China versechsfacht Arzneimittelforschung innerhalb eines Jahrzehnts

Berlin – Die Volksrepublik China hat ihren Anteil an den weltweiten Projekten zur Arzneimittelforschung und -entwicklung (F&E) innerhalb von weniger als einem Jahrzehnt von acht auf über 37 Prozent gesteigert und dürfte mittlerweile der weltgrößte Standort sein. Zu diesem Ergebnis gelangte eine jüngst im Fachjournal JAMA veröffentlichte Studie (2026; DOI: 10.1001/jama.2026.1962).
„Die weltweite Arzneimittelentwicklung in der Frühphase hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt und sich von einem von den USA dominierten System hin zu einer Struktur mit zwei Zentren entwickelt, deren Schwerpunkt in den USA und China liegt“, schreiben die beiden Autorinnen So-Yeong Kang und Yunan Ji von der Georgetown University in Washington D.C.
Große Pharmaunternehmen würden einen immer geringeren Anteil ihrer F&E intern durchführen und sich stattdessen verstärkt auf externe Start-ups, akademische Ausgründungen und grenzüberschreitende Kooperationen stützen.
Der Ort wissenschaftlicher Entdeckung und die Regionen der Arzneimittelvermarktung würden deshalb immer weiter voneinander abweichen. Dadurch werde die Aussagekraft von Analysen, die sich auf zugelassene Produkte konzentrieren, eingeschränkt, wenn es darum gehe, den Ursprung von Innovationen zu erfassen.
Deshalb haben die beiden Autorinnen für eine retrospektive Analyse die Clarivate Cortellis Drug Development Database herangezogen, die weltweite Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Pharmabereich bei öffentlichen und privaten Einrichtungen erfasst.
Arzneimittelentwicklungsprogramme im Frühstadium
Ihre Analyse umfasst dadurch auch Arzneimittelentwicklungsprogramme im Frühstadium, wobei sie Projekte in der Entdeckungs-, präklinischen oder frühen klinischen Testphase einbezogen haben.
Demnach stieg die jährliche Anzahl der Arzneimittelentwicklungsprogramme zwischen 2015 und 2024 von 10.417 auf 18.999, also um 82,4 Prozent, wobei präklinische Programme fast zwei Drittel ausmachten.
Während in dem Zeitraum in den USA ein Wachstum um 41,5 Prozent, von 5.024 auf 7.107 Projekte, zu beobachten war, lag dieses in China bei 641 Prozent. Die Zahl der dort durchgeführten Projekte stieg von 829 auf 6.145. In den anderen 82 Ländern, die in der Datenbank erfasst werden, stieg die Zahl zusammengenommen von 4.564 auf 5.747 Projekte, ein Plus von 25,9 Prozent.
Stammten im Jahr 2015 noch 48,2 Prozent der Programme aus den USA und 8,0 Prozent aus China, sank der US-Anteil bis 2024 auf 37,4 Prozent, während der chinesische Anteil auf 32,3 Prozent stieg. Diese Verschiebungen seien über alle Arzneimittelklassen und Therapiebereiche hinweg zu beobachten gewesen, wobei China vor allem im Bereich der Biologika ein enormes Wachstum aufweisen konnte. Die Zahl der Projekte in der frühen Entwicklungsphase stieg hier von 362 im Jahr 2015 auf 3.611 im Jahr 2024.
Im Laufe des Jahres 2025 – für das letzte Quartal lagen noch keine Daten vor, weshalb das Gesamtjahr nicht berücksichtigt wurde – dürfte China der Analyse zufolge die USA als Land mit den meisten Arzneimittelforschungsprojekten abgelöst haben.
Dabei, so betonten die Autorinnen, konnten sie anhand der Daten weder die Innovationsqualität bewerten noch Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen nachverfolgen. Das zeige wichtige Ansätze für die künftige Forschung auf.
„Da Arzneimittelkandidaten in der Frühphase die künftigen Zulassungen und Investitionen beeinflussen, könnten diese Veränderungen Auswirkungen auf die behördliche Koordinierung, die Entwicklung wissenschaftlicher Fachkräfte und den Zugang der Patienten zu neuen Therapien haben“, schlussfolgern Kang und Ji.
Deshalb sei eine kontinuierliche Beobachtung unerlässlich, damit politische Entscheidungsträger diese Folgen verstehen und geeignete finanzielle und regulatorische Anreize schaffen können.
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