Vermischtes

WHO: Hantavirus wohl von Mensch zu Mensch übertragen

  • Dienstag, 5. Mai 2026
Maria van Kerkhove /picture alliance, Keystone, Salvatore Di Nolfi
Maria van Kerkhove /picture alliance, Keystone, Salvatore Di Nolfi

Kap Verde/Genf – Bei den Hantavirus-Fällen auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von einer möglichen Mensch-zu-Mensch-Übertragung aus. Das sagte WHO-Expertin Maria Van Kerkhove bei einer Pressekonferenz in Genf.

Das Hantavirus wird üblicherweise durch Ausscheidungen von Nagetieren übertragen. Doch bei dem Anden-Typ des Virus, der in diesem Fall vermutet wird, seien auch Infektionen zwischen Menschen bei engem Kontakt möglich, erklärte die Epidemiologin.

Insgesamt gibt es bislang zwei durch Labortests bestätigte und fünf mutmaßliche Hantavirus-Fälle – eine epidemiologische Untersuchung durch die WHO läuft.

Drei Passagiere sind gestorben: Ein deutscher Staatsangehöriger starb laut dem Schiffsbetreiber Oceanwide Expeditions am Sonntag. Zuvor war bereits im April ein niederländisches Ehepaar verstorben – der Mann an Bord und die Frau auf ihrer Heimreise. Ein weiterer Patient wird intensivmedizinisch in Südafrika behandelt.

Die drei übrigen Erkrankten sollen nach Angaben des niederländischen Außenministeriums von Bord der „MV Hondius“ geholt und in die Niederlande ausgeflogen werden. Zu ihnen gehöre ein Niederländer. Dies solle „so schnell wie möglich geschehen“, teilte das Ministerium mit.

Untersuchung der Infektionskette

Das kleine Kreuzfahrtschiff war von Argentinien aus in Richtung Kap Verde unterwegs und liegt derzeit vor der Küste. Die WHO und nationale Behörden untersuchen die Infektionskette und prüfen sowohl eine mögliche Übertragung an Bord als auch eine Einschleppung einzelner Fälle aus Südamerika oder anderen Reiseabschnitten. Laut spanischem Gesundheitsministerium untersucht das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) das Schiff eingehend, um festzustellen, welche Personen dringend von Kap Verde aus evakuiert werden müssten, so das Ministerium weiter. Die übrigen Passagiere werden mit dem Kreuzfahrtschiff demnach zu den Kanarischen Inseln fahren, wo sie voraussichtlich innerhalb von drei bis vier Tagen eintreffen werden.

Die WHO habe erklärt, dass Kap Verde - ein kleiner Inselstaat vor Westafrika - diesen Einsatz nicht selbst durchführen könne, betonte das spanische Ministerium. Die Kanarischen Inseln seien deshalb der nächstgelegene Ort mit den notwendigen Kapazitäten. Spanien habe eine moralische und rechtliche Verpflichtung, diesen Menschen zu helfen; darunter seien auch mehrere spanische Staatsbürger.

Deshalb habe die Regierung in Madrid auch zugestimmt, dass der Arzt der „Hondius“, der sich in kritischem Zustand befinde, noch in den kommenden Stunden mit einem Lazarettflugzeug auf die Kanarischen Inseln geflogen werde, so das Gesundheitsministerium. Der genaue Hafen auf den Kanaren vor der Westküste Nordafrikas, den das Kreuzfahrtschiff anlaufen werde, stehe indes noch nicht fest. Dort angekommen, sollen Besatzung und Passagiere untersucht, gegebenenfalls medizinisch versorgt und in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgebracht werden, wie es in der Mitteilung des Ministeriums weiter hieß.

Ansteckung womöglich an Land

Die WHO vermutet, dass die Infektionskette von dem mittlerweile verstorbenen niederländischen Ehepaar ausging, das sich vor der Einschiffung in Argentinien noch an Land angesteckt haben könnte. Van Kerkhove wies darauf hin, dass viele Passagiere der Expeditions-Kreuzfahrt Wildtier-Beobachtungen und ähnliche Aktivitäten unternommen haben.

Die weitere Übertragung könnte dann an Bord zwischen Personen passiert sein, etwa in Kabinen, sagte Van Kerkhove. Sie schloss nicht aus, dass die Infektionen auch von Nagetieren auf afrikanischen Inseln stammen könnten, die im Zuge der Kreuzfahrt angefahren wurden. Laut Schiffsbetreiber seien keine Ratten an Bord, so die WHO-Expertin.

