Politik

Attest ab dem ersten Tag: Vertragsärzte rechnen mit 30 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen

  • Freitag, 3. Juli 2026
/lyudinka, stock.adobe.com
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Berlin – Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und eine gesetzlich vorgeschriebene Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ab dem ersten Tag könnten zu 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen führen. Das zeigen konservative Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die dem Deutschen Ärzteblatt vorliegen.

Bei einer Behandlungsdauer – Untersuchung und Gespräch – von zehn Minuten ergibt das der KBV-Hochrechnung zufolge 208.000 komplette Arbeitstage, die für diese Leistung in der vertragsärztlichen Versorgung aufgewendet werden müssten.

Die zusätzlichen Behandlungszeiten führen der KBV zufolge zu übervollen Praxen, einem Wust an zusätzlicher Bürokratie und einem enormen Zeitaufwand, der zulasten der eigentlichen Patientenversorgung gehen werde.

„Es grenzt zudem an Irrsinn, abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln“, erklärten die Vorstände Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner. Wer huste, eine Magen-Darm-Infektion habe, gehöre ins Bett – und nicht in die Arztpraxis.

Wie hoch die zusätzlichen Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ausfallen, hat die KBV nicht berechnet. Der GKV-Spitzenverband äußerte sich auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes dazu zunächst nicht.

Das Vorhaben hatte der Koalitionsausschuss gestern in Berlin beschlossen. Heute ging die Interpretation der Regierungsparteien dazu bereits auseinander. Während die Union die Pläne verteidigt, relativierte die SPD das Vorhaben.

Als Grund für die Entscheidung hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den hohen Krankenstand in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern angegeben. Diesen „Wettbewerbsrückstand“ könne man sich „nicht länger leisten“. Kritik kam von Krankenkassen, Ärzten und der Opposition.

„Mehrere Auswertungen haben gezeigt, dass die Einführung der Krankschreibung per Telefon nicht die Ursache für den starken Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsmeldungen in den letzten Jahren sein kann“, sagte gestern die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann. Der geringe Anteil der telefonischen Krankschreibungen könne den starken Anstieg der AU-Fälle nicht erklären.

Dieser sei unter anderem durch die Einführung der elektronischen Krankmeldung im Jahr 2022 verursacht worden, die zu einer vollständigeren Erfassung der AU-Bescheinigungen bei den Krankenkassen geführt habe. „Für einen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung sehen wir keine Evidenz. Daher ist ihre Abschaffung aus unserer Sicht keine Maßnahme, die den Krankenstand senken wird, sondern reine Symbolpolitik.“

Krankschreibungen werden seit 2022 automatisch an die Krankenkassen übermittelt. Die Zahl der erfassten Fehltage stieg so von rund 15 Kalendertagen im Jahr 2019 auf 20 Tage im Jahr 2022 und bleibt seitdem auf diesem hohen Niveau. Allerdings eignen sich diese Zahlen nicht für einen internationalen Vergleich, weil die Meldesysteme zu unterschiedlich sind. Tatsächlich gibt es fast nirgends eine quasi Vollerhebung von Fehltagen wie durch das elektronische Meldeverfahren in Deutschland.

Internationale Vergleichbarkeit liefern die Ergebnisse der EU-Arbeitskräftebefragung. Sie gibt für Beschäftigte in Deutschland einen Wert von 3,6 Wochen krankheitsbedingter Abwesenheit pro Jahr an, was etwa 18 Arbeitstagen entspricht.

Darauf scheint sich auch Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) zu beziehen: „Wir haben mit die höchste Zahl an Krankheitstagen, etwa 18 Krankheitstage im Jahr pro Arbeitnehmer“, sagte er im ZDF. Allerdings liegt Deutschland in dem Ranking höchstens im oberen Mittelfeld.

In den nordischen Staaten und den Niederlanden sind die Fehlzeiten deutlich höher, Norwegen ist mit 6,7 Wochen pro Jahr Spitzenreiter. Auch Frankreich liegt leicht vor Deutschland, Belgien und Slowenien gleichauf, Österreich knapp dahinter. Sehr geringe Fehlzeiten gibt es etwa in Griechenland, Bulgarien und Rumänien, was Forscher auf die hohe Job-Unsicherheit in diesen Ländern zurückführen.

may/afp

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