„Wichtig ist die Beurteilung des Nutzens digitaler Systeme durch den Arzt“
Berlin – Die Coronapandemie hat dem Ausbau digitaler Prozesse in vielen deutschen Krankenhäusern einen Schub gegeben. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt der Geschäftsführer des Bundesverbands Gesundheits-IT (bvitg), Sebastian Zilch, in welchen Bereichen die Digitalisierung besonders wichtig ist und wie Ärzte und Pflegekräfte dazu beitragen können, die IT in ihrem Haus zu bewerten.

Fünf Fragen an Sebastian Zilch, bvitg-Geschäftsführer
DÄ: Aus welchen Teilbereichen setzt sich die Digitalisierung im Krankenhaus zusammen?
Sebastian Zilch: In einem Krankenhaus gibt es eine Vielzahl an möglichen Ansatzpunkten für Digitalisierung – von der Patientenversorgung bis hin zu Kodierung und Abrechnung.
Welche Bereiche mehr oder weniger relevant sind, hängt vom Versorgungsauftrag des konkreten Hauses beziehungsweise den Gegebenheiten vor Ort ab. Aus unserer Sicht besonders zentral sind die patientennahen Prozesse, also Aufnahme, Diagnostik, Therapie und Entlassung beziehungsweise Überleitung sowie Nachsorge.
DÄ: Wie sind die deutschen Krankenhäuser im Bereich der Digitalisierung aufgestellt?
Zilch: Das hängt vom einzelnen Krankenhaus ab. Hier gibt es große Unterschiede zwischen den Einrichtungen und je nach individuellem Bedarf auch verschiedene Digitalisierungsansätze.
Grundsätzlich lässt sich aber feststellen, dass die deutschen Krankenhäuser mit Blick auf die Digitalisierung gegenüber anderen Ländern einigen Nachholbedarf haben. Allerdings ist es schwer, sich ein fundiertes Bild des Status Quo zu machen. Grund dafür ist, dass es noch immer keine flächendeckende, einheitliche, strukturierte Analyse des digitalen Reifegrades der deutschen Kliniken gibt.
DÄ: Wie kann man das ändern?
Zilch: Dies zu ändern, ist ein zentrales Anliegen des bvitg, denn wir sehen das als Grundvoraussetzung für zielgerichtete Maßnahmen beziehungsweise Investitionsentscheidungen. Vor diesem Hintergrund setzen wir uns für eine bundesweite Messung des digitalen Reifegrades auf Prozessebene ein.
Wichtig dabei ist nicht die bloße Betrachtung der technischen Ausstattung, sondern die Beurteilung des Nutzens von digitalen Systemen aus der Anwenderperspektive, also aus der Sicht von Ärzten und Pflegekräften.
DÄ: Wie ist denn die Sicht der Anwender?
Zilch: Um das herauszufinden, haben wir vor knapp zwei Jahren gemeinsam mit dem Marburger Bund das Projekt „Check IT“ gestartet. „Check IT“ ist ein auf einer Online-Checkliste basierendes Selbstanalysetool, das es Kliniken ermöglicht, den Grad der IT-Unterstützung der Prozesse im eigenen Haus aus Anwendersicht zu beurteilen.
Eine erste Zwischenauswertung hat den intuitiven Eindruck bestätigt, dass die Digitalisierung im deutschen Krankenhauswesen vielerorts noch in den Kinderschuhen steckt.
DÄ: Inwiefern kann eine Investition in die Digitalisierung Krankenhäusern dabei helfen, Geld zu sparen?
Zilch: Das kann nur mit Blick auf das einzelne Krankenhaus beantwortet werden. Grundsätzlich kann die IT dazu beitragen, Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen. Ein prägnantes Beispiel ist der sichere und strukturierte Datenaustausch zwischen Einrichtungen.
Aktuell bringen Patientinnen und Patienten häufig einen Berg an Papierdokumenten mit in die Klinik, die durch das Personal aufwendig gesichtet und geordnet werden müssen. Hierbei können wichtige Informationen übersehen oder handschriftliche Notizen aufgrund von Unleserlichkeit falsch interpretiert werden. Diese Situation kann Digitalisierung maßgeblich verbessern helfen.
Kosten können auch durch eine Reduzierung der Wiedereinweisungen gemindert werden, etwa durch eine Überwachung per Telemedizin. Speziell beim Thema Telemedizin ist auch eine bessere Behandlung möglich, da damit auch die Meinung weiterer Experten eingeholt werden kann.
Zusammenfassend kann also durch Digitalisierung das Personal an vielen Stellen entlastet werden, das sich dadurch verstärkt der Patientenversorgung widmen kann. Außerdem können die Abrechnung durch IT optimiert und Erlöspotenziale maximal ausgeschöpft werden.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: