Zahl der Krankenhauseinweisungen seit Cannabislegalisierung moderat gestiegen

Berlin – Seit der Teillegalisierung von Cannabis als Freizeitdroge ist die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen cannabisbedingter Vergiftungen und Psychosen unter Erwachsenen moderat und anhaltend gestiegen. Unter Jugendlichen hingegen kam es nur zu einer vorübergehenden Zunahme.
Zu diesem Ergebnis gelangt eine Studie (DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0123) des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS), die in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts veröffentlicht wurde.
Die Autoren hatten in einer deutschlandweiten Zeitreihenanalyse aller Krankenhausaufnahmen, die vom Erstattungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zwischen Januar 2022 und September 2025 erfasst wurden, die Rate von cannabisspezifischen ICD-10-Hauptdiagnosen (F12.0 bis F12.9, T40.7), Intoxikation oder Vergiftung (F12.0, T40.7) sowie durch Cannabis ausgelösten Psychosen (F12.5) ausgewertet. Mehrfachaufnahmen derselben Person ließen sich dabei nicht identifizieren.
Für den primären Endpunkt der Studie, die Rate der cannabisspezifischen Diagnosen, wurden 77.232 Krankenhausaufnahmen in die Analyse eingeschlossen. Beim Vergleich der Daten aus den zwölf Monaten vor und nach der Teillegalisierung im April 2024 zeigte sich eine Zunahme der wöchentlichen Rate dieser Diagnosen. Pro 1.000 Aufnahmen stieg sie von 1,12 auf 1,27 bei Erwachsenen und von 1,07 auf 1,22 bei Jugendlichen.
Bei den sekundären Endpunkten, also Intoxikation und Psychosen, stiegen die wöchentlichen Raten von 0,08 auf 0,11 beziehungsweise von 0,32 auf 0,40.
Unter Erwachsenen könne dieser Niveausprung als unmittelbarer Anstieg in einer Höhe von 5,6 Prozent nach der Teillegalisierung interpretiert werden. Das entspreche schätzungsweise 1.359 zusätzlichen Krankenhausaufnahmen innerhalb eines Jahres, schreiben die Autoren um Suchtforscher Jakob Manthey, der mit dem Projekt Ekocan auch die vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) 2024 in Auftrag gegebene Evaluation des Konsumcannabisgesetzes leitet.
Stärkerer Anstieg bei Jugendlichen
Bei Jugendlichen war demnach zwar ein stärkerer unmittelbarer Anstieg zu verzeichnen, der 14,9 Prozent betrug. Allerdings habe ein gradueller wöchentlicher Rückgang von 0,4 Prozent diesen anfänglichen Anstieg abgemildert. Das habe innerhalb von 35 Wochen nach der Teillegalisierung zu einen Netto-Nulleffekt geführt. Demnach kam es innerhalb von 12 Monaten zu schätzungsweise 91 zusätzlichen Krankenhausaufenthalten von Jugendlichen.
Besonders stark war der Anstieg hingegen bei der Rate von Erwachsenen, die wegen einer akuten Intoxikation eingeliefert wurden. Sie stieg um 37,1 Prozent an. Bei cannabisinduzierten Psychosen waren es 16,4 Prozent. Allerdings seien nach dem anfänglichen Anstieg keine statistisch signifikanten graduellen Veränderungen mehr beobachtet worden, hieß es.
Dementsprechend habe es im Jahr nach der Teillegalisierung schätzungsweise 392 zusätzliche Krankenhausaufnahmen wegen Cannabisvergiftungen sowie 980 zusätzliche wegen Cannabis-induzierter Psychosen gegeben. Das seien 29,4 beziehungsweise 17,5 Prozent mehr als in einem Szenario ohne die Gesetzesänderung.
Keine Veränderung der Steigerung nach der Teillegalisierung habe hingegen eine zusätzliche Analyse der Diagnosen einer Cannabisabhängigkeit (ICD10: F12.2) ergeben.
In einem weiteren Schritt hatten die Autoren untersucht, ob signifikante Veränderungen bei Alkoholkonsumstörungen, Angststörungen, Depressionen oder Schizophrenie Auswirkungen auf die Veränderung der primären Endpunkte hatte. Das war nicht der Fall.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Cannabis-Gesetzesänderung in Deutschland einen moderaten unmittelbaren Effekt auf die Zahl der cannabisspezifischen Krankenhausaufnahmen bei Erwachsenen hatte, der hauptsächlich auf akute Probleme zurückzuführen ist“, heißt es in der Studie. „Bei Jugendlichen scheint der Anstieg der Krankenhausaufnahmen auf den Sommer und Herbst 2024 beschränkt zu sein.“
Als einen möglichen Erklärungsansatz sehen die Autoren die öffentliche Debatte nach der Teillegalisierung. So könne es sein, dass sich nach der Freigabe mehr Menschen dazu entschlossen haben, Cannabis zu probieren.
