmonatigen Nachbeobachtung nicht erneut hospitalisiert zu werden, als Personen mit qualifizierter Entzugsbehandlung ohne anschließende Rehabilitation (OR 1,84 [1,15; 2,95]).
Modellierungen im Bericht zeigen zudem, welches Potenzial eine häufigere Rehabilitation haben könnte: In einem entsprechenden Modellszenario blieben 45,8 Prozent der behandelten Patientinnen und Patienten während der Nachbeobachtung ohne erneute stationäre Behandlung.
Das Forschungsteam hat die Routinedaten-Auswertung durch Interviews mit 81 Personen ergänzt, darunter 34 Betroffene sowie Angehörige und Fachkräfte. Die qualitativen Ergebnisse benennen unter anderem Scham und Stigmatisierung, Angst vor negativen Konsequenzen, fehlende Kenntnis über Hilfsangebote, familiäre Verpflichtungen, negative Behandlungserfahrungen und Schwierigkeiten bei der Orientierung im Hilfesystem als Hindernisse.
Aus den quantitativen und qualitativen Ergebnissen hat das Forschungsteam wichtige Handlungsfelder abgeleitet: Die Expertinnen- und Expertengruppen stuften einen frühzeitigen Zugang zu Hilfsangeboten, die Berücksichtigung psychiatrischer Komorbiditäten, eine stärkere allgemeine Inanspruchnahme von Hilfen und eine bessere Vernetzung innerhalb des Suchthilfesystems als besonders wichtig ein.
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