Epidemiologische Einordnung und mögliche Infektionswege

Aktuell ist noch unklar, ob tatsächlich alle drei Todesfälle durch das Hantavirus verursacht wurden und wo sich die laborbestätigt Infizierten angesteckt haben. Fachleute halten das Geschehen für ungewöhnlich und die endgültige Einordnung der Infektionswege für offen.

Oberstabsarzt Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr (IMB), erklärte: „Die bislang öffentlich zugänglichen epidemiologischen Daten sprechen dafür, dass zumindest die ersten Fälle ihre Infektion sehr wahrscheinlich nicht an Bord des Schiffes, sondern bereits vor Reiseantritt oder im Rahmen früher Reiseabschnitte erworben haben könnten.“

Als möglicher Erreger wird insbesondere das in Südamerika vorkommende Andesvirus diskutiert, für das eine – seltene – Mensch-zu-Mensch-Übertragung beschrieben ist. „Vor diesem Hintergrund wäre das in Südamerika verbreitete Andesvirus ein naheliegender Kandidat. Allerdings lässt sich dies erst nach abgeschlossener Sequenzierung belastbar bestätigen“, so Wölfel.

„Hantaviren werden normalerweise durch infizierte Nagetiere übertragen“, führte Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), an. Die Infektion des Menschen erfolge typischerweise durch Einatmen von erregerhaltigem Staub, der mit Urin, Kot oder Speichel infizierter Nagetiere kontaminiert ist, oder durch direkten Kontakt mit solchen Ausscheidungen.

Entsprechend ungewöhnlich sei die aktuelle Situation: „Das ist ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das man in dieser Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht erwarten würde.“ Zur weiteren Abklärung würden die virologische Bestätigung und Sequenzierung entscheidend sein.

Inkubationszeit kann verzögerte Fallzahlen erklären

Nach Angaben des ECDC beträgt die Inkubationszeit von Hantavirus-Infektionen typischerweise zwei bis drei Wochen, in Einzelfällen bis zu sechs Wochen. Dadurch können weitere Erkrankungsfälle zeitverzögert auftreten, auch nachdem eine Exposition bereits zurückliegt. Die Erkrankung beginnt häufig unspezifisch mit Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, bevor es je nach Verlaufsform zu schweren pulmonalen oder renalen Komplikationen kommt.

Mit Blick auf die aktuellen Krankheitsverläufe merkte Wölfel an: „Bemerkenswert ist zudem die klinische Ausprägung der Fälle mit teils rascher Progression zu schwerer respiratorischer Insuffizienz bis hin zum akuten Lungenversagen, was gut zum Bild eines Hantavirus-induzierten kardiopulmonalen Syndroms (HPS/HCPS) passt, wie es insbesondere für Hantavirus-Spezies in Nord- und Südamerika beschrieben ist.“ Die Letalität könne dabei, je nach Region und Virusspezies, bis zu 50 Prozent erreichen.

Am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr würden Hantavirus-Infektionen seit vielen Jahren untersucht, allerdings mit Fokus auf europäische Spezies, so Wölfel: „Diese unterscheiden sich klinisch deutlich von den hier diskutierten Verläufen. In Europa stehen typischerweise renale Manifestationen im Vordergrund (hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom), während schwere pulmonale Verläufe, wie sie hier beschrieben werden, nicht charakteristisch sind.“

Jonas Schmidt-Chanasit ergänzte: „Eine spezifische Standardtherapie gegen das Virus gibt es nicht. Die Behandlung ist vor allem supportive Medizin: engmaschige Überwachung, Sauerstoffgabe, intensivmedizinische Versorgung bei respiratorischer Insuffizienz oder Schock und gegebenenfalls invasive Beatmung oder ECMO in schweren Fällen.“ Gerade bei Verdacht auf „Hantavirus Cardiopulmonary Syndrome“ (HCPS) sei eine frühe intensivmedizinische Anbindung entscheidend.

Falls das Andesvirus bestätigt oder hochgradig wahrscheinlich sei, sollten Erkrankte isoliert und enge Kontaktpersonen aktiv überwacht werden, und medizinisches Personal sollte mit entsprechender persönlicher Schutzausrüstung arbeiten, so Schmidt Chanasit weiter.

WHO sieht kein Risiko für breite Öffentlichkeit

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der vorliegende Fall epidemiologisch und virologisch weiterhin ungewöhnlich ist und eine abschließende Bewertung erst nach Vorliegen detaillierter molekularer Daten möglich sein wird“, fasste Roman Wölfel zusammen. Die laufenden internationalen Untersuchungen unter Einbindung der WHO ließen jedoch erwarten, dass hierzu zeitnah belastbarere Erkenntnisse vorliegen werden.

Für die breite Öffentlichkeit schätzt die WHO das Risiko derweil als gering ein, Reisebeschränkungen werden nicht empfohlen.

all/dpa/afp

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