Vermischtes

WHO-Spitze wird neu besetzt: Bisher sechs Kandidaten im Rennen

  • Montag, 28. September 2026
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus /picture alliance, KEYSTONE, MARTIAL TREZZINI
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus /picture alliance, KEYSTONE, MARTIAL TREZZINI
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Genf – Für die Spitze der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird eine Nachfolge gesucht: Die zweite und letzte Amtszeit von Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus endet im kommenden Jahr.

Bis zum Ende der Nominierungsfrist vor wenigen Tagen hat die WHO die Namen von insgesamt sechs möglichen Kandidatinnen und Kandidaten publik gemacht: darunter auch Vertreter aus Europa, jedoch niemand aus Deutschland. Offiziell bekannt geben will die UN-Sonderorganisation sämtliche Kandidaturen erst in einigen Wochen.

Die Liste der voraussichtlichen Kandidaten umfasst drei Frauen und drei Männer. Aus Europa sind vertreten: die spanische Ärztin María Neira, die über viele Jahre Direktorin der WHO-Abteilung für Umwelt, Klimawandel und Gesundheit war, und der belgische Arzt Henri Kluge, bisher WHO-Regionaldirektor für Europa. Beide wurden jeweils von ihren Herkunftsländern vorgeschlagen.

Daneben sind aufgeführt:

  • Die ehemalige Public-Health-Ministerin aus Katar Hanan Mohammed Al-Kuwar,

  • Die Ärztin und bisherige WHO-Regionaldirektorin für den östlichen Mittelmeerraum (EMRO) Hanan Balkhy, vorgeschlagen von Saudi-Arabien,

  • Der indonesische Gesundheitsminister Budi Gunadi Sadikin; er ist der Einzige auf der Liste ohne medizinischen Hintergrund. Der Physiker war lange im Finanzwesen tätig.

  • Der Kinderonkologe Gevorg Tamamyan, vorgeschlagen von Botswana.

Sowohl Kluge als auch Balkhy sind wegen ihrer Kandidatur von ihren Positionen als WHO-Regionaldirektoren beurlaubt und haben sich etwa in sozialen Medien schon seit einiger Zeit dafür in Stellung gebracht.

Es war auch über deutsche Kandidaten spekuliert worden

Hierzulande hatte es im Frühjahr Spekulationen über mögliche deutsche Kandidaten für die WHO-Spitze gegeben, es fielen diverse Namen: darunter der des früheren Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD) und des einstigen Kanzleramtschefs Helge Braun.

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) ließ eine Anfrage zu etwaigen deutschen Nominierungen unbeantwortet und hatte kürzlich lediglich erklärt, dass man sich nicht zu „Personaldiskussionen“ äußere.

Aus Sicht des Wissenschaftlers Pedro Villarreal von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin hätten weitere europäische Vorschläge neben Kluge und Neira aber womöglich geringe Erfolgsaussichten, und man würde sich innerhalb Europas direkte Konkurrenz machen. Stimmen dürften sich auf die unterschiedlichen europäischen Kandidaten verteilen.

Bei der Wahl im kommenden Frühjahr könnte die Herkunftsregion des Kandidaten oder der Kandidatin eine wesentliche Rolle spielen, geografische Repräsentation gilt als wichtig. Nachdem zuletzt Afrika, Asien und Europa an der Spitze der WHO berücksichtigt waren, gibt es nun Stimmen, die die WHO-EMRO-Region am Zug sehen. Diese umfasst 21 Mitgliedstaaten und die besetzten palästinensischen Gebiete.

Chancen auf den Posten räumt Andreas Wulf, Referent Globale Gesundheit/kritische Nothilfe bei der Hilfsorganisation Medico International, vor allem der Kandidatin Balkhy ein. „Sie hat ein gutes Standing, viel WHO-Erfahrung und als Ärztin auch den nötigen medizinischen Hintergrund“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt. Die katarische Kandidatin Al-Kuwar sei im Vergleich zu ihr weniger bekannt.

„Ich fände es zudem super, wenn eine Frau zum Zuge käme“, sagte Wulf. Wenn eine Kandidatin aus der EMRO-Region gewinnen sollte, wäre dies nach seinen Worten auch ein Zeichen, dass die WHO die großen Konflikte dort im Blick hat.

Wie das weitere Verfahren abläuft

Der WHO-Exekutivrat wird nach Angaben der Organisation eine engere Auswahl treffen, bevor die neue WHO-Chefin oder der neue WHO-Chef schließlich bei der Weltgesundheitsversammlung im Mai 2027 in geheimer Abstimmung gewählt wird. Im August 2027 wird der Wahlsieger das Amt von Tedros schließlich übernehmen.

Tedros war 2017 der erste Generaldirektor, der von den WHO-Mitgliedstaaten aus einer Reihe von Kandidaten gewählt wurde. Bei früheren Wahlen sollte bei Weltgesundheitsversammlungen lediglich ein einziger Kandidat bestätigt werden, der vorab vom WHO-Exekutivrat ausgewählt worden war. Tedros geht auch als der erste afrikanische WHO-Chef in die Geschichtsbücher ein.

WHO aus der Krisenzeit herausführen

Im Laufe der Amtszeit habe der WHO-Chef eine steile Lernkurve hingelegt, sagte Wulf von Medico International. Große Aufgaben in der jüngeren Vergangenheit waren WHO-intern die Reform der Organisation sowie der Umgang mit drastischen Budgetkürzungen infolge des Austritts der USA. Diese waren vorher der größte Geldgeber.

„Der Posten des WHO-Chefs ist vor dem Hintergrund im Moment kein so attraktiver Job“, meint Wulf. Veränderungen bei der Organisation zu gestalten, sei wegen der oft zähen Prozesse schwierig. „Tedros hat versucht, Entscheidungswege schneller zu machen und die WHO zu verschlanken.“

Die Situation der WHO könnte womöglich auch dazu führen, dass bei der anstehenden Wahl andere Kriterien als etwa der medizinische Hintergrund oder die Herkunftsregion maßgeblich sind, wie das US-Portal Stat berichtet. Demnach findet etwa der indonesische Kandidat Budi Gunadi Sadikin wegen seiner Erfahrungen im Finanzwesen einige Zustimmung.

„Die schwierigste Zeit für die WHO ist anscheinend vorbei. Tedros war da in einer fast unmöglichen Situation“, so SWP-Forscher Villarreal. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin habe durchaus Gestaltungsspielräume.

Hinter der angekündigten Erhöhung der Pflichtbeiträge der Mitgliedsstaaten – einer der beiden Finanzierungspfeiler neben freiwilligen Beiträgen – sieht Villarreal aber noch Fragezeichen. In vielen Ländern haben sich nach Ende der COVID-19-Pandemie die Prioritäten wieder verschoben.

Tedros erwartet keine weiteren Kürzungen

Tedros selbst hatte die Lage kürzlich als stabilisiert beschrieben. Es sei keine zweite Kürzungswelle zu erwarten, die WHO befinde sich entgegen anderslautender Berichte auch nicht in der Krise. In Zukunft müsse es darum gehen, dass die Beiträge der Mitgliedsländer weiter steigen und die WHO effizienter an ihren Kernmandaten arbeite. Wichtig seien die Unabhängigkeit und Neutralität der Organisation.

Kluge schreibt in einer Erklärung zu seiner Bewerbung, dass sich viele Dinge ändern müssten: Die WHO sei oft überlastet, zu breit aufgestellt und übermäßig bürokratisch. Er kritisierte zunehmende Ineffizienzen, zerstückelte Finanzierung und die komplexe Führungsstruktur. Auch wolle er daran arbeiten, dass Gesundheit die Priorität vor politischen Themen hat.

Drohendes Scheitern von Verhandlungen zum Pandemieabkommen

Der WHO-Chef betonte darüber hinaus seinen Wunsch, dass die Mitgliedsstaaten bis zum Ende seiner Amtszeit die andauernden Verhandlungen zum Anhang des Internationalen Pandemieabkommens abschließen – ohne diesen kann es nicht in Kraft treten. Rund um das sogenannte PABS-System (Pathogen Access and Benefit Sharing) sind allerdings noch viele Fragen offen – und das Scheitern der Verhandlungen scheint inzwischen möglich.

Villarreal sieht die Verhandlungen in einer Sackgasse angekommen, man müsse Kompromisse zu wirklich komplexen Fragen finden, sagte er. Unter anderem geht es beim PABS-System um Regelungen dazu, wie Genomsequenzen zugänglich gemacht werden, die etwa für die Impfstoffentwicklung gebraucht werden – und wie medizinische Güter wie Vakzine später gerecht verteilt werden. Dies wirft auch Fragen zum Umgang mit Patenten auf.

Hintergrund des Vorhabens ist der schlechtere Zugang zu Impfstoffen und anderen Produkten, den Länder des globalen Südens in der COVID-19-Pandemie hatten. Mehrere reiche Länder, die auch starke Pharmastandorte sind, zeigen sich Villarreal zufolge in den Verhandlungen bisher nicht kompromissbereit.

Deutschland zählt er ausdrücklich nicht zu diesem Kreis der harten Gegner, die Position der deutschen Delegation sei für bestimmte afrikanische Länder aber auch oft nicht akzeptabel. Dem Forscher zufolge könnte es sein, dass die Verhandlungen im kommenden halben Jahr scheitern, die Delegationen sowie die neue WHO-Führung sich dann aber zu einer Fortführung entscheiden.

Auch Wulf unterstreicht: „Manche Länder sagen: besser kein Ergebnis als ein schlechtes.“ Trotz der bestehenden Schwierigkeiten brauche es die WHO nach wie vor, sagte Wulf. Dass es nach den Austritten der USA und Argentiniens nicht zu einem Dominoeffekt gekommen sei, zeige, dass die Wichtigkeit der Organisation nach wie vor in den Ländern gesehen werde.

ggr

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