Zwar fänden sich in bisherigen Untersuchungen kaum Hinweise darauf, dass die Teillegalisierung eine Auswirkung auf die Konsumprävalenz hat. „Um unsere Ergebnisse zu erklären, müssten Umfragen jedoch auch geringfügige Schwankungen in der Zahl der Cannabiskonsumierenden erfassen, was möglicherweise nicht der Fall ist.“
Mehr Komplikationen durch Medizinalcannabis
Als weiteren Erklärungsansatz sehen die Autoren den Umstieg vieler Konsumenten auf Medizinalcannabis. Seit der Teillegalisierung florieren Online-Anbieter, die nach telemedizinischer Ausstellung einer Verordnung den Bezug von Medizinalcannabis auf Selbstzahlerbasis ermöglichen.
Allein im zweiten Halbjahr 2025 war die Menge des nach Deutschland importierten Medizinalcannabis mutmaßlich deshalb von rund 19 auf rund 80 Tonnen gestiegen – während die Zahl der GKV-Verordnungen nur um neun Prozent zugenommen hatte.
Die Bundesregierung versucht, dem einen Riegel vorzuschieben. Der dahingehende Gesetzentwurf befindet sich aber seit Ende vergangenen Jahres im parlamentarischen Verfahren – die Regierungskoalition zeigte sich bisher über wesentliche Inhalte uneinig.
Bereits in der zweiten Zwischenauswertung des Ekocan-Projektes hatten Manthey und seine Kollegen darauf hingewiesen, dass medizinisches Cannabis meist mit einem zu hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) verordnet werde und empfahlen deshalb Beschränkungen der Wirkstoffstärke bei ärztlichen Cannabisverordnungen.
So liege die durchschnittliche THC-Konzentration in Cannabisblüten aus illegalen Quellen bei 15 Prozent, bei medizinischen Cannabisbluten hingegen bei 24 Prozent. Medizinalcannabis mit weniger als 15 Prozent THC werde dabei kaum angeboten.
Der erhöhte THC-Gehalt gehe wiederum nachweislich mit einer erhöhten Gefahr für psychische Probleme einher. Selbst für erfahrene Konsumentinnen und Konsumenten könne dies ein Risiko darstellen.
„Angesichts eines wachsenden Marktes für Medizinalcannabis und eines beträchtlichen Anteils von Menschen, die angeben, Cannabis aus Apotheken zu beziehen, erscheint es plausibel, dass der kommerzialisierte Markt für Medizinalcannabis zu dem beobachteten Anstieg der cannabisspezifischen Krankenhausaufnahmen beigetragen hat“, heißt es nun in der Studie.
Da der einfache Zugang zu Medizinalcannabis nicht auf Erwachsene beschränkt sei, sei denkbar, dass dieser Zusammenhang auch für Jugendliche gelte. Das würde aber nicht erklären, warum bei Erwachsenen ein anhaltender, bei Jugendlichen hingegen nur ein vorübergehender Anstieg beobachtet worden sei.
Zahlen könnten höher sein als vermutet
Die Befunde ließen aufhorchen, kommentierte Alkomiet Hasan, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Augsburg, die Ergebnisse. „Das wichtigste Ergebnis ist, dass ein Signal bereits nach zwei Jahren zu erkennen ist.“
Noch seien die Zeiträume der Beobachtung zwar zu kurz, um schwere Komplikationen wie den Übergang in eine Schizophrenie zu beurteilen, doch selbst ein moderater Anstieg habe immense gesellschaftliche Konsequenzen. Hasan war an der Studie nicht beteiligt.
Ursula Havemann-Reinecke, Professorin für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin an der Universitätsmedizin Göttingen und ebenfalls nicht an der Studie beteiligt, verwies demgegenüber auf Limitationen der Datenbasis.
So sei gut denkbar, dass die Cannabisintoxikationen besonders bei Kindern und Jugendlichen in anderen Disziplinen wie den Kinderkliniken aufgenommen worden seien. Erwachsenen mit eher somatischen Beschwerden wie schwerem Erbrechen könnten gegebenenfalls internistisch behandelt worden sein.
„Daher kann es bezogen auf die Cannabisintoxikationen zu Unterschätzungen gekommen sein, insbesondere bei den Kindern und Jugendlichen“, erklärte sie dem Science Media Center (SMC).
Sowohl Reinecke als auch Hasan unterstützen den Erklärungsansatz, dass insbesondere der verbreitete Konsum von hochpotentem Medizinalcannabis einen großen Teil der akuten Probleme erklären könnte. Diese These müsse jedoch mit weiteren Studien untermauert werden.
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